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Zwischen Kunst und Kommerz:Ich mache was mit Medien

Eine neue Gesellschaftsklasse, die "digitale Bohème", will das Erbe von Kunst, Kultur und Intellekt antreten - aber die "Kreativen" verwechseln Geist und Ökonomie.

Gerhard Matzig

Selbst das Internet, diese gigantische Rumpelkammer des Weltwissens und des Ungefähren (und somit ein idealer Nährboden der neuen, gut vernetzten Klasse der sogenannten Kreativen) weiß keine schlüssige Antwort auf die Frage, wodurch sich diese Spezies denn im Grunde auszeichnet. Und wodurch sie halbwegs präzise darstellbar wäre.

Brillen

Eine schicke Designerbrille reicht heutzutage nicht mehr aus, um als "Kreativer" durchzugehen. Nach wie vor gilt es aber, sich durch Selbstinszenierung von anderen Berufsgruppen abzugrenzen.

(Foto: Foto: dpa)

Aber immerhin lässt sich auf dem Terrain der Online-Biographien umstandslos der Kreative mit der "Designerbrille" in einen Zusammenhang stellen. Denn wenigstens zwei definitorische Versatzstücke jenes Kreativ-Personals, das vor einigen Jahren von Richard Florida in "The Rise of the Creative Class" herbeigeschrieben wurde und mittlerweile tatsächlich zum Marsch durch die Instanzen der Wissensgesellschaft antritt, laufen letzten Endes darauf hinaus: Alles hängt irgendwie mit allem zusammen, vor allem auch die Wirtschaft mit der Kultur und der Geist mit dem Produkt - und überhaupt ist ja nichts so tief wie die Oberfläche.

Es ist deshalb durchaus interessant, wenn auch keineswegs repräsentativ, mit welcher Selbstauskunft zum Beispiel Gestalter vor einiger Zeit dem Internet-Aufruf einer Studentin zum Thema "Wie leben Designer?" gefolgt sind.

Die Antworten dieser Kreativen lassen sich so zusammenfassen: Sie haben keine Angst vor dem Stereotyp; sie unterwerfen sich nicht gern dem Rhythmus eines traditionellen Angestelltenlebens, meiden also wann immer möglich das Arbeitszeit-Schema "nine to five"; sie lobpreisen den Firmenkicker als kommunikative Zone abseits "fester Hierarchien"; sie schätzen kein kreatives Chaos am Schreibtisch - wohl aber eines im Kopf; und, leider, an der Designerbrille sind sie, wie auch alle anderen Mitglieder der sich aufschwingenden Kaste der Kreativen, schon längst nicht mehr zu erkennen.

"Auffällige Brillen", schreibt einer der Befragten und versieht seine Empirie mit einem grinsenden Emoticon, das womöglich viel besser zur Identifizierung eines modernen und kommunikativen Kreativkopfes taugt, "tragen nur noch Leute aus Essen."

Auch eine Adresse in Berlin, Hamburg oder München erscheint in diesem Zusammenhang als notwendige Voraussetzung, um sich als Mitglied der kreativen Klasse, die in den USA auch als "creative capital" bekannt ist, auszuweisen. Die Ideengesellschaft frisst also ihre Provinzen: Nur was urban ist, kann auch kreativ sein.

Es ist kein Zufall, dass sich die Kreativen gerade jetzt so erfolgreich inszenieren - zu einem Zeitpunkt, da erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land leben. Die Verstädterung hat die Kreativen als wandlungsfähiges Kapital hervorgebracht und als Standortvorteil entdeckt, während die Städte die politische und ökonomische Macht übernehmen.

Die Zeiten, in denen sich das allgemeine Unangepasstsein und Querdenkertum der kreativen Klasse, bislang bevorzugt anzutreffen etwa in den Berufsgruppen der Designer, Medienschaffenden oder Werber, schon mit Hilfe der originellen Brillenform oder durch die originelle Krawatte (Micky Maus, Bärchen et cetera) offenbarte, sind auch deshalb vorbei.

