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Zum Tod von Peter Rühmkorf:Im Vollbesitz seiner Zweifel

1978 veröffentlichte er "Strömungslehre I". Auf dem Titelbild sind vier Photos eines Mannes zu sehen, der einem Luftdruckexperiment unterzogen wird. In vier Phasen der Steigerung der Qual sieht man sein Gesicht. Daneben steht, in klassische und zunehmend wilde Schnörkel auslaufend, "Poesie". Rühmkorf, der lange beim Rowohlt Verlag als Lektor arbeitete, hat immer selbst angeregt, wie seine Titelbilder aussehen sollten.

"Strömungslehre" ist allerdings gar kein Lyrikband; darin hat Rühmkorf vielmehr seine Poetik erklärt, dazu gehören auch "Briefe an meine Geschäftsfreunde". 1975 schrieb er an Heinrich Maria Ledig-Rowohlt: Autoren "können von 12000 Mark fast ein ganzes Jahr leben, was ihnen sonst keiner nachmacht, aber das ist denn auch sinequanon, ohne geht nicht, ohne sterben sie oder kränkeln sich bloß noch so als Feuilletonisten durch". Rühmkorf hatte kein Verständnis für per Anstellungsvertrag abgesicherte Feuilletonisten, die den freien Autoren immer mal wieder mitteilen, Armut mache besonders schöpferisch.

Zwar schrieb Rühmkorf viele politische Kommentare, und bei Wahlkämpfen hat er für die SPD getrommelt. "Im Vollbesitz seiner Zweifel" ist er aber keinen Glaubenssätzen anheimgefallen. Mit den Achtundsechzigern sympathisierte er, doch Dutschkes "herausgeheiserte" Reden sprachen ihn nicht an.

Ideologischer Pappkarton

1990 notierte er in seinem Tagebuch nach einem Ausflug: "Auf der Rückfahrt noch lange einem Kommunismus nachgesonnen, der nie unsere Sache gewesen war und in dem wir trotz allem ein paar Bauelemente für ein zukünftiges Gerechtigkeitsreich erkannt zu haben glaubten - nun sahen wir nach Entfernung der Verblendleisten nur noch die Schedderigkeit eines ideologischen Pappkartons."

Er war entschlossen, "mein Ich zum Selbstkostenpreis in Kunst aufgehen zu lassen und dennoch Haus und Garten nicht aus den Augen zu verlieren". Seine Glaubenslehre war der "hedonistische Humanismus". "Haltbar bis 1992" enthält ein Gedicht, in dem steht: "Liebste, ich sing: an dich / denk ich bei Tag und Nacht, / weil mich das Ding an sich / trübsinnig macht." Ein paar Seiten weiter heißt es: "Anders gesagt, ich persönlich buttere meinen Toast am liebsten von beiden Seiten."

Rühmkorf, ein Meister freier Verse, hat den Reim geliebt und in einer grandiosen Vorlesung (1981 unter dem Titel "Agar agar zaurzaurim" veröffentlicht) die sich reimende Dichtung aus dem ersten Gelalle kleiner Menschen abgeleitet: Ma-ma, Pa-pa. "Nichts Höheres möchte der Reim als freudig mit den Ohren gelöffelt und der Seele als ein Lockruf eingeflüstert werden. Und nichts Edleres hat er im Sinn als den Zusammenklang des tragisch Getrennten, fatal Auseinandergerissenen, umständehalber Zerteilten wenigstens für einige Atemzüge lang als möglich erscheinen zu lassen."

Harmonie

Ja, er liebte die Harmonie, im Gedicht wie im Leben. Und nur weil er das Abenteuer auch liebte, hat er die Harmonie manchmal hintergangen. "Ich habe mich immer wie ein Seemann gefühlt, der eine Zeitlang mal außer Land fährt, und hier ist ein Hafen und da ist ein Hafen. Dann kehrst du wieder wie Odysseus nach Hause zurück", sagte er im Gespräch mit der SZ.

1964 heiratete er. Eva Rühmkorf machte sich als eine Leiterin einer Jugendstrafanstalt und dann als SPD-Politikerin einen Namen. Als Rühmkorf dabei war, sich mit seiner Krebskrankheit irgendwie einzurichten, sagte seine Frau, sie habe sich jetzt wieder einmal neu in ihren Mann verliebt.

Seinen Freunden ging es ganz ähnlich. Nach seinem Credo, "für uns und für euch" zu dichten, so wie seine Mutter es tat, hat er auch gelebt. An seiner Freude und seinem amüsierten Befremden über alles, was er aufsammelte, er sprach von "Wollflusen", ließ er jeden teilhaben. Dass nun seine Schriften in einer Gesamtausgabe gesammelt werden, hat ihn gefreut. Am Sonntagabend, dem 8. Juni, ist er gestorben.

In "Haltbar bis 1992" sind diese Verse zu lesen: "'N' ich hat irgendwie jeder, und das ist auch gar nicht so ungewaltig. / Wenn es die Augen zuklappt, / geht die Erde unter, / sind die Sterne aus."

© SZ vom 10.06.2008
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