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AD-Chefin Mayer über Klasse:Angst vor dem Billigen

Die Chefredakteurin von Deutschlands einflussreichstem Architekturmagazin über den Einrichtungsstil der Deutschen und warum sie nicht zu Ikea geht.

Margit J. Mayer wurde bei Wien geboren. Die studierte Kunsthistorikerin begann ihre Karriere im Journalismus als Theaterkritikerin. In New York schrieb sie für die deutsche und französische Vogue sowie GQ über Stil und führte Interviews mit Persönlichkeiten des kulturellen Lebens. Im Juli 2000 übernahm sie die Chefredaktion des Condé-Nast-Magazins AD, das unter ihrer Ägide zu einem der stilprägendsten Magazine Deutschlands wurde. Diese Woche erschien die 100. Ausgabe. Margit J. Mayer lebt in Berlin.

Margit J. Mayer

Margit J. Mayer: "Alle Deutschen haben weiße Wände. Dahinter steckt eine Obsession."

(Foto: Foto: Michael Mann für AD)

SZ: Die Häuser, die AD Monat für Monat vorstellt, sind erlesen, exklusiv, oft spektakulär. Welches ist der häufigste Fehler, den ihre reichen Besitzer beim Einrichten machen?

Margit J. Mayer: Erst mal: Nicht alle Besitzer, deren Häuser bei uns vorkommen, sind superreich. Manche Besitzer haben ihre Renovierungen in mehreren Phasen durchgeführt. Und gleich mal vorab: Ich habe nichts gegen Neureiche. Sie sind die größte kulturelle Kraft, die wir haben.

SZ: Seit wann denn bitte das?

Mayer: Wie oft heißt es: ah, Berlin, 1910, 1920, die Villen im Grunewald, am Wannsee, der Kudamm, wie toll das alles war! Bitte dabei nicht vergessen: Die Bauherren waren keine Aristokraten, sondern hatten ihr Geld erst Ende des 19. Jahrhunderts gemacht, zum Beispiel in der Stahlindustrie. Ich kann dagegen nicht allzu viel sagen.

SZ: Hat der moderne Neureiche vielleicht andere Prioritäten als der um die Jahrhundertwende?

Mayer: Nein. Er will nach wie vor Geld sichtbar machen. Häufig geht dabei das Ausgeben des Geldes, also die Umwandlung von Kapital in Materie, zu schnell im Verhältnis zu der Anhäufung von Wissen über das, was er da eigentlich machen will oder sollte. Wer selber nichts weiß, hört auf andere Leute. Auch dagegen ist nichts einzuwenden, wenn es die richtigen sind. Wenn der Innenarchitekt Jacques Grange heißt, muss der Bauherr überhaupt nichts wissen über das 18. Jahrhundert oder die dreißiger Jahre und ist trotzdem auf der sicheren Seite.

SZ: Und wenn nicht?

Mayer: Dann haben wir da einen reichen Bauherrn, vielleicht aus Russland oder aus einem der Tigerstaaten, mit einem Aktenordner mit Ideen und Visionen. So einen Aktenordner habe ich auch, wenn ich umziehe. Aber bei diesen Leuten ist da eine Hotelhalle aus Hongkong drinnen und das Bad aus dem Hotel Meurice in Paris...

SZ: Die Welten, in denen die sich bewegen.

Mayer: So. Und wenn der Architekt dann nicht großartig und ein Meister der Überredungskunst ist, sind in dem Haus alle diese Welten durcheinander. Das Aneinanderreihen - das chinesische Kabinett neben dem französischen Salon, dann noch etwas Jagdliches aus dem 17. Jahrhundert - gab es schon im 18. Jahrhundert. Je mehr Zeit vergeht, desto schöner kann so etwas wirken, weil die Übergänge verwischen. Aber wir bei AD, die wir die Villen, die so entstehen, jetzt sehen, sagen: Das passt ja überhaupt nicht zusammen.

