Die Restrealität

Rein darf nur, wer einen kennt, der schon drin ist: So ist das bei der Restrealität, einem Club, der kein Club sein möchte, einer geschlossenen Gesellschaft, die eigentlich für absolute Freiheit eintritt. Zunächst war die Restrealität eine Webseite. Gegründet als digitaler Ersatz für einen verlorenen Ort: Als der Berliner Club Ostgut nach einer mehrtägigen Abschlussparty im Jahr 2003 geschlossen wurde, verloren Tausende Berliner ihre geistige Heimat. Auf restrealität.de trafen sie sich wieder, sinnierten über Partys und alles, was dazugehört: über Musik, vor allem elektronische, über das Glück beim Tanzen und wie es gelingen kann, 48 Stunden lang wach zu bleiben.

Es sind Menschen auf der Suche nach Irrsinn, nach Ekstase, nach Melancholie. Weil solche Menschen anziehend wirken, wurde die Restrealität rasch mehr als eine Webseite: ein Mythos. Tausende registrierten sich, bis die Betreiber das Bürgensystem einführten. Die sind übrigens freundliche Menschen, denen es tatsächlich nur darum geht, die Lust an der Berliner Nacht mit Gleichgesinnten zu teilen. Aus dem Erfolg ihrer Internetseite und den Parties, die unter derselben Marke veranstaltet werden, könnten sie leicht Kapital schlagen. Aber genau darum geht es eben nicht. Im Mittelpunkt steht das Gefühl, morgens um zehn mit einem Freund aus der Restrealität in den Sonnenaufgang zu tanzen.

Das klingt simpel, aber tatsächlich gibt es wenige Menschen, für die dieses Glück den Großteil des Lebens ausmacht. Deshalb bilden die Mitglieder der Restrealität auf ihre Art eine Elite. Die allermeisten von ihnen dürften von diesem Begriff nichts halten. Er klingt so gar nicht nach Party.

Text: Johannes Boie

8. August 2011, 09:482011-08-08 09:48:19 © SZ vom 6.8.2011/vs