bedeckt München

Zum Tod von Peter Rühmkorf:Im Vollbesitz seiner Zweifel

Ein Ich hat irgendwie jeder, aber die passenden Verse dazu nur einer: Zum Tod des großen Dichters Peter Rühmkorf.

Franziska Augstein

Rückblickend war es ausgemachte Sache, dass Peter Rühmkorf ein Dichter werden musste. Wer sein Vater war, hat er erst mit sechzehn oder siebzehn Jahren erfahren. Der war ein herumziehender Puppenspieler und hatte sich nach einer kurzen Liebschaft mit Elisabeth Rühmkorf über alle Berge gemacht. Die junge Frau, Tochter eines protestantischen Superintendenten, brachte das uneheliche Kind 1929 heimlich in einer fremden Ortschaft zur Welt.

rühmkorf schmeken
(Foto: Foto: Regina Schmeken)

Während seiner ersten Lebensjahre machte Rühmkorf sich allerlei Vorstellungen von dem fremden Vater. Um nicht als ehrlos dazustehen, hatte die Mutter ihren eigenen Sohn adoptiert; und weil das Kind so lieb war, nahm der sittenstrenge Großvater es schließlich doch an und erblickte im kleinen Peter einen gottgesandten Ersatz für seine zwei Söhne, die im Ersten Weltkrieg gefallen waren.

Der Entmythologisierer

Elisabeth Rühmkorf arbeitete als Lehrerin im kleinen, an der Niederelbe gelegenen Warstede. Sie schmiedete fröhliche Reime und musste "immer ran", wenn jemand in der Ortschaft ein Fest beging. Der Sohn lernte, dass Dichtung etwas Geselliges ist; "von uns für Euch" sei sie, hat er gesagt. Und von denen, für die er auch gesungen hat, holte er sich, was er brauchen konnte: Wörter aus dem Plattdeutschen, aus der Umgangssprache. Die Gedichte des Walter von der Vogelweide waren für ihn ebenso wichtig wie die dadaistischen Kinderverse von Schul- und Hinterhof.

Rühmkorf sammelte Wörter und Reime, so wie er vieles aufhob, was er fand: Steine, Scherben, Zeitungen. Im Gegensatz zu anderen Sammlern ging es ihm nicht ums Haben, sondern um den Gebrauch. "Eigentlich schon als Kind war ich ein Entmythologisierer", sagte er.

Seine Begeisterung für alte Scherben ging 1969 in einem Theaterstück auf, "Was heisst hier Volsinii? Bewegte Szenen aus dem klassischen Wirtschaftsleben", das zweimal inszeniert wurde. In Ost-Berlin kam das Stück an, in Düsseldorf konnten die Rezensenten mit seiner Kapitalismuskritik nicht viel anfangen.

Wortmüll gab es für ihn eigentlich nicht. Die Sprache aus der Werbung und dem Börsenteil baute er in poetische Collagen ein. "Wie der Phönix aus den Scherben, oh Vaterland, / Edelstahl platzt in den Nähten, Fette erholt, / Farbe bei lebhaftem Angebot Aufgalopp, Kursgewinn, / Hanomag, hundertprozentige Rheinstahltochter ..."

Das apokalyptische Fracksausen

Die "Variation" auf Hölderlins "Gesang des Deutschen" erschien 1962 in dem Band "Kunststücke. Fünfzig Gedichte nebst einer Anleitung zum Widerspruch". Weiter geht's, nun in Hölderlins Duktus: "Du Land, chromblinzelnd, wo man die Meinung verzieht / bei stillem Anteil, bin ich der deine schon? / Sieh, auch ich bin fix in der Lüge, / freundlich blinket mein Damaszenergebiß."

Damals hat Rühmkorf viel gebennt und gebrechtet, wie ein Verlagslektor das nannte. Benn und Brecht waren notwendig, weil das Deutsch, das er als Kind in der Nazizeit zu hören bekam, und das Deutsch der schwülstigen Nachkriegsbesinnlichkeit erst einmal überwunden werden mussten. Er knüpfte in den fünfziger Jahren bei dem an, was die Nazis abrasiert und eliminiert hatten.

Rühmkorf hat für Konkret viele politische Artikel verfasst. Aber er war nie ein zuerst auf den politischen Effekt zielender Dichter. Er meinte lediglich, dass ein Dichter wissen müsse, was um ihn her vorgeht. Die Überbleibsel des Nationalsozialismus, die Angst vor der Atombombe und einem Dritten Weltkrieg trieben ihn und seine Freunde lange um. "Wir wollten politische Aufklärung und das apokalyptische Fracksausen auf einen brüchigen Nenner bringen."

Zuallererst lebt das Gedicht von der Sprache. Wenn die sich aber nicht mit der Welt beschäftigt, wirkt sie schal. Grandios war die Aufzählung des Blauen in der deutschen Nachkriegslyrik, die Rühmkorf unter dem Titel "Leslie Meiers Lyrik-Schlachthof" in Konkret veröffentlichte: In seiner Abrechnung mit der Farbe Blau in der Lyrik finden sich viele gute Namen, darunter Paul Celan, Walter Höllerer, Karl Krolow, Nelly Sachs. So viel Blau - da wurde Rühmkorf blümerant. "Ist Ihnen aufgefallen, dass hier eine zutiefst romantisch gestimmte Generation Laut gibt?", fragte er 1958 seine Leser.

Viele Dichter fand er zu pathetisch. Da wurde nicht getrunken, sondern allenfalls genippt: "Durch einen Durst sehr eigener Art geplagt", schrieb er 1962, "greift der Bedürftige nun freilich nicht nach einem Trinkgefäß, das wir vielleicht für nutzvoll hielten - sagen wir Tasse oder Bierglas - sein hoher Sinn steht ihm nach Kelchen und Krateren, Vasen und Amphoren, Aschen- und Tränenkrügen."

