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Zum Tod von Jérôme Savary:Der Zirkusdirektor des Welttheaters

Er wollte der "Steven Spielberg der Bühne" sein: Jérôme Savary war Paradiesvogel und Provokateur, Zauberer und Zampano - und Leiter der Opéra Comique in Paris. Ihn aber als reinen Gaudiburschen hinzustellen, würde diesem phantasievollen, unerschrockenen Künstler nicht gerecht werden. Jetzt ist Savary im Alter von 70 Jahren gestorben.

Von Christine Dössel

Sein Name steht für Unterhaltung, Showbiz, sinnlich-derbes Spektakel: Jérôme Savary war so etwas wie der Zirkusdirektor des Welttheaters, ein Mann des Entertainments und der farbigen Revuen, ein französischer Striese mit argentinischen Wurzeln, Paradiesvogel und Provokateur, Zauberer und Zampano, als Regisseur immer auch Bürgerschreck und Enfant terrible.

Als einen "Obergaukler" bezeichnete er sich selber, und seine Autobiografie, die er schon im Alter von vierzig vorlegte, nannte er "La vie privée d'un magicien ordinaire", auf deutsch erschienen 1986 unter dem Titel "Ein ganz gewöhnlicher Magier". Wobei Savary ausdrücklich Wert darauf legte, dem "Magier" etwas Gewöhnliches, Alltägliches beizugeben, denn er begriff sich nicht als einen "harmlosen Menschen, der hin und wieder in die Trickkiste greift", sondern durchaus als einen politischen Kopf, der als "typischer Freak der 60er Jahre" eine "freiheitliche und anarchistische" Grundausbildung erhalten habe.

Auch das Denken der Siebzigerjahre, "die Toleranz, die Brüderlichkeit, das Arbeiten in einer Gruppe" nannte er für sich prägend. Und so war er einerseits zwar der Amüsieronkel mit den alten Vaudeville-Nummern im Gepäck, schrieb sich andererseits aber immer auch den Kampf gegen Tabus und Ungerechtigkeiten auf die Fahne. Ihn als reinen Gaudiburschen hinzustellen, würde diesem phantasievollen, unerschrockenen Künstler nicht gerecht werden. Auch war er natürlich nie nur der "Gaukler". In Paris leitete er immerhin zwölf Jahre lang, von 1988 bis 2000, das Théâtre National de Chaillot am Trocadéro. Und danach sieben Jahre lang - bis 2007 - die Opéra Comique.

Auf Fotos sieht man ihn meist mit Zigarre im Mund selbstbewusst in die Kamera blicken - einen Mann, der Vitalität und Flamboyanz ausstrahlt, dazu dieses stritrizzihaft Draufgängerische, das den ungeheuren Schaffensdrang dieses künstlerischen Tausendsassas stets umwehte.

Werdegang eines Außenseiters

Jérôme Savary hatte den Werdegang eines Außenseiters, und als solcher fühlte er sich im seriösen Theatermilieu nie wirklich akzeptiert. "Meistens hat man mich wie einen Exorzisten an ein Theater geholt", sagte der viel gefragte Regisseur einmal über seine Gast-Engagements. Intendanten hätten ihn "mit Scham" eingeladen, "so wie man eine Hure einlädt" - nie sei er für eine "normale Produktion" gebucht worden. Von Savary erwartete man Spektakel, Grand Guignol, Übermut. Und er bot ihnen all das ja auch. Bot ein Theater, wie es weder das deutsche noch das französische Publikum bis dahin kannte: dynamisch, zirzensisch, erotisch - ein Mix aus Music Hall, Varieté, Slapstick und Poesie.

Der große Peter Zadek, den viel mit Savary verband, schreibt in seiner Autobiografie "My Way", dass er Savary interessanter fand als Robert Wilson, weil er "das Theater mit einer unsäglichen Kraft aus der Bildungsecke herausriss, auch das französische Theater". Und weil er - zum Beispiel mit so tollen Offenbach-Inszenierungen wie "Pariser Leben" oder "La Périchole" - die Operette "wieder aus ihrem verblödeten schlappen 19.-Jahrhundert Mief herausgeholt und zu einer lebendigen, witzigen Unverschämtheit gemacht" habe.

