Zukunft des Wohnens:Wer hat's erfunden?

österreichische Gartenstadt Puchenau bei Linz

Einer der harmonisch begrünten Fußgängerwege, die in der Gartenstadt Puchenau bei Linz die Wohnhäuser erschließen.

(Foto: RS/oH)

In Österreich gibt es seit 50 Jahren eine Gartenstadt, die ohne Zersiedelung und Verdichtung auskommt.

Von Reinhard Seiß

Die Städte wachsen wie selten zuvor, und die Speckgürtel drumherum noch mehr. Gleichzeitig wird das Bauland knapp und immer teurer, die Kommunen ringen mit der Finanzierung neuer Infrastruktur - und der Straßenverkehr ist noch weit entfernt von seinen Klimazielen. Nach wie vor fehlt uns das rechte Maß für eine zukunftstaugliche Siedlungsentwicklung, die sowohl die Ressourcen schont, als auch die Menschen erfreut. Jene Experten, die das Wohnhochhaus als Lösung der Probleme sehen, bedenken zu wenig, dass es im Vergleich zu den traditionellen Bebauungsformen der mitteleuropäischen Stadt keine wesentliche Einsparung an Boden bedeutet, wenn man Türme nicht bloß dicht nebeneinander staffelt, sondern mit jenem Freiraum umgibt, der den Grünbedarf der Bewohner zu decken vermag.

Die Wohnpräferenzen sehen meist anders aus: Nach wie vor hängt die Mehrheit dem Ideal von der Villa im Grünen, möglichst nah an der Stadt, nach. Dass Politik, Verwaltung, Raumplanung und Wohnbauwirtschaft bis heute kaum Besseres eingefallen ist, als diesen Wunschtraum durch Millionen freistehende Einfamilienhäuser wahr werden zu lassen, zählt zu den großen Tragödien unserer Kulturlandschaft. Das ist auch deshalb so bitter, weil es schon lange, lange probate Alternativen dazu gibt, die auf ihre massentaugliche Anwendung allerdings noch immer warten.

Eines dieser Modelle steht seit einem halben Jahrhundert in Puchenau bei Linz. Die zeitlose Gültigkeit dieser Siedlung wird schon durch ihre Baugeschichte deutlich, denn sie wurde in mehreren Etappen zwischen 1967 und 2000 realisiert, folgte aber bis zuletzt einem Prinzip. Es stammt von Roland Rainer, Österreichs bedeutendstem Architekten und Stadtplaner der Nachkriegszeit, der nach mehreren experimentellen Siedlungen im verdichteten Flachbau 1962 die Gelegenheit erhielt, sein Konzept der Gartenstadt auf einem 27 Hektar großen Areal an der Donau zu verwirklichen. Europaweit beachtet, verwirklichte er hier alle ihm wichtigen Kriterien eines umwelt- und menschengerechten Wohnens: boden- und energiesparender Städtebau, leistbares, weil vorfabriziertes Bauen sowie ein Wohnen im Einklang mit der Natur und frei von Autos.

Nach dreijähriger Planungs- und zweijähriger Bauzeit wurde die Gartenstadt I mit 245 Wohneinheiten in schlichten, weißen Kuben mit Flachdächern, ganz im Stil der klassischen Moderne, bezogen. Dreigeschossige Mietwohnbauten schirmen dabei mit ihren Nebenräumen die Siedlung gen Norden vom Lärm einer Bundesstraße sowie der parallel verlaufenden Regionalbahn ab, die Rainers Gartenstadt mit zwei Stationen erschließt. Südseitig, mit Blick auf die Donau, verfügen sie über großzügige Terrassen, Loggien und Balkone sowie gemeinschaftliche Grünflächen. Daran anschließend treppte der Architekt die Bebauung zum Fluss hin ab: zunächst durch zweigeschossige Reihenhäuser und, ihnen vorgelagert, durch ebenfalls aneinandergebaute eingeschossige Bungalows. Beide Eigentumswohnformen finden auf Parzellen von 105 bis 270 Quadratmetern Platz und verfügen über private Gärten.

Offenbar reichen Freiräume zwischen 50 und 150 Quadratmetern völlig aus, damit Menschen ihren Grün- und Erholungsbedarf stillen sowie ihren Gestaltungswillen ausleben können. Von der wildromantischen Blumenwiese mit Biotop und Hängematte über den Nutzgarten mit Obstbäumen und Gemüsebeeten bis hin zur akkuraten japanischen Gartenkunst findet sich in Puchenau heute so ziemlich alles.

Auch die Erschließung der Gartenstadt I beschränkt sich auf geringstmöglichen Flächenverbrauch, zumal sie ausschließlich durch schmale, beidseitig begrünte Fußwege erfolgt. Die Autos stehen in Sammelgaragen am Rand der Siedlung. Damit die Bewohner dennoch wettergeschützt zu ihren Häusern gelangen, hat Rainer einen Teil des Wegenetzes mit Dächern versehen.

