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Beziehung und Eifersucht:Er hat eine andere - wie schön!

sueddeutsche.de: Wie entsteht Eifersucht?

zwei mädchen, ein junge

"Vom Unterricht habe ich nicht viel mitbekommen" - in der dritten Klasse war Bärlocher in zwei Mädchen verliebt. Und sie in ihn.

(Foto: Foto: iStockphotos)

Bärlocher: In erster Linie basiert dieses Gefühl auf Trennungs- und Verlustangst, Angst vor dem Alleinsein, Verlust der Geborgenheit, ökonomischer oder emotionaler Sicherheit, Angst vor Ohnmacht, aber auch Angst vor Autonomie oder Verlust der Autonomie. Und schließlich hat Eifersucht etwas mit Angst vor der Endlichkeit zu tun. Wir alle werden älter und sterben. Davor haben die meisten Menschen eine tiefe, unterschwellige Furcht. Eifersucht hat mit Todesangst zu tun.

sueddeutsche.de: Wie kann ich dagegen vorgehen?

Bärlocher: Erst einmal aufdröseln: Welche Ängste stecken dahinter? Was befürchte ich konkret? Dann sprechen Sie mit Ihrem Partner darüber: Seine Gefühle, meine Gefühle, wie gehen wir damit um? Wenn er sie liebt, wird er darauf eingehen. Er wird ernst nehmen, was Sie fühlen und sich wünschen.

sueddeutsche.de: Und wenn mir das nicht reicht? Wenn die Eifersucht nicht verschwindet? Wenn sie krankhaft ist?

Bärlocher: Dann hilft nur eine Therapie. Es kommt übrigens auch vor, dass der andere die Eifersucht des Partners bewusst instrumentalisiert, um ihn zu unterdrücken.

sueddeutsche.de: Glauben Sie, dass Eifersucht in der Natur des Menschen liegt - ähnlich wie Neid oder Angst?

Bärlocher: Nicht unbedingt. Es gibt Menschen, die kennen keine Eifersucht. Es gibt andere, die erleben das erst spät in ihrem Leben zum ersten Mal. Ich kann mir das auch nicht erklären. In diesem Moment komme ich mir vor, als hätte ich einen genetischen Defekt.

sueddeutsche.de: ... mit dem Sie offenbar ganz gut zurechtkommen ...

Bärlocher: Kennen Sie den Begriff der Mitfreude?

sueddeutsche.de: Sagt mir was. Ich kann mich aber nur bis zu einer gewissen Grenze mitfreuen.

Bärlocher: Dennoch wäre es theoretisch möglich, dass ein Partner einem anderen innig nahe ist und Sie sich darüber freuen?

sueddeutsche.de: Da halte ich es lieber mit der - in monogamen Beziehungen verbreiteten - Theorie: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.

Bärlocher: Wenn Sie meinen ...

sueddeutsche.de: Sie halten das für Selbstbetrug?

Bärlocher: Ja, aber das macht ja nichts - wenn Sie und Ihr Partner damit gut fahren, ist es doch in Ordnung.

sueddeutsche.de: Jetzt machen Sie sich aber über mich lustig!

Bärlocher: Aber nein. Ich denke nur, wenn jemand sagt: Ich will es nicht wissen, steckt Angst dahinter. Verlustangst, Neid oder Angst, teilen zu müssen.

sueddeutsche.de: Wie entsteht diese Angst?

Bärlocher: Die meisten haben sich als Kind geschworen: Wenn ich groß bin, will ich nie mehr teilen müssen.

sueddeutsche.de: Was müssen Kinder denn teilen?

Bärlocher: Eine Tochter den Vater, der immer mit der Mutter zusammen ist. Oder der Erstgeborene, der ein Geschwisterchen bekommt, und sich fragt: Warum noch ein Kind, die haben doch mich! Das sind grundlegende Fragen, auf die kein Kind wirklich erschöpfend Antworten findet.

sueddeutsche.de: Und wie geht es weiter?

Bärlocher: Später sind wir alle auf der Suche nach dem Prinzen, der den Vater ersetzt und mit dem wir das leben können. Kaum kommt ein Dritter ins Spiel, bricht das alles wieder auf: Die existenziellen Verlustängste kommen wieder hoch.

sueddeutsche.de: Sind Kinder, die in einer polyamoren Beziehung aufwachsen, später vor Eifersucht gefeit?

Bärlocher: Davon würde ich nicht ausgehen. Dieses Grundmuster Vater/Mutter/Kind ist in unserer Kultur einfach zu fest verankert.

Was polyamor lebende Menschen unter Treue verstehen, lesen Sie auf der nächsten Seite ...