Die Kreativen, Nachfolger der längst untergegangenen Künstler-Gilden und verblassten Intellektuellen-Kreise, rekrutieren sich mittlerweile aus den unterschiedlichsten Bereichen und in weit größeren Radien - aber zugleich auf dem engeren Raum hochverdichteter Stadtgrundrisse.

Die Einsamkeit des armen Poeten bei Spitzweg unterm Regenschirm oder das Missverstandensein eines Charles Baudelaire, der die Kritik an seinen "Blumen des Bösen" mit einer Selbstinszenierung als Sträfling zu beantworten suchte, sind in diesen Städten längst einer großen, allesumarmenden Party gewichen, die nicht nur von Poeten und Literaten oder von Designern und Werbern bevölkert wird, sondern von beinahe jedweder Existenz, die von sich nur überzeugend genug behauptet, zukunftsfähig zu sein.

Fordern statt fördern

Die Veranstalter dieser Party entstammen dabei nur selten den Orten der Künste oder dem Reich des Denkens. Sie sind lediglich Geschöpfe der reinen Ökonomie. Die Kreativen sind als Klasse eigener Ordnung zu Standortfaktoren aufgestiegen - oder degradiert worden. Je nach Sichtweise.

Es ist deshalb nur folgerichtig, dass der soeben zu Ende gegangene Hauptstadtkongress zur Zukunft der "digitalen Bohème" mit dem ironischen Titel: "9 to 5 - Wir nennen es Arbeit" versehen war. Denn nichts ist so arbeitsintensiv wie das Branding einer neuen Klasse. Nichts ist so schwer herzustellen wie der Eindruck des Leichten.

Die Kreativen, die den Begriff der Kreativität abseits der Kultur als Instrument der Wissensgesellschaft dominieren, reduzieren ihn auf diese Weise zu einem ökonomistischen Faktor - als Opfer der eigenen Ironie. Solcherart wird aus der Kreativität, einst schöpferischer und somit unkontrollierbarer Überschuss der Gesellschaft, ein wirtschaftliches und wissenschaftliches Kalkül.

Der Begriff der schöpferischen Kraft, einst religiös, dann künstlerisch verstanden, wurde zwar im Zuge der Intelligenzforschung neu gedeutet - aber nun erst schließt sich der Kreis wirklich: Aus Religion wurde Kunst, aus Kunst Wissenschaft, und aus dem Wissen um die Erlernbarkeit und Steuerbarkeit kreativer Prozesse soll endlich auch geldwerter Vorteil geschlagen werden.

Nicht von ungefähr wird die Klasse der Kreativen ebenfalls zu einem Zeitpunkt entdeckt, da die Globalisierung Antworten und neue wirtschaftliche Hegemonien verlangt. Kreativität soll auch deshalb endlich messbar und bezahlbar, ja bestellbar und kontrollierbar werden: Sie soll sich geschmeidig in das System von Angebot und Nachfrage einfügen.

Genau das, was sich dem Markt über Jahrhunderte so erfolgreich entzogen hat, wird also selbst Markt. Wer heute nicht kreativ und schöpferisch tätig ist, erscheint kaum mehr gesellschaftsfähig oder marktrelevant. Die Frage, was denn da genau erfunden und erschöpft und erdacht wird, ist indessen völlig bedeutungslos. Die heutige Dominanz der kreativen Klasse erinnert auch deshalb an die Dotcom-Blasen-Ökonomie von einst.

Der jüngst ausgerufene Wettbewerb "Scoop!" der Axel-Springer-Akademie, nur ein Beispiel unendlich vieler aktueller Kreativitäts-Initiativen, in der Juroren, die, wie es in der Auslobung heißt, "aus verschiedenen kreativen Berufen kommen", über die Förderung "neuer Medienprojekte" entscheiden, kommt deshalb nicht ohne Ausrufezeichen aus. Kreativität wird nicht gefördert - sondern gefordert. Die Anbieter solch nachgefragter Ware, sind aber eines bestimmt nicht: kreativ.

© SZ vom 27.8.2007
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