Zum Umgang mit dem Tod von Gunter Sachs:Der Schrecken bleibt

Zwei Altersbilder prallen aufeinander: Die Alzheimer-Kranken als Verkörperungen des Selbstverlustes - und die hochmobilen Alten, die vital die Welt erobern. Als dürfe verlängerte Lebenszeit nur mit möglichst attraktivem Leben gefüllt werden.

Lothar Müller

Ein Trostbuch gehört in diesem Frühjahr zu den Bestsellern auf dem deutschen Buchmarkt: "Der alte König in seinem Exil." (Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil - Falsche Idylle). Der Schriftsteller Arno Geiger schildert darin seine Beziehung zu seinem an Alzheimer erkrankten Vater. Er hüllt ihn in Shakespeare-Zitate, ruft die Erinnerung an den gesunden Vater herauf, vergleicht ihn mit dem senseschwingenden Lewin aus Tolstois "Anna Karenina" und verwandelt beide, den kranken wie den gesunden Vater, in poetische Existenzen.

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Das schöne Leben, das er als junger Mann unter anderem mit Brigitte Bardot geführt hatte, wollte er im Alter nicht gegen Siechtum eintauschen: Der Tod von Gunter Sachs bewegt die Gemüter. Er hat sich am Samstag erschossen und wird an diesem Freitag beigesetzt.

(Foto: AFP)

Als Gunter Sachs sich am vergangenen Wochenende das Leben nahm, schrieb er in seinem Abschiedsbrief, er habe "durch die Lektüre einschlägiger Publikationen" erkannt, "an der ausweglosen Krankheit A. zu erkranken" und immer schon habe ihm diese Bedrohung als "einziges Kriterium" gegolten, "meinem Leben ein Ende zu setzen". Die Chiffrierung der Krankheit war hier keine Verschlüsselung, sondern im Verein mit den aufgezählten Symptomen - Verschlechterung des Gedächtnisses, Verzögerungen in der Wortfindung - eine Art Ausrufezeichen.

Es hat in den letzten Tagen viele gut begründete medizinische Einsprüche gegen das Verfahren der Selbstdiagnose des Selbstmörders gegeben und auch gegen die umstandslose Gleichsetzung der "Krankheit A." mit einem Leben, das keinesfalls lebenswert sei. Es ist aber dem Schrecken, den das Wort "Alzheimer" auslöst, mit Informationen über die Bewahrung von Elementen der "Person" und die Vielfalt der Empfindungs- und Ausdrucksformen der Demenz kaum abzuhelfen.

Denn der Schrecken geht ja nicht nur dem vielfältig publizierten Krankheitsbild hervor, aus etwaigen Erfahrungen mit der Demenz in Nachbarschaft oder Familie, aus dem dunklen Reigen der prominenten Betroffenen, die den Angriff der Krankheit auf die Sprach- und Gedächtnisfähigkeit verkörpern, vom schon verstorbenen Schauspieler Harald Juhnke bis zum noch lebenden Rhetorikprofessor Walter Jens.

Die Bilder des hinfälligen, zum Siechtum verdammten Alters sind durchsichtig, hinter ihnen zeichnet sich der Prospekt des langen gesunden Lebens ab, des historisch neuen, beispiellosen Bündnisses von Alter und Vitalität.

Wir sind durch die politische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts so nachhaltig ernüchtert, dass wir das Wort "Utopie" kaum mehr aussprechen können, ohne ihm das obligatorische "gescheitert" folgen zu lassen. Aber zum Kernbestand der Utopien gehören seit je nicht nur die Staatsverfassungen und Mondfahrzeuge, sondern auch die Entgrenzungen der physisch-leiblichen Natur des Menschen: Projekte gegen den Tod, Austreibungen der Krankheiten, verlässliche Verlängerungen des Lebens in ungeahnte Dimensionen.

Wir leben in einer Epoche der Realisierung alter Körperutopien. Kürzlich erst hat eine Sonntagszeitung zum Osterfest der Feier des neuen, vitalen Alters einen großen Schwerpunkt gewidmet: "Alter klingt verdächtig nach Pflegenotstand und Demenz. Dabei ist das lange Leben, das heutige und künftige Generationen erwarten dürfen, einer der größten Triumphe der Menschheit: Wir werden nicht bloß älter. Wir leben auch immer länger gesünder".

Die Altersbiologen, die diese Prognose stützen, sprechen von der Tendenz, dass die schweren Krankheiten bei den Bewohnern der westlichen, hoch industrialisierten Zivilisationen immer weiter ans Lebensende geschoben werden. Die Flächen der Vitalität breiten sich in diesem Szenario mehr und mehr aus.

Es nähert sich der Vision, die der Marquis de Condorcet, ein Parteigänger der Französischen Revolution 1793 in seinem "Entwurf einer historischen Darstellung der Fortschritte des menschlichen Geistes" vor Augen hatte, als er schrieb, "daß eine Zeit kommen muß, da der Tod nunmehr die Wirkung außergewöhnlicher Umstände oder des immer langsameren Abbaus der Lebenskräfte sein wird."