SZ: Ein guter Architekt oder Einrichter geht nach einem ganzheitlichen Thema vor?

Mayer: Ich denke schon. Er schaut sich das Haus genau an und sammelt Informationen. Er sieht sich nicht als der Stückeschreiber, sondern als Regisseur.

Luxus-Möbel

Wer schön wohnen will, muss zahlen

SZ: Sie sind Österreicherin, haben in New York gelebt, in Paris. . .

Apartments in New York

Wohnen wie im Designmuseum

Mayer: Zweimal habe ich es sogar mit Hamburg probiert.

SZ: Worin unterscheiden wir Deutschen uns von den Amerikanern oder anderen Europäern?

Mayer: Ach, immer diese Frage! Was ich hier tue, ist ja etwas sehr Praktisches und zum Großteil Instinktives. Und ich bin auch nicht ein Kulturwissenschaftler wie Alain de Botton! So.

SZ: Und doch wissen Sie es wahrscheinlich genau.

Mayer: Ich habe zumindest viel darüber nachgedacht. Also schön, fangen wir mit dem Negativen an, dann ist es gleich vom Tisch: Im 20. Jahrhundert, mit seinen beiden Kriegen, ist in Deutschland eine Imbalance zwischen "Männlichem" und "Weiblichem" entstanden. Ich kam durch die Philosophie darauf. Dort basiert jedes massive Problem auf einer solchen Imbalance zwischen männlich und weiblich, "Yang und Yin".

SZ: Und auch in Deutschland ist das Gleichgewicht aus den Fugen geraten?

Mayer: Ja, und zwar schon unter Wilhelm II. Er hatte ein Problem mit seiner weiblichen Seite und hat das Militaristische, Männerbündnerische, Stählerne sehr stark betont. Bei den Nazis ist das fortgeführt worden. Sie haben den, wenn man so will, "weiblichen" Teil der Elite vernichtet oder verjagt, nämlich die Kreativen, die Juden, die Homosexuellen; die Leute, die hierzulande die Interior-Kultur getragen haben.

SZ: Und was blieb übrig?

Mayer: Danach hat man dann versucht, alles richtig zu machen, streng, hygienisch, noch bauhausiger als Bauhaus zu werden. Mit anderen Worten: ein Büßertum mit einem Touch Rechthaberei. Was für die Wohnkultur gar nicht gut war. Wohnen soll etwas sehr Individuelles und Freies sein. Nochmal Alain de Botton: Der sagt, man richtet sich ein, nicht wie man wirklich ist, sondern wie man gerne sein möchte. Da ist viel Wahres dran.

SZ: Welchen Anspruch erfüllt also ein gelungen eingerichteter Raum?

Mayer: Er erzählt meine eigene Geschichte. Nur besser, als sie zur Zeit ist.

SZ: Haben wir Deutschen nach dem Bauhaus überhaupt noch irgendwas Wichtiges an Einrichtungskultur zustande gebracht?

Mayer: Sagen wir so: Das Gute ist, dass das ganze eben Beschriebene heute beim Wohnen keine Rolle mehr spielt. Weil zwischen damals und heute die Reisemanie der Deutschen liegt. In den letzten Jahren war die Kunstwelle, die Fokussierung auf Contemporary Art, noch sehr wichtig. Das hat die Leute wirklich beschäftigt, sogar die aus der jüngeren Generation. Dabei ist Einrichten etwas, das im Leben etwas später kommt. Jüngere Leute wohnen eher irgendwie.

SZ: Wohnen Hamburger eigentlich anders als Münchner?

Mayer: Fast wie in zwei verschiedenen Ländern. Die Hamburger haben einen Schlag ins Skandinavische, und sie sind halt wirklich sehr anglophil. Meiner Meinung nach ist es ein bisschen sehr konform, wie sie das umsetzen. Wenn alle die gleichen Lampen im Fenster stehen haben, dann kippt das Ganze halt wieder und ist doch nicht Knightsbridge.