Charakteristisch für die ebenerdigen Häuser ist ihre konsequente Ausrichtung auf die innen liegenden Gartenhöfe. Um trotz der dichten Bebauung ein Höchstmaß an Privatheit zu ermöglichen, sah der Architekt an den außen liegenden Fassaden so gut wie keine Fenster vor - und schützte die Gärten durch hohe Gartenmauern vor Einblicken und Lärm. Im Inneren dagegen herrscht Offenheit: Alle Räume sind mit großen Fenstern zum Grün hin orientiert und erhalten Sonnenlicht von Süden, Osten oder Westen. Roland Rainer betrachtete den Garten als Erweiterung der Wohnung und sorgte mit seiner Architektur für einen fließenden Übergang zwischen dem Innen- und dem privatem Außenraum.

Das Befremden war groß. Einige Leute nannten die Siedlung so: "Rainer-KZ"

So zufrieden die Bewohner der Gartenstadt waren und sind - die Bevölkerung der Umgebung kam anfangs nur schwer damit zurecht. Im Oberösterreich der 60er- Jahre bedeuteten scheinbar fensterlose Häuser ohne Satteldach, umfriedet von mannshohen Mauern aus Sichtbeton, geradezu einen Kulturschock. Zumal die Siedlung in den ersten Jahren auch noch nicht von üppigem Grün umstanden war, trug Puchenau I bald den drastischen Beinamen "Rainer-KZ". Bezeichnend für diese Meinungsbildung ist, dass sie - wie so oft - ohne Kenntnis des Urteils der Nutzer erfolgte. Diese gaben dem Konzept recht, indem sie etliche Gartenmauern durch Holzlatten oder Blumentröge sogar noch erhöhten, um die Intimität der beliebten Höfe zu verstärken.

Der Erfolg dieses Siedlungsmodells zeigte sich auch an der weiteren Nachfrage nach Wohnungen in Puchenau. Von 1978 an entstand sukzessive der zweite Bauabschnitt mit insgesamt 750 Wohnungen, wobei der Architekt nach Gesprächen mit den Bewohnern deren Erfahrungswerte für seine Neuplanung nutzte. So ist die Wegeführung in der Gartenstadt II weniger linear, und die öffentlichen Räume sind großzügiger konzipiert; sie wurden umgehend auch für Nachbarschaftsfeste, zum Radfahren oder Spielen genutzt. Wie in der gesamten Gartenstadt können sich die Kinder hier gefahrlos und unbeaufsichtigt bewegen.

Auch die ökonomischen, technischen und baurechtlichen Veränderungen seit den 60er-Jahren sind im jüngeren Teil ablesbar: Die Randbebauung im Norden ist hier bis zu fünf Stockwerke hoch und nimmt in den Untergeschossen die Bewohnerparkplätze auf. Viele der Reihenhäuser wiederum zeigen Solaranlagen auf den Dächern. Im Wesentlichen blieben Konzept und Gestaltung aber über vier Jahrzehnte gleich. Die wohltuende Einheitlichkeit der Siedlung sagt freilich nichts über die Individualität des Wohnens in Puchenau aus: An die 30 verschieden organisierte und unterschiedlich große Haus- und Wohnungstypen finden sich hier.

Schon von Anfang an ergänzte Roland Rainer die Wohnbebauung durch Einrichtungen wie Kindergarten und Schule, eine Kirche mit Pfarrzentrum, Geschäfte, Ärzte und eine Apotheke, ja selbst ein Feuerwehrhaus, um die Siedlung nicht zur Schlafstadt verkommen zu lassen. Und er ließ Puchenau immer wieder wissenschaftlich untersuchen. Dabei zeigte sich, dass die Baukosten selbst bei den Bungalows im Rahmen blieben. Rainer optimierte seine Häuser bis ins kleinste Detail - auch ökonomisch. Die Erschließungskosten der Gartenstadt waren beispielsweise enorm niedrig. Sie lagen deutlich unter den Kosten von Einfamilienhaus-Siedlungen. Eine Studie attestierte schließlich den Menschen der Gartenstadt sogar eine signifikant geringere Freizeitmobilität: In einem zu Vergleichszwecken herangezogenen Hochhaus in Linz verbrachten die Bewohner ihre Wochenenden nur zu 23 Prozent daheim; dagegen blieben die Bewohner der Bungalows in Puchenau zu 73 Prozent zu Hause - und stiegen nicht ins Auto, um die Siedlung zu verlassen.

Demnach hätte Roland Rainers Konzept, das er in kleinerem Maßstab noch mehrmals umsetzen konnte, ein massenhaft angewandtes Erfolgsmodell werden müssen. Doch blieben seine Wohnanlagen bis heute Ausnahmeerscheinungen im suburbanen Siedlungsbrei, mit dem wir weiterhin unsere Zukunft verbauen.

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