Wir sprechen heute eher von Vitalität als von der Lebenskraft. Aber die einstmals utopische Entkoppelung der Lebensphase des Alters von der Gebrechlichkeit ist längst zu einer realistischen Option geworden.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, woran uns die Alzheimer-Kranken erinnern.

Die Krankheit A.

Die Vitalität, die einmal vor allem mit der Jugend und der Lebensmitte assoziiert wurde, ist im Alter angekommen. Sie ist ebenso bilderstark und ebenso reich an Geschichten wie die Demenz des Alters. Den Alzheimer-Kranken als Verkörperungen des extremen Selbstverlustes stehen die vitalen, hochmobilen Alten gegenüber, die noch Extremsportarten betreiben und die Welt erobern.

Weil wir in einer modernen, westlichen Altengesellschaft leben, nehmen beide Gruppen zu, und die Lebensphase des Alters wird zum Schauplatz der dramatischen Rivalität der dunklen und der bunten Bilder.

Niemand, dem seine Knochen lieb, seine Bewegungsfreiheit unentbehrlich, seine Augen und Ohren, sein Sprachvermögen und seine Erinnerungsfähigkeit teuer sind, wird der Gebrechlichkeit nachtrauern, wo immer sie aufs Altenteil geschickt wird. Doch hat es mit der Parole "alt, aber vital!" eine seltsame Bewandtnis.

Sie ist als Utopie und Sehnsucht groß geworden, aber kaum hat sie, wie in unseren Breiten, ein gutes Stück Wirklichkeit erobert, bekommt sie leicht einen imperativischen Unterton, als dürfe die verlängerte Lebenszeit nur mit möglichst intensivem, möglichst attraktivem Leben gefüllt werden.

Dann tut sie so, als sei sie eine jedem zugängliche, grenzenlos verfügbare Ressource. Dann begnügt sie sich nicht mit der Lockerung der alten Verknüpfung von Alter und Gebrechlichkeit und macht sich selbst zur neuen kulturellen Norm des Alters, dann mahnt sie alle und jeden: Sei vital, wie alt Du auch bist. Informier Dich über Anti-Aging, sei der Kolumbus Deines Alters, entdecke es wie einen neuen Kontinent, Du schaffst es, noch mit siebzig am Berlin-Marathon teilzunehmen!

Je zahlreicher die Achtzigjährigen werden, die von Welterkundungen und Schlauchboot-Abenteuern berichten, desto misslicher wird es, schon mit knapp siebzig kaum noch aus den eigenen Wänden herauszukommen. Je mehr der Eindruck sich durchsetzt, die Vitalität im Alter lasse sich durch fleißiges Fitnesstraining verlässlich erwerben wie ein Rentenanspruch, desto karger und unansehnlicher muss demjenigen, bei dem Alter und Gebrechlichkeit nach wie vor Hand in Hand gehen, das Leben erscheinen, das zu führen er noch in der Lage ist.

Und manchmal mag er sich dem Verdacht ausgesetzt sehen, durch Vernachlässigung seiner Einzahlungen auf dem Gesundheitskonto für seine Gebrechlichkeit selbst verantwortlich zu sein.

Die alte Gebrechlichkeit kannte viele Stadien, viele Ausdrucksformen und Grade der Beschwernis vom Zipperlein aufwärts. Sie war, wie das Wörterbuch der Brüder Grimm ausführlich dokumentiert, im Alter besonders zu Hause, aber mit der Gebrechlichkeit der menschlichen Natur insgesamt verbunden.

In Fritz Langs großem Stummfilm "Der müde Tod", diesem "Volkslied in sechs Versen", musste die Heldin, um ihren Geliebten ins Leben zurückzuholen, einen lebenden Menschen finden, der ihn im Totenreich ersetzt. So kommt sie zu den Siechen, Alten und Gebrechlichen - denn gehört zu deren Jammern und Klagen nicht auch stets der Wunsch, der Tod möge sie endlich von ihren Gebrechen befreien, sie dem irdischen Jammertal entführen?

Aber kaum bietet die Heldin den Jammernden an, ihren Wunsch zu erfüllen - schon fährt das Leben mit aller Macht, die dem Gebärden- und Mienenspiel im Stummfilm zur Verfügung stand, in die Gesichter der Alten. Es entfacht dort einen wütenden Proteststurm, und Fritz Lang tat zu Recht nichts, um diese Rebellion der Gebrechlichen gegen den Tod etwa hämisch des Widerspruches zu den Klagen zu überführen, mit denen sie eben noch den Tod herbeiriefen. Denn die Anhänglichkeit an das Leben ist kein Privileg, das durch Vitalität erst zu verdienen oder zu beglaubigen wäre. Sie ist eine Mitgift des Lebens selbst.

Darum ist jede Einschränkung der alten Gebrechlichkeit durch die Fortschritte der Vitalität willkommen. Aber ihren utopischen Charakter hat sie noch nicht abgestreift. Daran erinnern uns die Alzheimer-Kranken.

© SZ vom 13.05.2011/rus
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