Die Psyche der Amokläufer Rache der gestörten Persönlichkeit

Bei Amokläufern handelt es sich nicht um kaltblütig planende, geistig gesunde Menschen. Mit einem Appell an die Gesetzestreue wird George W. Bush deshalb weitere Amokläufe nicht verhindern.

Von Markus C. Schulte von Drach

Der Begriff Amok kommt aus dem malaiischen und bedeutet: in blinder Wut angreifen, töten.

Laut Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Amok "eine willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblich (fremd-)zerstörerischen Verhaltens. Danach Amnesie (Erinnerungslosigkeit) und/oder Erschöpfung. Häufig auch der Umschlag in selbst-zerstörerisches Verhalten, d.h. Verwundung oder Verstümmelung bis zum Suizid (Selbsttötung)".

Geht es nach George W. Bush, so haben alle Menschen das Recht, Waffen zu tragen. Sie sollen nur die Gesetze befolgen.

Was der US-Präsident offenbar nicht weiß: Manchmal geraten Menschen in einen Zustand, in dem sie nicht mehr in der Lage sind, darüber nachzudenken.

Zur Vorbeugung von Amokläufen ist ein Appell an die Gesetzestreue der Bürger deshalb völlig sinnlos. Und er belegt einen großen Mangel an Wissen über das Phänomen des Amokläufers.

Amokläufe lassen sich nicht auf das eine typische Motiv zurückführen. Und es handelt sich bei den Tätern auch nicht um kaltblütig planende, geistig gesunde Menschen.

Vielmehr kommen eine ganze Reihe von Ursachen und Auslösern zusammen, deren Zusammenspiel letztlich in einem blindwütigen Gewaltausbruch mündet.

Amokläufer in der westlichen Welt haben in der Zeit vor der Tat häufig unter extremen sozialen Spannungen, demütigenden Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz, in der Schule oder mit Behörden gelitten oder schwere Schicksalsschläge erlebt. Dabei müssen diese Ereignisse nicht unbedingt real gewesen sein. Sie können auch einer verzerrten Wahrnehmung der Realität entsprungen sein.

Die Motive der Täter lassen sich vordergründig grob unterteilen: Einige hatten offenbar politische Gründe, bei anderen waren es persönliche bzw. familiäre Ursachen. Und bei mehr als der Hälfte der von Psychologen und Sicherheitsexperten untersuchten Fälle ging es um Rache.

In lediglich sieben Prozent der Fälle konnte festgestellt werden, dass die Täter an einer seelischer Erkrankung litten. Die Dunkelziffer allerdings dürfte erheblich größer sein, da die meisten dieser Massenmörder während des Amoklaufs starben, so dass nur noch im Nachhinein nach früheren Auffälligkeiten in ihrem Verhalten gesucht werden konnte.

Wie viele Amokläufer tatsächlich unter Persönlichkeitsstörungen oder Geisteskrankheiten litten, lässt sich deshalb nicht sagen.

Paranoia und Narzissmus

Aber gerade Persönlichkeitsstörungen führen zu schweren Konflikten mit anderen Menschen und der Gesellschaft insgesamt, wie man sie bei Amokläufern häufig beobachtet hat.

So reagieren etwa Menschen mit Paranoia extrem überempfindlich und nachtragend auf reale oder eingebildete Zurückweisungen und Erniedrigungen. Im Zusammenhang mit einem überhöhten Selbstwertgefühl, Misstrauen und Eifersucht kann es zu einer explosiven Gefühlsmischung kommen.

Manche Fachleute halten auch einen Zusammenhang mit einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom impulsiven oder vom Borderline-Typus für möglich: In diesen Fällen kann es zu unkontrollierten Gewaltausbrüchen kommen - gerade bei realer oder nur eingebildeter Kritik.

Auch Narzissmus, eine schwere neurotische Störung, kann bei Amokläufern eine wichtige Rolle spielen. Betroffene zeichnen sich durch eine extreme Selbstliebe oder Selbstverherrlichung aus und erwarten von ihrer Umwelt die ihnen ihrer Meinung nach gebührende Zustimmung und Bewunderung. Diese allerdings wird meist verwehrt.

Paradoxerweise leiden die Patienten zugleich an Minderwertigkeitskomplexen. Negative Erlebnisse wie Zurückweisungen oder Verweigerungen können zu Gewaltausbrüchen führen.

Einige Amokläufer könnten auch unter Psychosen gelitten haben - etwa im Rahmen einer Schizophrenie - oder sie standen unter Drogen. Auch organische Erkrankungen des Gehirns halten Fachleute für eine mögliche Ursache. So litt etwa Charles Whitman, der Texas Tower Sniper, der 1966 insgesamt 15 Menschen tötete, an einem Hirntumor.

So überraschend ein Amoklauf erscheinen mag - normalerweise geht einer solchen Tat eine Phase der Zuspitzung voraus. Nur verhalten sich die Täter auch in dieser Zeit häufig nicht auffällig genug, als dass die Entwicklung früh genug erkannt werden könnte. Gerade unter Schülern wurde beobachtet, dass Hinweise auf einen bevorstehenden Gewaltausbruch von Mitschülern schlicht und einfach nicht ernst genommen wurden.

Wenn man Amokläufe wie in Blacksburg verhindern will, muss man die Sensibilität gegenüber Hinweisen erhöhen, die auf ernsthafte Probleme bei Mitmenschen deuten. Dies gilt insbesondere für Schüler und Lehrer.

Zum anderen ließe sich die Zahl der Opfer mit Sicherheit verringern, wenn der Zugang zu Schusswaffen erschwert wird. Der Gewaltausbruch eines Amokläufers wird sich dadurch vielleicht nicht verhindern lassen. Aber Täter, die lediglich mit einem Messer ausgerüstet sind, sind nicht in der Lage, innerhalb kürzester Zeit so viele Menschen zu töten, wie mit einem Schnellfeuergewehr.