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Zum Tod von Joe Cocker:Akustisches Lebenszeichen für Europa

Im Frühsommer 1996 ließ sich Cocker vom deutschen "EMI"-Boss Helmut Fest überreden, "ein akustisches Lebenszeichen" (so Cocker dazu selber) für Europa und speziell Deutschland zu senden: "Ich denke", sagte Cocker damals, "er hatte das Weihnachts-Geschäft im Hinterkopf!". Eine schnell gebastelte Platte kam im Oktober 1996 auf dem europäischen Kontinent unter dem Titel "Organic" auf den Markt. "Allerdings sollte man sie nicht als neue Joe-Cocker-Scheibe ansehen, eher als eine Art Statement, wie alte Songs von mir heute klingen", meinte der Meister dazu.

Dieser Trend hält leider an: Cocker wird gezielt eingesetzt von seinen Produzenten. Deutlicher als bei "Across From Midnight" aus dem Jahr 1997 ist dies selten geworden. Eine ganze Reihe von Songs wird hier nur für ihn komponiert, darunter "That's All I Need To Know" von Eros Ramazzotti. Die Lp ist völlig auf Chart-Erfolg hin konzipiert. Cocker äußert sich 1997 dazu dezidiert im Spiegel: dass er "Produzenten und Managern ausgeliefert" sei, obwohl er bei der Endauswahl der Stücke noch mitreden dürfe, "aber auch ich muss Kompromisse machen. Auch auf der neuen Platte sind ein paar Songs, die für meinen Geschmack ein bisschen kommerziell sind. Aber ich kann nicht am Zeitgeist vorbeisingen. Wenn die Menschen von der Plattenfirma einen leichten Sommerhit wollen, liefere ich den."

Nicht nur Sommerhits, sondern auch Jingels, Für Kopfschütteln etwa sorgte die Sponsoring-Vereinbarung mit der Bremer Brauerei "Becks", die umfangreiche Werbeaktionen nach sich zog. Zum 50. Jahrestag der Thronbesteigung von Queen Elizabeth erlebte man Cocker im Juni 2002 im Garten des "Buckingham Palace" neben anderen alten Männern bei einer "Royal Pop Party". Dieses "königliche Pop- und Rockfestival" brachte vornehmlich Altstars wie Rod Stewart, Paul McCartney, Eric Clapton, Steve Winwood und eben Cocker zusammen.

Stiftungsarbeit statt Rinder- und Pferdezucht

Cocker lebte lange auf seiner Ranch in Colorado, betrieb hier sehr erfolglos eine Rinder- und Pferdezucht. Die gibt er zu Beginn des neuen Jahrtausends auf und widmet sich der von ihm und seiner Frau seit 1999 aufgebauten "Cocker Kids' Foundation", einer karitativen Stiftung, die sich mit Schul-, Sport- und Kulturprojekten für Kinder engagiert. In einem Interview bekannte er: "Es gibt so viel Armut, sogar gleich in unserer Nachbarschaft. Wir versuchen den Kindern kleine Träume zu erfüllen, zum Beispiel nach einem Musikinstrument."

Im Jahr 2007 zeichnet Queen Elizabeth ihn mit einem Verdienstorden aus, dem "Officer of the British Empire" (OBE).

Ja, vielleicht muss man es einfach so sehen, vielleicht wird man dem "Zeremonienmeister des Coversongs" (Kieler Nachrichten) nur gerecht, wenn man die Lebensleistung und das Künstlerversagen Cockers zugleich und in gleichen Teilen sieht. Der Mann verzauberte Zehntausende bei seinen großen Konzerten, er hauchte manchen gecoverten Liedern mehr Seele ein, als sie im Original hatten.

Aber er war nicht immer Herr über seine Musik und die Sprache seiner Songs. Seinen Dauerflirt mit dem Kommerz kann man ihm nicht verübeln. Er konnte einem aber leid tun, wenn er von seinem Management auf die Rampe geschupst wurde, um zu singen, was man für chartverdächtig hielt. Seine markante, emotional befeuerte Stimme gehörte - so scheint es - nicht mehr ihm selbst, sie musste herhalten: So etwa wurde "You Can Leave Your Hat On" in Cockers Version 1986 weltberühmt. Ein Song, der im Film 9 1/2 Wochen eingesetzt wurde - und seitdem die Hymne aller Striptease-Tänzerinnen ist.

Am 22. Dezember hat Joe Cocker, der Mann, der als Rockstar begann und als Popstar mit ungezählten Hits weltberühmt wurde, mit 70 Jahren in seiner Wahlheimat Colorado den Kampf gegen den Krebs verloren.

© SZ.de/fie/lala

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