SZ: Und wie leben die Münchner?

Mayer: Exzentrischer als die Hamburger. Mondäner. Aber: Sie alle haben weiße Wände. Dahinter steckt natürlich diese Obsession der deutschen Hausfrau mit Hygiene, und der Wunsch, dass alles ein bisschen zur Garage wird, denn in der Technik ist man zu Hause... - aber diese weißen Wände zeigen auch eine gewisse Weigerung der Deutschen, sich festzulegen. Sie wollen sich immer noch diese und jene Option offenhalten. Ein bisschen so wie mit der Wendejacke oder mit dem Sofa, das man auf drei verschiedene Arten verstellen kann.

SZ: Das ist doch auch durchaus vernünftig.

Mayer: Es wird hier als Freiheit interpretiert. Für Leute wie mich ist Freiheit etwas anderes. Wenn ich ein neues Sofa will, denke ich vorher lange und genau drüber nach. Dann lasse ich es herstellen oder kaufe es. Und danach will ich auch keine Variationsmöglichkeiten mehr, denn es ist es ja genau das, was ich will. Diese Fortsetzung ins Unendliche: wozu?

SZ: Es gibt schon Abweichungen. Viele Deutschen lieben doch auch Apricot an den Wänden.

Mayer: Oh Graus. Na, das ist halt die Sehnsucht nach Wärme und Italien. Aber es hilft wenig, denn das Klima bestimmt, welche Farben an welchem Ort richtig erscheinen. Das sehe ich auch hier in Berlin, wo sie den Häusern gerne ein warmes Gelb verpassen, mit dem Hintergrund: Es ist ja im Winter immer alles so grau hier.. . Leider entsteht so oft ein Schandfleck.

Fortsetzung nächste Seite

SZ: Kennen Sie vielleicht die Formel zum richtigen Bilderaufhängen?

Mayer: Zunächst mal gehören zwei dazu, besser noch drei: einer hält, zwei gucken. Es muss nicht alles mit der Kante des Türrahmens abschließen, und auf der anderen Seite muss nicht ein genauso großes Bild hängen, denn dann wäre es schon wieder ein französischer Raum, einer, der nach Klassik, nach den zwei Säulen, strebt. Aber wir leben in der Moderne, und dazu gehören eben nicht mehr diese klassischen Prinzipien, sondern eine gewisse Irregularität.

SZ: Es geht jetzt um den vielzitierten ,charmanten Bruch.

Mayer: Genau. Den man aber auch nicht erreicht, indem man auf ihn abzielt. Man will ja den Bruch, der zwar als Bruch erkennbar bleibt, aber doch organisch ist. Der Betrachter soll idealerweise sehen, dass es eine spielerische Imbalance ist.

SZ: Was haben Sie zu Hause für einen Fernseher?

Mayer: Einen kleinen Sony aus den achtziger Jahren, der nur eine sehr beschränkte Anzahl Kanäle empfangen kann. Der steht da mittendrin in meinem Wohnzimmer, das eher englisch ausschaut, dunkelgrünes Samtsofa, schwarze Lederstühle mit Messingnieten von Linley, Nachbauten eines Modells, das Admiral Nelson auf dem Schiff hatte. Und zwischendrin eben dieser Fernseher.

SZ: Ist das irgendeine Art Verweigerung oder eine Replik auf die Prekariats-Wohnzimmer, in denen doch vermeintlich immer die größten, modernsten Fernseher stehen?

Mayer: Das ist eher ein ganz persönlicher Snobismus von mir. Im Laufe meines Lebens bin ich sehr viel herumgekommen und ich habe mir viele angelsächsische Häuser angeschaut. Und da ist mir aufgefallen: Je aristokratischer oder höherstehender die Bewohner, desto häufiger steht ihr Fernseher einfach nur rum; häufig ein älteres Modell, bei dem man alle Kabel sieht. Wahlweise kann diese Funktion auch eine Kaffeemaschine erfüllen. Aber ich muss sagen, in dieser Kategorie bin ich alles andere als ein Vorbild.

