Die Paar Probleme (7) Halt du dich da raus!

Wenn es um ihre Tochter geht, darf er nicht mitreden. Typisches Patchworkfamilien-Problem - oder unterschwelliger Machtkampf?

Von Violetta Simon und David Wilchfort

Manchmal braucht die Liebe Unterstützung, das gilt auch - oder gerade - für "alte Hasen". Der Paartherapeut David Wilchfort und sueddeutsche.de-Redakteurin Violetta Simon suchen im gemeinsamen Gespräch Antworten auf Beziehungsfragen unserer Leser - und zwar immer für beide Partner.

Der Stiefvater: Miterzieher oder entrechteter Zahlmeister? Patchworkfamilien verlangen einer Beziehung zuweilen einiges ab.

(Foto: Foto: photocase)

Diese Woche erreichte uns folgendes Schreiben:

Adam: Wir haben ein typisches Patchworkfamilienproblem. Wenn es um die Erziehung von Evas Kindern aus erster Ehe geht, macht sie alles alleine mit ihnen aus. Seit Monaten soll sich ihre älteste Tochter entscheiden, ob sie auszieht. Obwohl von mir erwartet wird, dass ich die Finanzierung einer neuen Bleibe mittrage, werde ich in diese Gespräche nicht miteinbezogen. Ich will aber nicht nur den Zahlmeister spielen, zumal ich auch Verantwortung gegenüber meinen eigenen Kindern habe - auch wenn meine Söhne älter sind.

Eva: Es ist nicht leicht, alleine für drei Töchter zu sorgen. Seit der Scheidung hat sich der leibliche Vater von uns distanziert. Mein jetziger Mann und ich sind in vielen Dingen einer Meinung, aber oft hat er einen schulmeisterlichen Ton - besonders, wenn es um meine Kinder geht. Ich finde ja auch, dass meine Tochter sich endlich entscheiden muss, ob sie bei uns bleibt. Ich möchte nur nicht ständig zurechtgewiesen werden, ich würde es ihr zu leicht machen. Dann behauptet er auch noch, das alles geschähe auf seine Kosten. Ich habe mit meiner Tochter ein ernstes Wort gesprochen, finde aber nicht, dass ich haarklein alles weitergeben muss.

sueddeutsche.de: Der "böse Stiefvater" und die "Stiefmutter" sind passé: Heute wollen sich nicht nur die Väter, sondern auch die "Stiefväter" stärker in die Erziehung einbringen. Macht die Patchworkfamilie als zeitgemäße Lebensform eine Beziehung komplizierter?

David Wilchfort: Das beobachte ich immer öfter. Auch Adam will nicht nur beim zweiten Mal ein besserer Partner sein, sondern auch ein guter Zweit-Vater. Das schafft natürlich auch Leistungsdruck und Angst, zu versagen.

sueddeutsche.de: Offenbar ist Adams Engagement aber unerwünscht: Während der Exmann und leibliche Vater sich nicht beteiligen will, darf sich Adam nicht beteiligen.

Wilchfort: Weil Eva verunsichert ist. Sie fragt sich: Ist mein Mann zu streng mit meinen Kindern? Sollte ich sie besser vor ihm schützen? Das spürt Adam, fühlt sich ausgeschlossen. Er versucht umso mehr, seinen Senf dazuzugeben, um wieder dazuzugehören. Das verunsichert Eva erst recht - ein Teufelskreis. Jeder versucht, seine eigene Angst zu besänftigen, doch die Mittel erhöhen die Angst beim Partner.

sueddeutsche.de: Es kommt mir beinahe so vor, als ginge es gar nicht darum, wer die Kinder wie erzieht. Könnte es sein, dass er in Wirklichkeit sie erziehen will - und umgekehrt?

Wilchfort: Eva würde Ihnen da wahrscheinlich zustimmen. Adam hingegen will seiner Lebenspartnerin etwas geben, was sie nicht annehmen kann. Wenn Geschenke nicht angenommen werden, wird man ärgerlich. Adams beleidigter Ton führt dazu, dass Eva nicht sein Leid, sondern nur den Ärger heraushört. Der Teufelskreis aus Angriff und Verteidigung dreht sich immer schneller.

sueddeutsche.de: Es ist ja nicht so, dass sie von Adam gar nichts annimmt. Unterstützen soll er das Projekt schon - finanziell jedenfalls.

Wilchfort: Seine Bemerkung, er solle "nur den Zahlmeister spielen", ist Ausdruck seines Ärgers. Wenn er sich als Miterzieher akzeptiert fühlen würde, spräche er das Geld gar nicht an.

sueddeutsche.de: Darin liegt der Widerspruch seiner Argumentation: Einerseits fühlt er sich ausgeschlossen, andererseits argumentiert er mit Geld, was ihn von der Familie distanziert. Die logische Konsequenz seiner Botschaft: Wenn man ihn miteinbezieht, würde er auch lieber bezahlen. Andersherum: Er bezahlt nur, wenn er mitreden darf.

