Zerstörung des Weltkulturerbes:Bangen um Palmyra

Die Terroristen des IS rücken auf die Ruinenstadt vor. Das Assad-Regime versucht noch, Artefakte zu retten, doch Hoffnung gibt es kaum.

Von Sonja Zekri

Auf ihrer Facebook-Seite brüsten sich die Terroristen, dass sie den Flughafen erobert haben, auch das Gefängnis, sie töten Soldaten, Zivilisten, alles Lebendige auf ihrem Weg und reihen die Leichen in den Straßen auf. Und inzwischen, so berichten Aktivisten, haben die Zerstörer des Islamischen Staates auch die Stadt der Königin Zenobia erreicht. Jüngste Hoffnungen waren unbegründet: Der IS war nur vorübergehend zurückgedrängt worden. Palmyra könnte das Schicksal Nimruds und Hatras im Irak erleiden und zermalmt werden. Dass das Regime des syrischen Herrschers Baschar al-Assad die Terroristen zurückschlug, aber einen langfristigen Sieg nicht erwartete, belegten zwei logistische Schritte: Offenbar wurden Gefangene aus dem gefürchteten Foltergefängnis Tadmur verlegt. Und: Viele Objekte aus dem Museum und der Ruinenstadt wurden fortgebracht. Augenzeugen berichten von Arbeitern, die vier Laster mit Kisten aus dem Museum am Rande der antiken Tempel und säulengesäumten Prachtstraßen beluden und wegfuhren. Und der Chef der syrischen Antikenbehörde, Maamun Abdulkarim, sprach in Damaskus davon, man habe Hunderte der "kostbarsten und schönsten Stücke" in die syrische Hauptstadt gebracht. Der "Niedergang einer Zivilisation" drohe, warnte er: Die Menschheit habe "den Kampf gegen die Barbarei" verloren.

"Schon immer von der Welt getrennt, bestimmt die Stadt ihr Schicksal selbst.

Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass Assads Mann für die Antiken kein objektiver Beobachter ist und, das muss man sehr klar sehen, das Regime die drohende Vernichtung des Unesco-Weltkulturerbes Palmyra durchaus propagandistisch ausschlachtet - die Chancen stehen nicht gut. Palmyra, die blühende Handelsstadt auf den großen Routen von Europa nach Asien, war in den ersten drei Jahrhunderten nach Christus nicht nur eine sehr reale Oase in dieser Wüste Kleinasiens, sondern auch eine Insel pragmatischer Toleranz. Dutzende Götter wurden hier verehrt, allen voran Baal, dessen Tempel zu den wichtigsten Bauwerken zählt.

"Palmyra ist eine Stadt, die berühmt ist für ihre Lage, wegen des Reichtums ihres Bodens und ihrer angenehmen Quellen. Ihre Felder sind auf allen Seiten von weiten Sandgürteln umgeben. Durch die Natur schon immer von der umliegenden Welt getrennt, bestimmt die Stadt ihr Schicksal zwischen den beiden großen Imperien der Römer und Parther", schrieb Plinius der Ältere im ersten Jahrhundert nach Christus. Lange Zeit konnten die Herrscher dieses Stadtstaates die Konkurrenz der beiden damaligen Weltreiche in Rom und Persien ausbalancieren, und Zenobia, die legendäre Herrscherin, inspirierte weit später Gemälde, Opern und Filme. Aber dann versank Palmyra, wie so viele der damaligen Reiche, in der Bedeutungslosigkeit, es blieben nur prachtvolle Reste. Und nun droht der IS.

Ein Mitarbeiter des Museums hatte der New York Times noch vor Tagen geschworen, er werde Palmyra nicht verlassen. Nun führte er ein letztes verzweifeltes Gespräch: "Betet für uns."

© SZ vom 22.05.2015
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