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Zwischenstopp:Aussichtsturm

Leseprobe

Der Lyriker Nico Bleutge erinnert sich an den Blick von oben auf vorbeiziehende Schiffe und denkt dabei an den Maler Paul Klee: "Würde er heute leben, würde er in seine Bilder vielleicht nicht Fische setzen, sondern Schiffe."

Von Nico Bleutge

Für unsere Sommerserie haben wir Autorinnen und Autoren um Texte über Transiträume und Haltestellen aller Art, Orte des Aufbruchs oder Innehaltens in nah und fern gebeten.

Hier besteht die Welt nur aus Kisten. Seefracht-Container à 20 und 40 Fuß, dahinter Super-Post-Panmax-Containerbrücken gegen den Horizont. Flächen und Muster aus farbigen Rechtecken. Selbst der Aussichtsturm ist aus Containern gebaut. Als sei die Welt ein Gemälde von Paul Klee, nur dass Klee auch die unsichtbaren Elemente des Ortes sichtbar gemacht hätte. Auf einem früheren Bild Klees ruhen Fische über Algen und zeigen ihre Farben, Rot und Grün und Gold. Doch das Meer könnte auch der Himmel sein. Und beim genauen Hinsehen lassen sich tatsächlich Blumen auf der Leinwand erkennen, Gräser und ein stilisierter Mond. Man sieht das Meer in der Landschaft und die Landschaft im Meer, bis der Unterschied fast aufgehoben ist.

Jedes Mal, wenn ich hier oben stehe, muss ich an Klee denken. Und jedes Mal schiebt sich der Rhein in diese Landschaften. Mainz, die Uferstraße, wo meine Großeltern Ende der 70er-Jahre wohnten. Was mich am Rhein interessierte, waren nicht die Fische, sondern die künstlichen Wasserwesen: die Schiffe. Die Rheinfrachter schienen immer da zu sein. Tagsüber staunte ich über die Wellen, die sich an den Bugseiten bildeten, nachts begleitete mich das Stampfen der Motoren in den Schlaf.

Doch alles war ausgerichtet auf die Positionslichter der Schiffe: Rot und Weiß und Grün. Schon die Fahrt im Aufzug bestand aus beweglichen Momenten, das helle Licht, die Sicherheitsplaketten, im Inneren der Kabine roch es nach Bakelit und alter Kleidung. Ich erinnere mich, wie langsam die Türen sich schlossen, an den dumpfen Ton, wenn die beiden Türblätter sich trafen, ein Klopfen fast, das sein Echo in dem kurzen Klackton fand, der beim Passieren eines Stockwerks hörbar wurde. Die Spannung wuchs mit jedem Klacken, ganz leicht nur, aber doch zu spüren in den Fingerkuppen, im Atmen und in einem bestimmten Schärferwerden des Blicks. Oben angelangt ließ ich schnell die Begrüßung über mich ergehen, nahm mir dann gleich das Fernglas vom Tisch und verschwand auf dem Balkon.

Was seltsamerweise fehlt in dieser Erinnerung, sind die Gerüche der Schiffe. Kein Kohlegeruch, kein Dunst aus Schiffsdiesel und Rauch ist der Erinnerung beigemischt. Nur die Positionslampen leuchten, rot und weiß und grün. Eine Atmosphäre aus Farben, in die ich mich stundenlang versenken konnte.

Rot und Grün sind auch die Farben der China Cosco Shipping Group, einer der größten Reedereien für Containerschifffahrt. Rheinfrachter gehören nicht zu ihrer Flotte, sondern Containerschiffe, hoch funktional angelegte Transportfähren, wie man sie von hier oben aus betrachten kann. Container stehen für einen tief greifenden Wandel in den wirtschaftlichen Verhältnissen. Für ein verändertes Denken und Wahrnehmen auch. Ein Denken, das in den Bahnen von Rationalisierung und Standards abläuft - und in dem sich Meer und Landschaft auf ganz andere Weise durchdringen sollen. Als ließe sich das Meer in eine Linie verwandeln, auf der das Schiff wie auf einem Wasser-Highway fährt. Als gäbe es keine Wellen und keine Gezeiten, keinen Zufall und keine historischen Spuren. Keine einzelnen Menschen.

Der Schriftsteller Thomas Hettche hat einmal bemerkt, Kinder würden durchaus die härtere Realität bestimmter Orte und Menschen spüren. Zugleich aber hätten sie die Neigung, sie in ihre Märchen zu integrieren, sie zu umspinnen und einzupolstern. Irgendwann taue diese kindliche Welt dann weg, und die eingelagerten Bruchstücke würden wieder so scharfkantig und hart, wie sie es schon immer waren, und verkeilten sich zu einer dichten Schicht. Und nur in den Ritzen, so Hettche, finde man später manchmal noch "Reste der eigenen verlorenen Welt".

Würde Klee heute leben, vielleicht würde er in seine Bilder keine Fische setzen, sondern Schiffe. Jedes Element wäre darin Bruchstück einer in sich verkeilten Landschaft, in der sich Denken und Wahrnehmen, Erinnerung und Gegenwart, Irritation und Kritik fortwährend überlagern. Ein Ensemble widersprüchlicher Orte, deren Sprachen mal parallel laufen, mal auseinanderdriften, mal knirschend ineinanderkrachen.

Nico Bleutge, geboren 1972 in München, lebt in Berlin. In diesem Frühjahr erschien sein Gedichtband "nachts leuchten die schiffe" (C. H. Beck).

© SZ vom 31.08.2017
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