Wilchfort: Ich glaube eher, Adam würde am liebsten gar nicht über Geld reden. Aber wenn Eva ihn schon aus Erziehungsfragen ausschließt, möchte er wenigstens darauf hinweisen, wo die Mutter-Kind-Familie von seinem Geld profitiert.

sueddeutsche.de: Dann befindet sich innerhalb der Patchworkfamilie eine Art "interne Familie", die sich nicht in die Karten schauen lässt?

Wilchfort: Genauso erlebt Adam das. Und Eva erlebt es eben anders. Sie ist verunsichert und würde gern darauf vertrauen, dass Adam "nicht schädlich" für ihre Kinder ist.

sueddeutsche.de: Inwiefern sollte Adam "schädlich" für ihre Kinder sein?

Wilchfort: Eva schließt von sich auf die Kinder. Sie denkt: Wenn er schon auf mich zu streng wirkt, dann ist er ihnen gegenüber noch rigoroser.

sueddeutsche.de: Die Lösung kann aber nicht sein, ihn von allem fernzuhalten. Da kann sie ja gleich eine richterliche Verfügung erwirken, dass er sich ihren Kindern nicht näher als auf zehn Meter nähern darf - außer mit einem Geldschein in der Hand. Keine gute Basis für eine Lebensgemeinschaft.

Wilchfort: Solche Ideen können aus Wut über Zurückweisung durchaus entstehen. Ich bin mir aber sicher, dass Adam und Eva diesen Gedanken weit von sich weisen würden. Sie haben sich in diese festgefahrene Situation hineinmanövriert, obwohl sie es beide nicht wollen. Eigentlich würde sie ihm gerne vertrauen, er würde sich gerne miteinbezogen fühlen.

sueddeutsche.de: Dann werden sie nicht darum herumkommen, sich gegenseitig zu vertrauen - oder es zu lernen. Eine Möglichkeit wäre wohl gegenseitige Akzeptanz, denken Sie nicht?

Wilchfort: Ja, das ist der Schlüssel, um den Teufelskreis aufzulösen. Ich hätte da einen Vorschlag, was sie probieren könnten. Dabei ist es wichtig, die vorgegebene Reihenfolge einzuhalten: Adam und Eva setzen sich zusammen zu einem Gespräch - Adam sagt seiner Partnerin, worin er ihre Erziehungsstärken sieht und wofür er sie bewundert.

sueddeutsche.de: Dasselbe gilt für Eva?

Wilchfort: Auch Eva soll ihrem Partner sagen, wann sie sich bei ihm gut aufgehoben gefühlt hat und aus diesem Gefühl heraus eine Situation gemeistert hat. Durch diese gegenseitige Bestätigung finden Sie am ehesten wieder zur gegenseitigen Akzeptanz zurück.

sueddeutsche.de: Schön. Sie sagen sich also gegenseitig, wie toll sie sich finden. Lösen sich damit ihre Vorbehalte und das Misstrauen automatisch in Luft auf?

Wilchfort: Noch nicht. Als Nächstes sollten sich die beiden gemeinsam über die Dinge auszutauschen, durch die sie beide in ihrer Partnerschaft verunsichert werden. Es ist wichtig, dass sie dabei Anklagen und Rechtfertigungen vermeiden.

sueddeutsche.de: Also die klassische Regel des Feedbacks.

Wilchfort: Genau - es geht an dieser Stelle nicht darum, ob ein Gefühl berechtigt ist oder nicht. Adam und Eva können der festgefahrenen Situation nur entkommen, wenn sie versuchen, sich in den anderen einzufühlen und zu verstehen, was der Partner meint, egal wie unsinnig es einem vorkommt.

sueddeutsche.de: Schön. Und wie kommen die beiden auf den eigentlichen Punkt - eine gemeinsame Vertrauensbasis?

Wilchfort: Nun haben Sie doch Geduld! Jetzt beginnt die nächste Stufe des Gesprächs: Nachdem beide gezeigt haben, dass sie sich schätzen und wo sie verletzlich sind, können sie sich dem eigentlichen Thema nähern: sich gemeinsam überlegen, wie sie in Zukunft vermeiden können, sich gegenseitig zu verunsichern.

sueddeutsche.de: Jetzt aber bitte ein praktisches Beispiel! Was würden Sie Adam und Eva raten, zu tun - jetzt sofort!

Wilchfort: Also gut. Finden Sie heraus, welche Sätze ein rotes Tuch für den Partner sind. Erklären Sie sich gegenseitig, was Sie brauchen, um sich vom Partner angenommen zu fühlen. Zum Schluss überlegen Sie sich, wie Sie schwierige Erziehungsthemen in Zukunft anders angehen könnten. Wenn Sie die ersten Phasen des Gesprächs erst einmal geschafft haben, werden Sie sicherlich kreativere Lösungswege finden als die festgefahrenen Muster.

sueddeutsche.de: Könnte sein, dass damit eine Gelassenheit einkehrt, die aus dem "bösen Stiefvater" den Vater macht, der er gerne wäre?

Wilchfort: Sie haben es wieder auf den praktischen Punkt gebracht. Ich will aber noch ergänzen: den Vater, den auch Eva sicherlich gerne für ihre Kinder hätte.