Zum Umgang mit dem Tod von Gunter Sachs:Die Krankheit A.

Die Vitalität, die einmal vor allem mit der Jugend und der Lebensmitte assoziiert wurde, ist im Alter angekommen. Sie ist ebenso bilderstark und ebenso reich an Geschichten wie die Demenz des Alters. Den Alzheimer-Kranken als Verkörperungen des extremen Selbstverlustes stehen die vitalen, hochmobilen Alten gegenüber, die noch Extremsportarten betreiben und die Welt erobern.

Weil wir in einer modernen, westlichen Altengesellschaft leben, nehmen beide Gruppen zu, und die Lebensphase des Alters wird zum Schauplatz der dramatischen Rivalität der dunklen und der bunten Bilder.

Niemand, dem seine Knochen lieb, seine Bewegungsfreiheit unentbehrlich, seine Augen und Ohren, sein Sprachvermögen und seine Erinnerungsfähigkeit teuer sind, wird der Gebrechlichkeit nachtrauern, wo immer sie aufs Altenteil geschickt wird. Doch hat es mit der Parole "alt, aber vital!" eine seltsame Bewandtnis.

Sie ist als Utopie und Sehnsucht groß geworden, aber kaum hat sie, wie in unseren Breiten, ein gutes Stück Wirklichkeit erobert, bekommt sie leicht einen imperativischen Unterton, als dürfe die verlängerte Lebenszeit nur mit möglichst intensivem, möglichst attraktivem Leben gefüllt werden.

Dann tut sie so, als sei sie eine jedem zugängliche, grenzenlos verfügbare Ressource. Dann begnügt sie sich nicht mit der Lockerung der alten Verknüpfung von Alter und Gebrechlichkeit und macht sich selbst zur neuen kulturellen Norm des Alters, dann mahnt sie alle und jeden: Sei vital, wie alt Du auch bist. Informier Dich über Anti-Aging, sei der Kolumbus Deines Alters, entdecke es wie einen neuen Kontinent, Du schaffst es, noch mit siebzig am Berlin-Marathon teilzunehmen!

Je zahlreicher die Achtzigjährigen werden, die von Welterkundungen und Schlauchboot-Abenteuern berichten, desto misslicher wird es, schon mit knapp siebzig kaum noch aus den eigenen Wänden herauszukommen. Je mehr der Eindruck sich durchsetzt, die Vitalität im Alter lasse sich durch fleißiges Fitnesstraining verlässlich erwerben wie ein Rentenanspruch, desto karger und unansehnlicher muss demjenigen, bei dem Alter und Gebrechlichkeit nach wie vor Hand in Hand gehen, das Leben erscheinen, das zu führen er noch in der Lage ist.

Und manchmal mag er sich dem Verdacht ausgesetzt sehen, durch Vernachlässigung seiner Einzahlungen auf dem Gesundheitskonto für seine Gebrechlichkeit selbst verantwortlich zu sein.

Die alte Gebrechlichkeit kannte viele Stadien, viele Ausdrucksformen und Grade der Beschwernis vom Zipperlein aufwärts. Sie war, wie das Wörterbuch der Brüder Grimm ausführlich dokumentiert, im Alter besonders zu Hause, aber mit der Gebrechlichkeit der menschlichen Natur insgesamt verbunden.

In Fritz Langs großem Stummfilm "Der müde Tod", diesem "Volkslied in sechs Versen", musste die Heldin, um ihren Geliebten ins Leben zurückzuholen, einen lebenden Menschen finden, der ihn im Totenreich ersetzt. So kommt sie zu den Siechen, Alten und Gebrechlichen - denn gehört zu deren Jammern und Klagen nicht auch stets der Wunsch, der Tod möge sie endlich von ihren Gebrechen befreien, sie dem irdischen Jammertal entführen?

Aber kaum bietet die Heldin den Jammernden an, ihren Wunsch zu erfüllen - schon fährt das Leben mit aller Macht, die dem Gebärden- und Mienenspiel im Stummfilm zur Verfügung stand, in die Gesichter der Alten. Es entfacht dort einen wütenden Proteststurm, und Fritz Lang tat zu Recht nichts, um diese Rebellion der Gebrechlichen gegen den Tod etwa hämisch des Widerspruches zu den Klagen zu überführen, mit denen sie eben noch den Tod herbeiriefen. Denn die Anhänglichkeit an das Leben ist kein Privileg, das durch Vitalität erst zu verdienen oder zu beglaubigen wäre. Sie ist eine Mitgift des Lebens selbst.

Darum ist jede Einschränkung der alten Gebrechlichkeit durch die Fortschritte der Vitalität willkommen. Aber ihren utopischen Charakter hat sie noch nicht abgestreift. Daran erinnern uns die Alzheimer-Kranken.

© SZ vom 13.05.2011/rus
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