Zitate-Collage Unverfälscht düster

"Alles kann passieren!" - Ein politischer Leseabend an den Kammerspielen bringt Reden rechter Politiker auf die Bühne

Von Ekaterina Kel

Da kommen die Autoren doch tatsächlich selbst auf die Bühne - die Schauspielerinnen haben ihren Platz schon eingenommen - und erklären dem Publikum das Stück. Vorab. Was im Theater als Übertretung von Konventionen gilt, ist an diesem Abend in den Kammerspielen Handeln aus Überzeugung. Es wirkt intuitiv, ist auch nicht Teil der Vorlage, flicht sich aber unweigerlich in die Wahrnehmung ein. Das folgende Stück "Alles kann passieren!", das für einen Abend aus Österreich nach München geholt wurde, sei "kein Klamauk" und auch "kein Kitsch", sondern die bloße Abbildung der Realität, sagt Florian Klenk, der Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung Falter. Wenn schon die Politik "theatralisch" geworden sei, müsse die Kunst die Möglichkeit ergreifen, um "darzustellen, was ist", postuliert Rabinovici, Wiener Autor und Historiker.

Das Theater verschreibt sich einem radikalen Realismus, über den Anspruch der Realität hinaus? Aus künstlerischer Sicht ein anregender Gedanke. Den Autoren aber geht es um Dringlicheres: Sie haben die Reden aus den vergangenen paar Jahren von nationalistischen und rechtspopulistischen Politikern zu einer gut einstündigen Zitate-Collage zusammengestellt und von vier Schauspielerinnen vom Tisch aus vorlesen lassen.

Der Abend will alarmieren. Laut Ungarns Premierminister Viktor Orbán zum Beispiel stehe die "ethnische Einheit des ungarischen Volkes" auf dem Spiel, laut Italiens Vize-Ministerpräsident Matteo Salvini der "Erhalt der Nation" gegen die "Multikulti"-Vorstellungen der "EU-Eliten". Shirin Lilly Eissa, Anouk Elias, Eva Löbau und Julia Windischbauer sprechen neben Orbáns und Salvinis Worten die des österreichischen Innenministers Herbert Kickl, seines Parteifreunds und Vizekanzlers Heinz-Christian Strache oder die des polnischen PiS-Chefs Jarosław Kaczyński.

Die Grundidee des Abends: In ihren Reden stecken die düsteren Zukunftsvisionen dieser Politiker, weshalb man sie in ihrer Unverfälschtheit kennen sollte, nicht zuletzt, um besser gegen sie argumentieren zu können. Der aufklärerische Anspruch des Stücks hat zur Folge, dass die zitierten Politiker als radikale Feinde liberaler Demokratie eingeordnet, als rein Böse stilisiert werden. Die Rahmung trägt dazu bei: die Ansprache am Anfang, die an der Wand als Korrektiv aufleuchtenden Zitate von Hannah Arendt und Victor Klemperer und das Heraustreten der Schauspielerinnen aus ihren Rollen zum Schluss, um zu erklären: "Es soll alle das Fürchten gelehrt werden."

Da wird der Appell moralistisch. Man muss sehr zynisch sein, um sich gar nicht von den Reden bewegen zu lassen. Und trotzdem bleibt das ungute Gefühl zurück, einer Predigt für Bekehrte beizuwohnen. Man darf sich getrost auf die Schulter klopfen: War man im Saal, gehörte man auf jeden Fall auf die richtige Seite der Geschichte. Und jetzt? Für Weiteres fehlt es dem Stück an intellektuellem Anspruch, das Phänomen des neuen Nationalismus in seinen politischen Ursachen zu verstehen.