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Aufräum-Beratung:In unserem Schrank gibt es jetzt einen Stapel mit Streifen-Shirts

Raum eins. Bongotrommeln stehen auf dem Kleiderschrank, ein Tischkicker und mehrere noch nicht ganz fertiggestellte Lego-Raumschiffe. Hier wohnen Laubbläser-Jim und Schlampermäppchen-Gionatan. Die Schranktüren sind mit extrastarken Magnetschnappern ausgestattet. Zwölf Kilo Haltekraft. Sonst standen sie immer offen. Das untere Drittel des Schranks ist mit einem Holzgitter abgesperrt, dahinter: Faschingsklamotten.

Aufräumen bei Familie Cadeggianini

Nach dem Aufräumen liegen alle Kleider in Reih und Glied. Die Frage ist nur: Wie lange noch?

(Foto: Natalie Neomi Isser)

Bianca Stäglich zupft an Kleidungsstapeln, zieht eine Hose heraus: "Damit wärst du ziemlich up to date im destroyed look." Jim, sechster von sieben, dessen Kleidung zu 95 Prozent aus Hand-me-down-Wäsche besteht, schaut verständnislos durch sie hindurch. Wie ein Casino-Croupier das Kartenblatt blättert Bianca Stäglich nun die T-Shirt-Stapel durch, mit schnellen Bewegungen sortiert sie die Stücke nach Farben. "Legt ihr viel Wert auf Stil?" Gionatan: "Nur bei Sportklamotten." "Legt ihr auch ein bisschen Wert auf Hosen- und T-Shirt-Farbe?" Gionatan: "Nur bei Sportklamotten." Bianca Stäglich tritt einen Schritt vom Schrank zurück und betrachtet ihr Werk. Es gibt jetzt einen extra Stapel mit gestreiften T-Shirts. "Okay", sagt sie zu Gionatan: "Aber wenn du zum Beispiel sagst: Heute habe ich Bock auf Streifen?" "Dann", sagt er, "nehme ich ein Juventus-Trikot."

Bianca Stäglich richtet sich an mich: "Wird wirklich alles von diesen Verkleidungssachen benötigt?" Ich wiege den Kopf hin und her. Sie schlägt vor, Accessoires in Aufbewahrungsboxen zu separieren. Ebenso die Judoanzüge und Pyjamas - klassische Rausrupfartikel. "Und unbedingt undurchsichtige Boxen wählen. Das strahlt Ruhe aus." In der Kiste dürfe sogar ein bisschen Unordnung herrschen.

Dann kommt etwas, was als "umgekehrter Krokodilsgriff" in unseren Anziehalltag Einzug halten wird. Bianca Stäglich stellt sich neben den soeben fein auf Sichtkante geordneten Hosenstapel. Sie fordert Jim auf, die petrolfarbene Jeans herauszunehmen. Heimtückischerweise liegt diese aber im unteren Fünftel des Stapels. Jim, frei von jeglichem Problembewusstsein, greift die Hosenfalte mit der rechten, drückt mit der linken Hand gegen den darüber liegenden Stapel und reißt. "Und genau das", sagt Magic Bianca, während die Hosen purzeln, "ist falsch." Mit schnellen Bewegungen stellt sie die ursprüngliche Ordnung wieder her und zeigt, wie es richtig geht: Sie fährt tief mit beiden Armen oberhalb der Wunschjeans hinein, klappt die Ellenbogen auseinander, wobei die Fingerspitzen zunächst zusammenbleiben, nimmt dann mit der unteren Hand die Hose heraus. Der Krokodilsarm schließt sich wieder. Alles fein gestapelt. Bianca Stäglich macht ein Siehst-du-jetzt-wie-das-geht-Gesicht. Jim kickt einen herumliegenden Torwarthandschuh durch den Raum. "Kommst du jetzt auch, wenn wir uns morgens anziehen?"

Ich bin der festen Überzeugung, dass im Thema Ordnung eine ganz eigene Facette des Spannungsfelds "Kinder und Karriere" lauert. Zu Hause sind Eltern oft toujours damit beschäftigt, gegen das Chaos anzugehen. Küche, Spielzimmer, Kleiderschrank - ständig müssen wir um Ordnung streiten. Und im Job sollen wir dann plötzlich umschalten und irre kreativ sein.

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