Zwischen Film und Video Wer ist Hannah?

Der Zuschauer beziehungsweise Spieler wird zum Detektiv.

(Foto: herstorygame.com)

Das Mordrätsel "Her Story" verknüpft auf intelligente Weise den Plot eines Spielfilms und das interaktive Videospiel: mit dem Spieler als Detektiv.

Von Benedikt Frank

Suchanfrage: "Murder", Mord, in Großbuchstaben getippt. Videos eines Polizeiverhörs erscheinen auf einem Röhrenmonitor. Sie zeigen eine Frau an unterschiedlichen Tagen in unterschiedlichen Verhörsituationen, die von Beamten befragt wird, nach einem Anwalt verlangt.

So beginnt "Her Story", ein Mix aus interaktivem Film und Videospiel, in dem der Zuschauer beziehungsweise Spieler zum Detektiv wird, um dem Geheimnis der Frau auf die Spur zu kommen. Anders als in zahlreichen TV-Krimiserien wird kein Tatort untersucht, keine neunmalklugen Gerichtsmediziner analysieren die Opfer. Es gibt nur den Zugang zu einer Datenbank, die Videos mit den Antworten der Befragten enthält. Die dazugehörigen Fragen fehlen. Diese müssen die Spieler durch Eingabe von Schlüsselwörtern in ein Suchfeld stellen, ähnlich wie bei Google, aber in der Optik eines Retro-Betriebssystems aus den Neunzigern.

Kommt ein eingetipptes Wort in den Aussagen vor, werden die entsprechenden Videos angezeigt - mal nur sekundenkurze Schnipsel, mal mehrere Minuten lang. Man kann sich zum Beispiel über Namen, Orte oder auffällige Wörter von Video zu Video hangeln - oder einfach raten. Nach und nach fügen sich die gesammelten Puzzlestücke zu einem Bild zusammen.

Die Geschichte breitet sich durch die individuelle Herangehensweise vor jedem Teilnehmer unterschiedlich aus. Sie entwickelt sich nicht linear, mal taucht ein späteres Video auf, mal ein früheres. Bedenken, dass dadurch die Krimihandlung nicht mehr funktionieren könnte, weil das Ende sich zu schnell herauskristallisiert, muss man nicht haben. Das Drehbuch ist so klug und vielschichtig, dass relativ viele Ausschnitte zusammenkommen müssen, bis sich die Verdachtsmomente erhärten.

Doch selbst bei kompletter Lösung bleibt eine gewisse Unsicherheit. Denn die klassische Krimi-Frage, wer die Tat begangen hat, ist nicht das Ziel des Spiels. Mit der Zeit wird das Wie interessanter als das Wer. Selbst wenn der Tathergang geklärt wurde, haben sich noch neue Fragen angesammelt: Was ist die Vorgeschichte der Frau? Und wer recherchiert überhaupt ihren Fall? Die Tastenanschläge werden wie ein Echo vom Soundtrack wiederholt, manchmal spiegelt sich für einen Moment ein Gesicht im Bildschirm. Was ist die Rolle des Spielers, der in der gleichen Haltung vor dem Bildschirm sitzt? Durch die Interaktion mit den Fragmenten entwickelt sich die Spannung nicht im gewohnten Bogen, sondern verzweigt. In einem Video stellt sich die Verhörte als Hannah vor. Ein Palindrom, merkt sie an, aber man könne das Wort leider nicht ganz spiegeln. Der Spiegel ist ein wichtiges Motiv in "Her Story". Im Papierkorb kann man ein Spiel im Spiel namens "Mirror Game" finden.

Das Computerspiel - oder der interaktive Film - spiegelt seinerseits ein Phänomen der Achtziger- und Neunzigerjahre wieder, das "Full Motion Video" genannt wurde. Damit wurden Videospiele beworben, die Spielfilmszenen enthielten. Bessere Speichermedien - zunächst die Laserdisc und dann die CD - machten das möglich. Teils waren hier auch bekannte Schauspieler dabei, zum Beispiel der Luke Skywalker-Darsteller Mark Hamill in "Wing Commander III". Wirklich gut zusammen passten Spiel und Film aber nur selten. Eine Filmszene ohne Interaktion wirkte oft unmotiviert und ästhetisch fremd im Medium Spiel. So verschwand der massive Einsatz dieser Videos wieder, zumal er für die Produzenten sehr teuer war.

"Her Story" wurde von Sam Barlow entwickelt, der zuvor an Bestseller-Spielen wie "Silent Hill" gearbeitet hat. Die Möglichkeit, ohne großes Studio im Rücken das alte Konzepts der Kombination von Spielfilm und Videospiel weiterzuentwickeln, eröffnete ihm der "Indie Fund". Dieser Zusammenschluss bereits erfolgreicher unabhängiger Spielentwickler finanziert innovative Ideen mit Krediten, die nur im Fall des kommerziellen Erfolgs zurückgezahlt werden müssen. Hier haben sie ihr Geld auf eine interessante Idee gesetzt, die auch in der Umsetzung funktioniert, weil die Rahmenhandlung begründet, warum das Videospiel mehr Video als Spiel sein muss.

www.herstorygame.com, ca. 5 US-Dollar, Download für Windows, Mac, iOS.