Immer noch Wut

Das Politische an Rühmkorfs Gedichten ergibt sich nicht daraus, dass er eine Botschaft an den Mann hätte bringen wollen und dafür das passende Reimkleid suchte. Er dachte politisch. In "Tabu II" schrieb er, man habe ihn gefragt, woher er eigentlich immer noch seine Wut beziehe. Seine Antwort: Das sei "ein festes Integral meiner Angst, seit den Nazis tief eingefleischt, und durch Diskussionen allein nicht mehr aus der Welt zu schaffen".

Im Vollbesitz seiner Zweifel

1978 veröffentlichte er "Strömungslehre I". Auf dem Titelbild sind vier Photos eines Mannes zu sehen, der einem Luftdruckexperiment unterzogen wird. In vier Phasen der Steigerung der Qual sieht man sein Gesicht. Daneben steht, in klassische und zunehmend wilde Schnörkel auslaufend, "Poesie". Rühmkorf, der lange beim Rowohlt Verlag als Lektor arbeitete, hat immer selbst angeregt, wie seine Titelbilder aussehen sollten.

"Strömungslehre" ist allerdings gar kein Lyrikband; darin hat Rühmkorf vielmehr seine Poetik erklärt, dazu gehören auch "Briefe an meine Geschäftsfreunde". 1975 schrieb er an Heinrich Maria Ledig-Rowohlt: Autoren "können von 12000 Mark fast ein ganzes Jahr leben, was ihnen sonst keiner nachmacht, aber das ist denn auch sinequanon, ohne geht nicht, ohne sterben sie oder kränkeln sich bloß noch so als Feuilletonisten durch". Rühmkorf hatte kein Verständnis für per Anstellungsvertrag abgesicherte Feuilletonisten, die den freien Autoren immer mal wieder mitteilen, Armut mache besonders schöpferisch.

Zwar schrieb Rühmkorf viele politische Kommentare, und bei Wahlkämpfen hat er für die SPD getrommelt. "Im Vollbesitz seiner Zweifel" ist er aber keinen Glaubenssätzen anheimgefallen. Mit den Achtundsechzigern sympathisierte er, doch Dutschkes "herausgeheiserte" Reden sprachen ihn nicht an.

Ideologischer Pappkarton

1990 notierte er in seinem Tagebuch nach einem Ausflug: "Auf der Rückfahrt noch lange einem Kommunismus nachgesonnen, der nie unsere Sache gewesen war und in dem wir trotz allem ein paar Bauelemente für ein zukünftiges Gerechtigkeitsreich erkannt zu haben glaubten - nun sahen wir nach Entfernung der Verblendleisten nur noch die Schedderigkeit eines ideologischen Pappkartons."

Er war entschlossen, "mein Ich zum Selbstkostenpreis in Kunst aufgehen zu lassen und dennoch Haus und Garten nicht aus den Augen zu verlieren". Seine Glaubenslehre war der "hedonistische Humanismus". "Haltbar bis 1992" enthält ein Gedicht, in dem steht: "Liebste, ich sing: an dich / denk ich bei Tag und Nacht, / weil mich das Ding an sich / trübsinnig macht." Ein paar Seiten weiter heißt es: "Anders gesagt, ich persönlich buttere meinen Toast am liebsten von beiden Seiten."

Rühmkorf, ein Meister freier Verse, hat den Reim geliebt und in einer grandiosen Vorlesung (1981 unter dem Titel "Agar agar zaurzaurim" veröffentlicht) die sich reimende Dichtung aus dem ersten Gelalle kleiner Menschen abgeleitet: Ma-ma, Pa-pa. "Nichts Höheres möchte der Reim als freudig mit den Ohren gelöffelt und der Seele als ein Lockruf eingeflüstert werden. Und nichts Edleres hat er im Sinn als den Zusammenklang des tragisch Getrennten, fatal Auseinandergerissenen, umständehalber Zerteilten wenigstens für einige Atemzüge lang als möglich erscheinen zu lassen."

Harmonie

Ja, er liebte die Harmonie, im Gedicht wie im Leben. Und nur weil er das Abenteuer auch liebte, hat er die Harmonie manchmal hintergangen. "Ich habe mich immer wie ein Seemann gefühlt, der eine Zeitlang mal außer Land fährt, und hier ist ein Hafen und da ist ein Hafen. Dann kehrst du wieder wie Odysseus nach Hause zurück", sagte er im Gespräch mit der SZ.

1964 heiratete er. Eva Rühmkorf machte sich als eine Leiterin einer Jugendstrafanstalt und dann als SPD-Politikerin einen Namen. Als Rühmkorf dabei war, sich mit seiner Krebskrankheit irgendwie einzurichten, sagte seine Frau, sie habe sich jetzt wieder einmal neu in ihren Mann verliebt.

Seinen Freunden ging es ganz ähnlich. Nach seinem Credo, "für uns und für euch" zu dichten, so wie seine Mutter es tat, hat er auch gelebt. An seiner Freude und seinem amüsierten Befremden über alles, was er aufsammelte, er sprach von "Wollflusen", ließ er jeden teilhaben. Dass nun seine Schriften in einer Gesamtausgabe gesammelt werden, hat ihn gefreut. Am Sonntagabend, dem 8. Juni, ist er gestorben.

In "Haltbar bis 1992" sind diese Verse zu lesen: "'N' ich hat irgendwie jeder, und das ist auch gar nicht so ungewaltig. / Wenn es die Augen zuklappt, / geht die Erde unter, / sind die Sterne aus."

© SZ vom 10.06.2008
Zur SZ-Startseite