Aus dem Ungarischen Es ist immer Krieg

Ein widersinnig schöner Roman des Autors Zoltán Dany, der vom Hässlichen erzählt. "Der Kadaverräumer" rührt an vertraute Traumata im europäischen Gedächtnis.

Von Andrea Heinz

Der Krieg, dieser Vater aller Dinge, ist in gewisser Weise auch der der Literatur. Man braucht die Sprache, um den Krieg zu erklären, Befehle auszuteilen. Man braucht aber auch die Sprache, um mit dem, was man da angerichtet und erlitten hat, irgendwie leben zu können. Im ältesten erhaltenen Drama der Weltliteratur, Aischylos' "Die Perser", uraufgeführt 472 v. Chr., mahnen die Opfer der Seeschlacht bei Salamis, ihr Andenken zu wahren und dem mörderischen Wahnsinn des Krieges abzuschwören. Sie mahnen umsonst, auch wenn das Stück heute noch gespielt wird. Unermüdlich fragt die Literatur, was denn das ist, "was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?", wie es in Büchners "Dantons Tod" heißt.

Will man es wirklich wissen? "Es ist immer Krieg", schreibt Ingeborg Bachmann in "Malina". Man neigt dazu, zu vergessen, dass er vor nicht allzu langer Zeit noch mitten in Europa gewütet hat. Dass die Jugoslawienkriege (oder vielmehr die Menschen, die sie führten) Wunden geschlagen haben, die nicht verheilt sind. Gerade erst hat sich der Außenminister Heiko Maas zur Frage eines Gebietstausches zwischen Serbien und Kosovo skeptisch geäußert. Das könne "zu viele alte Wunden in der Bevölkerung aufreißen".

Die hat wohl auch Zoltán Danyi, dessen erster Roman "Der Kadaverräumer" gerade auf Deutsch erschienen ist. Er hat diesen Krieg erlebt, Danyi wurde 1972 im jugoslawischen Senta geboren und ist Angehöriger der ungarischen Minderheit in Serbien. 1991 begannen die Balkankonflikte. "Der Kadaverräumer" ist das Ergebnis seines langen Ringens mit dem Krieg und seinen Nachwirkungen.

Denn dieser Krieg ist vielleicht beendet worden, aber er ist nicht vorbei. Der Ich-Erzähler von Danyis Roman arbeitet als Kadaverräumer, mit den Kollegen vom Räumkommando entsorgt er tote Füchse, Katzen, Hunde und all das Getier, das die Grenzposten aus Langeweile erschossen haben. Es herrscht Frieden an den Grenzen des Balkans und nur noch Tiere müssen dran glauben, wie in jeder anderen zivilisierten Gesellschaft auch. Aber das große Trauma des Krieges meldet sich immer wieder und stört den Erzähler in seiner manisch-redseligen Suada, die er mal einem schlafenden Penner, mal einem Pfleger in einem Berliner Krankenhaus oder welcher Zufallsbekanntschaft auch immer aufnötigt.

Zoltán Danyi, geboren 1972.

(Foto: MTI/MTVA)

In Berlin landet er, weil er von dort aus endlich Europa, dieses "jämmerliche", "beschissene", "vermaledeite" Europa, das "schon zu oft ausgeweidet und den Hunden vorgeworfen" wurde, Richtung Amerika verlassen will. Dabei quält ihn eine Verdauungsstörung. Die Wortwahl ist drastisch, bei diesem wie bei anderen Körpervorgängen; Terézia Mora hat das aus dem Ungarischen in ein nicht unbedingt schönes, aber absolut stimmiges Deutsch übersetzt. Deutlicher hätte Danyi kaum sagen können, was seine Figur vom Krieg hält: Sie findet ihn scheiße, sie kriegt ihn nicht verdaut. Gäbe es dafür ein treffenderes Bild als diese Kakophonie aus Scheißen, Pissen und Furzen? Was noch fehlt: Ficken. Dieser offensichtlich traumatisierte Mensch hat, wie er seinen schemenhaft auftauchenden Zuhörern oder vielleicht auch nur sich selbst eingesteht, an Gruppenvergewaltigungen teilgenommen.

Der Krieg ist ein schmutziges, räudiges Etwas, da gibt es keinen stringenten Plot und auch kein charakterlich eindeutiges Figurenpersonal. Wenn sich das überhaupt in eine literarische Form fassen lässt, dann hat Danyi eine gefunden. "Der Kadaverräumer" ist ein perfektes Buch von widersinniger Schönheit, das vom Hässlichen in uns erzählt. Ein ungeordneter Strom von Assoziationen und Erlebnissen, voller Dreck und Schmerz, hervorgestoßen von einer zutiefst bemitleidenswerten, verachtungswürdigen Kreatur. Man kann sich vorstellen, was für ein Kraftakt das Schreiben dieses Buches war.