SZ: Warum ist der Fernseher das komplizierteste aller notwendigen Einrichtungsgegenstände?

Mayer: Weil er im Gegensatz zu Kühlschrank und Herd keinen angestammten Raum hat. Wer ein Bad wie in der Belle Epoque hat, kann darin leicht seine elektrische Zahnbürste im Schrank verstecken. Der Fernseher aber muss ja nun mal gesehen werden.

SZ: Der Deutsche hat ein besonderes Verhältnis zur Küche. Zumindest nimmt er dafür am bereitwilligsten viel Geld in die Hand, oder?

Mayer: Beim Bad auch, da ist in den letzten Jahren viel passiert, mit Dampfkabinen et cetera. . . Aber es stimmt schon, Bäder sind immer noch nicht so teuer wie Küchen.

SZ: Dampfkabinen dienen der Gesundheit. Aber eine 100000-Euro-Küche sorgt ja nicht gleich dafür, dass ich mich gesünder ernähre oder besser koche. Wie rechtfertigt die Industrie also solche Preise?

Mayer: Ich würde nicht sagen, dass die Industrie da die große Verführungsmaschine angeworfen hat. Sondern dass sie auf etwas reagiert hat. Es haben sich einfach mehr Männer mit dem Kochen angefreundet. Dadurch entstand auch ein vermehrtes technisches Interesse, manche Küchen erinnern mich an einen Ferrari, schon wie sie beim Kauf begutachtet werden, man fasst alles an, schaut, wie die Griffe in der Hand liegen . . .

SZ: Aber haben sich die Preise tatsächlich parallel zu den Innovationen entwickelt?

Mayer: Zweifellos existiert da ein Zusammenhang. Es kann nicht sein, dass man einen banalen Herd für so viel Geld verkauft. So dumm sind die Kunden ja nicht. Es müssen schon enorme Verbesserungen stattfinden, an denen lange getüftelt wird. Genau das ist ja auch immer eine ganz große Stärke der deutschen Industrie gewesen, und so sind Firmen wie Bulthaup oder Gaggenau zu ihrem Weltruf gekommen.

SZ: Wir shoppen nicht, wir investieren, sagten Sie vorhin, als wir auf Ihre neue Ausgabe schauten. Ist das ein Slogan, den Sie aus der Krise abgeleitet haben?

Mayer: Das hängt eher mit meiner Herkunft zusammen. Schon in Wien, als Studentin, habe ich mir Schuhe beim Schuhmacher machen lassen. Und schon damals dachte ich: Da muss ich eben etwas investieren, denn dann gibt es die noch ein bisschen länger. Als Fachperson für Stil beeinflussen mich heute beim Kauf natürlich auch die Hintergründe und Geschichten der Firmen und Hersteller. Ich habe meine Vorhangstangen alle anfertigen lassen. Allerdings habe ich Sorge, ob ich diese Manufakturen, zumal nach der Krise, noch finde. Wobei es jetzt schon wieder eine Gegenbewegung bei den Kunden gibt, weg vom Maschinellen, hin zum Handgearbeiteten. Ausgelöst wurde das durch den Vintage-Trend, und natürlich durch Läden wie Manufactum.

SZ: Der ja seit ein paar Jahren auch dem Otto-Versand gehört. . .

Mayer: Was der Qualität ja keinen Abbruch tun muss. Wenn ich gerade eine Gießkanne brauche und im Baumarkt nicht fündig werde, dann ist Manufactum schon das Erste, was mir einfällt.

SZ: Deren Trick ist ja die Suggestion, dass man durch so einen Kauf ein sympathisches Familienunternehmen erhält.

Mayer: Ja, da sind die Manufactum-Leute in eine Marktlücke vorgestoßen.

