bedeckt München 15°

Alkohol in der Gesellschaft:Die Prosecco-Lüge

Prosecco steht für die unverbindliche Plauderei unter Kollegen, Ramazotti dagegen für die Bereitschaft, soviel zu trinken, dass man am Ende mit Tränen in den Augen seine Probleme erzählt. Und das kommt schlecht an.

Es hat vor etlichen Jahren einmal eine kleine Feier stattgefunden, bei der ein paar Freunde sich an gemeinsame Schulzeiten erinnerten, und zwar in einem gediegenen Rahmen auf dem Dachboden eines alten Fachwerkhauses. Ein sehr schönes Büfett war aufgebaut, und alle tranken das berühmte gepflegte Pils, immer schön in kleinen Gläsern mit gezacktem Abtropfblättchen am Stielfuß. Gespräche kreisten um Gewesenes und in Aussicht Stehendes, und der moderate Trinkrhythmus sorgte dafür, dass man das freundliche Wort "angeheitert" auf die meisten Gäste anwenden konnte.

So sieht für die meisten Menschen Geselligkeit aus

(Foto: Foto: AP)

Aber dann passierte das: Die Stunde war schon fortgeschritten, als einer der Freunde gewissermaßen aus der gediegenen Feierkultur ausscherte und hackenstramm in der Beilagenabteilung des Büfetts zu liegen kam. Der Mann war so betrunken, dass er nicht anders konnte, als an exakt dem Ort, wo ihn der Vollrausch übermannte, niederzugehen und zwischen Tomatenvierteln, Lachsscheiben und halbgefüllten Saucieren in die Bewusstlosigkeit zu gleiten.

Irgendwann wurde er von einer Kollegin entdeckt und mit Hilfe weiterer Männer aus den Salaten entfernt. Es folgten Entschuldigungen an die Wirtsleute sowie Beteuerungen, dass man sich von solcherlei Rauschgier distanziere und so weiter.

Was war geschehen? Die Welt der kalkulierbaren Trinkkultur hatte plötzlich einen hässlichen Riss bekommen, und wer in diesen Riss blickte, sah die Volltrunkenheit, die nicht mehr feierliche, komplette Sternhageldichtheit des einzelnen als Möglichkeit in uns allen. Das Ganze hatte fast etwas Kantianisches.

Code des Angeheitertseins

Trinken ist nur so lange in Ordnung, wie es nicht auffällt. Im Grunde kann jeder, vorausgesetzt er verträgt einiges, sich den ganzen Abend durch Vernissagen, Stehempfänge, Opernpausen und Museumseinweihungen schlucken, Hauptsache, er bricht nicht den allgemein gültigen Code des Angeheitertseins.

Dieser gestattet es sogar, dass man nach ein paar Gläsern Weißwein gemäßigt anzüglich wird und die Bonmots einen feinen sexuellen Anstrich kriegen; man darf Bussis geben, Umarmungen riskieren und Menschen, die man bis dahin nur vom Sehen kannte, mit distanzlosen Koseworten bedenken.

Was man niemals tun darf: einer Weinrunde zugunsten einiger Whisky- oder Tequilaintermezzi zunächst den Rücken kehren, um anschließend als diabolisch angesoffener Stänkerer wiederzukommen. Dabei sind ja die wütenden Säufer die eigentlich interessanten, weil sie den Common Sense aufheben und der Welt den Spiegel vorhalten, wohingegen die Welt zumeist nur auf deren Alkoholspiegel blickt.

Sauferei als diplomatische Spielart

Geschichte, Kunst und Literatur sind voll mit wilden Trinkern. In Hemingways Roman "Fiesta" geht es eigentlich mehr um spanischen Rotwein als um Stierkämpfe. Joseph Roth hätte niemals die schöne Legende vom heiligen Trinker schreiben können, wenn er nicht heillos dem Suff verfallen wäre, und es ist zweifelhaft, dass es Konrad Adenauer gelungen wäre, die deutschen Kriegsgefangenen aus Russland in die Heimat zurückzuholen, wenn er nicht, unter Zuhilfenahme des Alkohol bindenden Olivenöls, mit Nikita Chruschtschow eine klärende Wodkanacht verbracht hätte. Trotzdem hat sich die strategische Sauferei als diplomatische Spielart nicht durchsetzen können - offiziell zumindest.

In seinem witzigen und klugen Buch "Alk" schreibt Simon Borowiak im Hinblick auf die "alkoholische Relativitätstheorie", dass laut dieser "die Aufnahme der richtigen Alkoholika zur richtigen Zeit" entscheidend sei für die gesellschaftliche Akzeptanz des Trinkens.

Würde die Sekretärin zur Feier des Tages statt einer Flasche Sekt ein Spritzbesteck, Tabletten und Joints in die Runde werfen, wären die Kollegen befremdet. Schon bei harten Getränken würde das vermutlich anfangen. Prosecco steht für die unverbindliche Plauderei unter Kollegen, Ramazotti dagegen für die Bereitschaft, soviel zu trinken, dass man am Ende mit Tränen in den Augen seine Probleme erzählt. Übrigens kann eine volltrunkene Frau noch weniger mit Verständnis rechnen als ein Mann mit vergleichbaren Promillewerten.

Der Volltrunkene markiert, besonders wenn er öffentlich in Erscheinung tritt, den Grenzwert der menschlichen Würde. Man schämt sich, ihn zu sehen, andererseits ist man über das, was er sagt und tut, belustigt; letztlich erkennt man im Zugedröhnten bloß noch einen erbärmlichen Menschen, der in Schwierigkeiten steckt.

Alkoholikertreff Bundestag

Joschka Fischer hat den Deutschen Bundestag einmal eine "unglaubliche Alkoholikerversammlung" genannt. Ein freches Wort und zudem schwer zu belegen, jedenfalls bis zum 23. November 1994, als der FDP-Abgeordnete Detlef Kleinert ans Pult trat und, angeblich unter dem Eindruck einer vorangegangenen kleinen privaten Feier, mit schwerer Zunge seine Rede lallte, welche in dem Vorwurf gipfelte, die Aufnahmefähigkeit der Kollegen Abgeordneten lasse sehr zu wünschen übrig.

Schwer betrunkene Menschen sind auch deshalb so provokant, weil sie ihre Abweichung nicht als Makel empfinden, sondern sich über die unvollkommenen Nüchternen stellen. Aus ihrem trüben Blickwinkel sind es die anderen, bei denen etwas nicht stimmt. Das Reich der Volltrunkenheit ist ein souveränes Terrain mit eigenen Gesetzen. Wer es betritt, muss wissen, dass sein Aufenthalt hier keine Dauer hat, und dass ihn die Mitwelt bei seiner Rückkehr in die Nüchternheit nicht mit wehenden Fahnen begrüßt.