Das Geheimnis Selbstbedienung

Wie ein Manuskript des berühmten Soziologen Siegfried Kracauer von Kollegen gnadenlos ausgeschlachtet wurde.

Von Volker Breidecker

Erschreckend ist die Blindheit vieler Intellektueller im Deutschland der Dreißigerjahre für die auf Krieg und Vernichtung zielende totalitäre Logik des Nationalsozialismus. Unter dem marxistischen Dogma vom Primat der Ökonomie über die Politik und im Glauben an die weltweite Herrschaft des Monopolkapitals schienen alle Unterschiede zwischen demokratisch, autoritär und faschistisch organisierten Staatswesen zu schwinden, sodass es sich anscheinend überall gleich gut oder schlecht leben ließ. Dies war die hauseigene Gesellschaftstheorie auch des legendären Frankfurter Instituts für Sozialforschung, das 1933 über Genf nach New York emigrierte.

Noch im April 1933 schrieb der Philosoph Theodor W. Adorno aus Berlin an seinen alten Freund, den Soziologen und späteren Filmtheoretiker Siegfried Kracauer (1889-1966), der am Morgen nach dem Reichstagsbrand nach Paris geflohen war: "Im übrigen ist mein Instinkt für Dich der: nach Deutschland zurückzukommen. Es herrscht völlige Ruhe und Ordnung; ich glaube, die Verhältnisse werden sich konsolidieren." Kracauer hatte soeben den Redakteursjob bei der Frankfurter Zeitung verloren und war anderer Meinung. Schon im August 1930 schrieb er an Adorno: "Es waltet ein Verhängnis über diesem Land, und ich weiß genau, dass es nicht nur der Kapitalismus ist."

Theodor W. Adorno stutzte die Studie seines Freundes Kracauer von 178 auf 30 Seiten herunter

Was dann? Darüber forschte Kracauer im Auftrag des Instituts für Sozialforschung seit Anfang 1937 an einer Studie über faschistische Propaganda in Deutschland und Italien. 1938 trug das fertige Typoskript von 178 Seiten den Titel "Die totalitäre Propaganda. Ein politischer Traktat". Kracauer tauschte sich damals viel mit dem abtrünnigen italienischen Kommunisten Ignazio Silone aus. Wie dieser grenzte er sich vom starren marxistischen "Basis-Überbau"-Schema ab, auch von Vorstellungen historischer Gesetzmäßigkeit und rein ökonomischer Bestimmtheit politischer wie kultureller Prozesse. Angesichts der Rituale und Massenrhetorik des Faschismus in Deutschland und in Italien - dort wurde in den Zwanzigerjahren der Begriff des Totalitarismus erstmals geprägt - behauptete Kracauer das "Eigenleben der politischen Strukturen". Kern der Studie war der Nachweis einer genuinen Zusammengehörigkeit von Propaganda und Terror, deren Zusammenspiel auf die "psycho-physischen" Strukturen der Menschen ziele, um sie an den empfindlichsten und empfänglichen Stellen zu erfassen, an Leib und Seele und - wie Kracauer später formulierte - "mit Haut und Haaren". Die Studie endet mit dem prophetischen Satz: "Hinter dem Tumult der totalitären Propaganda taucht ein Totenkopf auf."

Die Auftraggeber, Adorno voran, sperrten sich noch ähnlichen Einsichten, auch wenn die Unzufriedenheit mit der ökonomisch begründeten Gesellschaftstheorie, die am wenigsten etwa den Antisemitismus der Nazis erklären konnte, allmählich auch andere Mitglieder des Instituts erfasste: "Pro domo" polterte Leo Löwenthal schon 1934 in einem Brief an Herbert Marcuse: "... all diese Aufgeblasenheit ist keine Antwort auf die Frage: Aber warum die Juden? Warum nicht die Radfahrer?"

Adorno freilich, der, im Verein mit Walter Benjamin, Kracauer schon wegen des Skandals seiner "Gesellschaftsbiographie" über "Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit" zu "entmündigen" (!) plante, hatte sich da bereits des Typoskripts angenommen und es auf nur 30 Seiten reduziert: Unter dem neuen Titel "Zur Theorie der autoritären Propaganda" sei - wie er Benjamin versicherte - "von Kracauer buchstäblich kein Satz außer den Hitlerzitaten erhalten geblieben". Als Kracauer mit Adornos Version konfrontiert wurde, folgte der Eklat: "Du hast in Wahrheit mein Manuskript nicht redigiert", schrieb Kracauer nach New York, "sondern es als Unterlage für eine eigene Arbeit benutzt." Dieser Version entzog er die Druckerlaubnis.

Seither ist das Konvolut verschwunden. Aus Kracauers Korrespondenz geht hervor, dass es in Durchschlägen, von denen er stets mehrere anfertigte, unter Interessenten innerhalb wie außerhalb Frankreichs kursierte. Auch bot Kracauer es der amerikanischen Partisan Review und deren Herausgeber Dwight Macdonald an - mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass es "Eigentum der Zeitschrift für Sozialforschung" sei, die Anschrift Max Horkheimers beigefügt. Erhalten geblieben ist neben Vorarbeiten nur die handschriftliche Fassung der Studie in drei französischen Cahiers. Nach Entzifferung von Kracauers nur für den Eigengebrauch gedachter Kurzschrift erschien die Studie endlich im Jahr 2013, herausgegeben von Bernd Stiegler, bei Suhrkamp.

Was aber ist mit dem am Institut für Sozialforschung archivierten Originalmanuskript geschehen? Antworten darauf gibt die Korrespondenz der Institutsmitglieder: 1940 - gegen alle Theorie hatte Deutschland einen neuen Weltkrieg angezettelt - plante das Institut ein "Deutschlandprojekt", das Adorno um eine Sektion über Propaganda zu erweitern vorschlug. An Horkheimer schrieb er im Juli 1940: "Den Entwurf des Propagandaabschnitts würde ich im Anschluss an den Kracaueraufsatz, der uns doch einmal zu etwas gut sein soll, selber ausarbeiten." Also wurde das Typoskript noch einmal in ähnlicher Weise traktiert, wie es Adorno 1938 Benjamin gegenüber angekündigt hatte: Zu retten sei es nur, "wenn man es vollständig zerschlägt und dann kleinste Stücke zusammenmontiert". Schnipp-Schnapp. "Das andere" - so wiederum der Vorschlag von 1940 - werde "hoffentlich Neumann machen".

Der Politologe Franz Neumann, der dem Institut seit 1936 angehörte, war - wie aus Adornos Briefen ersichtlich - schon 1938 an der redaktionellen Einschmelzung des Textes beteiligt. 1942 ging aus dem geplanten "Deutschlandprojekt" Neumanns Pionierwerk zur Politischen Soziologie des NS-Staats "Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus" hervor. Es enthielt auch ein Kapitel "Propaganda und Gewalt". Ein Exemplar der amerikanischen Originalausgabe befindet sich in Kracauers nachgelassener Bibliothek. Schlägt man dieses Buch auf Seite 402 auf, so stößt man auf Ausführungen über "Propaganda und Terror" als zwei Aspekte ein und derselben Sache. Kracauer, penibel im Umgang mit Papier, war passionierter Pfeifenraucher. Was sich im Nachlass in einem für ihn unerfreulichen Brief Adornos findet, ist auch an dieser Stelle des Buchs zu entdecken: Brandflecken und Reste von Tabakasche. Einem geübten Pfeifenraucher passiert so etwas meist nur, wenn er, etwa bei der Lektüre aufgeschreckt, ziemlich baff in die Pfeife pustet, statt an ihr zu ziehen.