SZ: Mit der Konsequenz, dass einem die Verkäufer ein Kaminbesteck für Hunderte Euro hinhalten, mit bedeutender Miene und dem Argument, es sei ja halt auch "handgeschmiedet". Aber wo kriegt man das auch sonst? In der Eisenwarenhandlungen nebenan?

Mayer: Das wäre schön, aber von denen gibt es kaum noch welche. Im Unterschied zu Deutschland ist mir übrigens in den Läden in New York aufgefallen, dass man sich dort lieber nach oben orientiert. Nichts gegen das KaDeWe, aber in der Home-Abteilung eines Kaufhauses wie Bergdorf Goodman merkt man deutlich, dass das Angebot die elitäreren Schichten ansprechen soll.

SZ: Sie meinen: finanziell elitär?

Mayer: Ah, ich wusste es. Das Wort elitär ist ja in Deutschland ein großes Problem. Zu sagen, ich bin aus einer höheren Klasse als du, geht gar nicht. . .

SZ: Genau genommen geht schon das Wort "Klasse" gar nicht.

.Mayer: . . weil es eben auch noch diese Doppelbedeutung hat, furchtbar. In Amerika spricht niemand über eine Einteilung, trotzdem ist sie da. Und man reitet nicht darauf herum. Woher kommt das? Eine ganz unschuldige Erklärung ist, dass die Elite in einem so großen Land wie den USA zahlenmäßig so stark ist, dass es sich ganz einfach lohnt, mit ihr Geschäfte zu machen. Hier muss man sich aus geschäftlichen Gründen mehr nach unten orientieren.

SZ: Auch assoziiert man als Deutscher "Klasse" mit etwas zutiefst Undemokratischem, auf das man zudem festgenagelt ist. Amerika hatte nie einen Adelsstand, dafür immer den besseren Slogan: Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Mayer: Das hieße, man will hier eine solche Einteilung nicht, aber sie ist letztlich viel manifester als anderswo, ein unausweichliches Schicksal. Wohingegen man in Amerika Klassenzugehörigkeit als momentanen Zustand sieht, der sich wieder ändern kann, sowohl nach unten als auch nach oben. Ja, das mag sein.

SZ: Man will auf keinen Fall wohnen wie seine Eltern - ist das eigentlich die ausschlaggebende Motivation bei einem Richtungswechsel in der Einrichtung?

Mayer: Sie war es mal. Erst die Bourgeoisie in Frankreich, mit ihren vielen Draperien, hat Leute wie Jean Prouvé hervorgebracht, die sich aufs Technische und Reduzierte verlegt haben. Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger fand wohl in allen Ländern der westlichen Welt ein starker Generationenbruch statt, in dessen Folge das Gegenteil gelebt wurde. Aber seither gab es keinen wirklich dramatischen Bruch mehr, auch weil die Einrichtungsstile seither nie mehr so ganzheitlich wahrnehmbar waren.

SZ: Welcher Einrichtungsströmung sind wir eigentlich alle unterworfen, ohne es zu realisieren?

Mayer: Der, die Sie nannten: Ich muss mich um mich kümmern, und meine Küche muss auf Vordermann gebracht werden. Und seit den neunziger Jahren auch dem Orientalismus, wie übrigens schon einmal 100 Jahre davor. Damals, in der Gründerzeit, war es eher Japonismus, diese Fächer und Paravents, die überall rumstanden. Der aktuelle Orientalismus orientiert sich eher an Thailand und Bali. Obwohl es in beiden Fällen ideologische Hintergründe hat: Der Buddhakopf aus Thailand soll nicht nur schön aussehen, er soll zeigen, dass ich mich abgrenze, dass ich anders bin, dass ich meditiere, Yoga mache und auf die Essenz konzentriert bin.

SZ: Und was symbolisierten diese Objekte vor hundert Jahren?