Auch der Kadaverräumer will schreiben. Fast zwanghaft kauft er Notizbücher, aber viel bringt er nicht zu Papier. Geordnetes Verarbeiten braucht Abstand. Es fällt vermeintlich denen leichter, denen der Krieg nicht mehr so gnadenlos am Körper klebt, die sich den Traumata kälter, analytischer nähern können. Hier tut sich eine Verbindung auf, die vom fiktiven Kadaverräumer zu den zahlreichen realen Kindern, Enkeln und Urenkeln führt, die das Schicksal ihrer Vorfahren im zweiten Weltkrieg aufarbeiten. Und dabei ganz ähnlichen Erfahrungen von Gewalt, Schuld und Ausgesetztheit begegnen, wie sie Danyi am Beispiel seiner Romanfigur erzählt. Solche Wunden sind vererbbar, transgenerationale Traumatisierung nennt man das, und es passiert, dass Betroffene gar nicht wissen, woher ihre psychischen oder physischen Leiden stammen, weil ihre Eltern und Großeltern über das ursprüngliche Trauma nie gesprochen haben. Eine ganze Reihe von Sachbücher, etwa "Die Kraft der Kriegsenkel" der Sozialpädagogin Ingrid Meyer-Legrand (2016, Europa-Verlag) oder Matthias Lohres "Das Erbe der Kriegsenkel" (2016, Gütersloher Verlagshaus) haben in den letzten Jahren festzuhalten versucht, was "das Schweigen der Eltern mit uns macht".

Zoltán Danyi: Der Kadaverräumer. Roman. Aus dem Ungarischen von Terésia Mora. Suhrkamp, Berlin 2018. 251 Seiten, 24 Euro.

(Foto: )

Susanne Fritz hat in "Wie kommt der Krieg ins Kind" (2018, Wallstein-Verlag) erzählt, wie ihre damals 14-jährige Mutter nach Kriegsende als Teil der deutschen Bevölkerung Polens in einem Zwangsarbeiterlager interniert wurde - und sich später gegen jeden Opfermythos wehrte. Sie sah sich als Teil des Täter-Volkes: "Das Unrecht widerfuhr ihr zu Recht, sagte sie." Das Bild des Krieges wird da kaum deutlicher durch den zeitlichen Abstand. Wer ist Opfer, wer Täter? Kann man leben, ohne sich schuldig zu machen? Der Mensch ist "ein widersprüchliches Geschöpf", zitiert Fritz einmal Primo Levi.

Diese Auseinandersetzungen realer "Kriegsenkel" mit einem lang vergangenen Krieg erklären, warum uns dieser Kadaverräumer nicht einfach nur fremd und abstoßend erscheint. Etwas von seiner Geschichte ist auch in unserem eigenen kulturellen Gedächtnis noch virulent. Auch er ist ein widersprüchliches Geschöpf. Als jugoslawischer Ungar sieht er sich als unbeteiligtes Opfer, fragt eingeschnappt, "ob schon einmal jemandem eingefallen sei, nur einmal in diesem gottverdammten Scheißleben, dass die Serben und die Kroaten, während sie aufeinander losgingen, damit auch sein Leben gründlich vermasselten, obwohl er eigentlich nicht viel zu tun hatte mit dem Ganzen".

Immer wieder aber brechen sich seine Schuldgefühle Bahn. Er weiß, was er und seine Kameraden "getan haben, das gilt für immer und ewig und ist deswegen bis ans Ende aller Zeiten unverzeihlich." Er erzählt von Seilschaften während und nach dem Krieg, von seiner Liebe zu der Kroatin Celia, aber am Ende geht es nur um eines: Er kann sich von der Last des Krieges nicht befreien. Von dem Gefühl, "dass er nie wieder nach Hause kommen würde".

Nicht jeder will sich solchen Erfahrungen stellen, die Auseinandersetzung damit provoziert heute noch Abwehr und Hass. "Ich weiß oft nicht, gehört das Uralte dem Großvater, dem Vater oder mir selbst", sagt die Hauptfigur in einem Roman, der gerade im Salzburger Otto-Müller-Verlag erschienen ist. Die 1957 geborene Autorin Hanna Sukare erzählt in "Schwedenreiter" vom fiktiven Enkel eines Wehrmachts-Deserteurs und arbeitet den beschämenden Umgang der Salzburger Gemeinde Goldegg mit Deserteuren aus dem Ort auf, die 1944 zusammen mit Helfern und Unbeteiligten ermordet wurden.

Kurz nach Erscheinen des Buches schändeten Unbekannte in Goldegg einen Gedenkstein für die Deserteure sowie weitere Gedenktafeln. Als würden Fragen nach Schuld, Unschuld und Verantwortung in ihrer Uneindeutigkeit ihr Welt- und Selbstbild bedrohen. Vielleicht gibt es auch deshalb eine so große Abwehr gegen Kriegsflüchtlinge in unseren Straßen: Weil sie, wie der Kadaverräumer, der "mehr oder weniger ganz Berlin vollfurzte", den Schmutz des Krieges in doch längst wieder von allen Trümmern gesäuberte Städte bringen. Und uns daran erinnern, dass der Krieg immer noch da ist. Dass er in uns steckt.