Zadek und Savary arbeiteten zweimal zusammen. 1981, bei der aufsehenerregenden Hans-Fallada-Revue "Jeder stirbt für sich allein", veranstalteten sie am Berliner Schiller-Theater Can-Can-Tänze und Kabarettnummern unterm Hakenkreuz und scheuten sich nicht, auf der Bühne zehn Hitler-Doubles steppen zu lassen. Weniger erfolgreich war 1993 "Der blaue Engel" am Theater des Westens in Berlin, mit Ute Lemper als Lola - eine Aufführung, die Savary nach Zadeks krankheitsbedingtem Ausstieg alleine zu Ende führte. Und für die er die Schelte kassierte. Der in Deutschland verkannten Ute Lemper hatte Savary 1986 bereits mit einer gefeierten "Cabaret"-Version in Lyon (mit Lemper als Sally Bowles) zur internationalen Karriere verholfen.

Immer für einen Skandal gut

Savarys eigene Karriere begann auf abenteuerlichen autodidaktischen Wegen. Geboren am 27. Juni 1942 in Buenos Aires wuchs der Sohn französisch-amerikanischer Eltern in einem Dorf in der französischen Ardèche auf. Zwei Jahre besuchte er die Kunstschule in Paris, bevor er mit 19 nach New York entfloh, wo er es zum "miserabel verdienenden Jazzmusiker" brachte. Nach dem Wehrdienst in Argentinien kehrte er mit 21 zurück nach Paris ("zu viele Tangos, zu viele Alt-Nazis, zu viel Nostalgie" in Buenos Aires). Er jobbte als Telefonist, Barkeeper, Jazztrompeter, zeichnete Cartoons, machte Foto-Romane und chauffierte eine Zeitlang die Witwe von Charlie Parker. Bis er 1965 die "Compagnie Jérôme Savary" gründete, aus der 1968 sein "Grand Magic Circus" hervorging, den er bald umtaufte in "Le Grand Magic Circus et ses animaux tristes" (Der Große Magische Zirkus und seine traurigen Tiere) - jene freie Theatergruppe, die mit frechen, respektlosen Revuen wie der Anti-Vietnamkriegs-Show "Zartan" oder "Von Moses bis Mao" riesige Erfolge feierte. Ivan Nagel schrieb anlässlich eines Gastspiels der Truppe in München: "Das Schöne ist, das Savary aus den ewigen Quellen des Schmierentheaters schöpft. Diese Truppe weiß, dass Schauspielerei nicht eine Sache der Würde ist, sondern des Mutes, bis an die Extreme zu gehen. Die Selbstbefreiung der Schauspieler greift auf den Zuschauerraum über und führt auch dort zur Befreiung."

Es war denn auch Ivan Nagel, der Savary 1975 ans Deutsche Schauspielhaus Hamburg engagierte. Von da an arbeitete Savary kontinuierlich in Deutschland, Österreich und Frankreich, inszenierte Schauspiele, Operetten, Musicals, Opern, haute - zwischen Mailand, Paris und San Franciso - bis zu acht Produktionen im Jahr heraus. Savary-Inszenierungen waren mit ihrer forschen Sexualerotik immer für einen Skandal gut. Bei seiner Bonner Inszenierung "Schade, dass sie eine Hure ist" (1982) ließ er die Schauspieler so ungeniert im Schritt herumfingern, dass es im Parkett brodelte. Mit anderen Produktionen wiederum machte er seinem Anspruch, "der Steven Spielberg der Bühne" zu sein, alle Ehre, so großformatig waren sie inszeniert - etwa 1985 seine Cinemascope-"Zauberflöte" in Bregenz oder 1991, ebenfalls am Bodensee, seine bombastisch ausgestattete "Carmen" in mächtiger Felshangattrappe. Neben der großen Oper vernachlässigte er aber nie die kleine Schlampe Revue, brachte sogar "Holiday on Ice" auf die Bühne, 1990 in der Münchner Olympiahalle.

Nach seinem Abschied als Intendant der Komischen Oper in Paris ging Savary 2007 wieder "unter die Gaukler". Unter dem schönen Namen "Boîte à Rêves" (Schachtel der Träume) gründete er eine Bühne in einem alten Franziskanerkloster im südwestfranzösischen Béziers - und zog von dort wieder los zu europaweiten Tourneen. Savary war unermüdlich, aber am Ende war der Krebs stärker. Am Montagabend ist der kecke Bühnenmagier in einem Hospital in der Pariser Banlieue gestorben. Er wurde 70 Jahre alt.

© SZ vom 06.03.2013/mahu
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