Mayer: Da verkündeten sie die Botschaft: Ich bin nicht etwa nur eine deutsche, brave Industriellenfrau, sondern weltläufig und kosmopolitisch. Ein aktuelles Beispiel für einen großen Wohntrend ist übrigens auch eine deutsche Firma wie E15, die diese modernen Eichenholz-Möbel herstellt und da wirklich auf einen Nerv gestoßen ist: Die spießige deutsche Eiche zu nehmen und sie in etwas Schickes zu verwandeln, indem man sie ganz massiv und blockartig und simpel verarbeitete.

SZ: Mittlerweile steht das Standardbett von E15 aber auch schon wieder in der 5. Kopie-Generation bei Ikea.

Mayer: Richtig. Aber das ist bei allen erfolgreichen Wohntrends so, sie sinken nach unten. Das ist ja auch gut so.

SZ: Stimmt bei Ikea eigentlich das Preis-Leistungs-Verhältnis?

Mayer: Ich habe keine Ahnung.

SZ: War klar.

Mayer: Nein, ehrlich gesagt: Ich habe kein Auto, ich muss immer erst jemanden haben, der mich mitnimmt, wobei ich dabei auch immer etwas gefunden habe. Wir hatten in der letzten Ausgabe ein Kinder-Partythema, da haben wir Ikea-Teppiche vorgestellt. Die Redakteurin kam vorher zu mir und zeigte sie mir im Internet, und ich muss sagen, da waren ein paar tolle Teppiche. Aber um zu Ihrer Frage zurückzukommen: Mir kommt Ikea zu billig vor.

SZ: Und billig ist Ihnen nicht angenehm?

Mayer: Das ist jetzt keine elitäre Art, es hat vielleicht elitär begonnen, aber ich glaube, dass daraus ein Bewusstsein entstanden ist, das immer breiter wird: Ich habe Angst davor, zu wenig zu bezahlen und dadurch einen Schaden in der Welt anzurichten. Nicht nur durch Kinderarbeit, auch durch Erwachsenenarbeit unter schlimmsten Bedingungen oder durch Umweltschädigung. Daran will ich nicht beteiligt sein.

SZ: Dieses Bewusstsein hat sich in Deutschland als Erstes durch die Bioläden verbreitet.

Mayer: Ja, von dort stammt die Einsicht, dass es gefährlich sein kann, wenn etwas zu billig ist. Und wie wir eben mittlerweile wissen, gilt das auch im ethischen Sinn. Irgendwo verursacht es Zerstörung, im eigenen Körper oder auch auf der Welt.

SZ: Was wird die nächste wichtige Einrichtungsströmung?

Mayer: Das Neueste ist, wie in einer Installation zu wohnen, also eine Mischung aus Kunst und Design. Möbel mit einer extremen Ästhetik, die die Vereinzelung und das Showelement eines Kunstwerks aufgreifen. Ein Beispiel sind die Sessel der berühmten Campana-Brüder, die aus Plüschtieren gebaut sind.

SZ: Und wird daraus irgendwann eine Mainstream-Bewegung?

Mayer: Wohl nicht. Nicht wirklich. Denn die Stile, die breit werden, müssen meiner Erfahrung nach die Möglichkeit beinhalten, dass man sich durch sie gesellschaftlich aufwertet. Sie müssen also eher sauber sein, und dieses Kunst-Design ist ein eher schmutziger Stil; schmutzig in Anführungszeichen. Für Leute, die sich nicht mit dieser Materie beschäftigen, hat dieser Stil mit Sachen zu tun, die mit großer Angst besetzt sind, mit Ironie, mit Verfall und Vergänglichkeit. Das auszuhalten - denn es ist ja eine Art Memento mori ist eine intellektuelle Leistung.

SZ: Sie waren in den schönsten Häusern der Welt. Was ist Ihr Eindruck: Kann man sich durch ein perfektes Haus Glück kaufen?

Mayer: Nein. Ein Haus, eine Einrichtung ist immer eine Projektion, etwas, von dem man träumt und das man versucht zu realisieren, und das klappt ja auch häufig. Natürlich wird das Leben durch dieses Haus nicht perfekt. Aber ein großes Stück besser wird es schon.