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Zentral-Dombau-Verein:Initiative für die Ewigkeit

Im Jahr 1842 gründeten die Kölner den Zentral-Dombau-Verein, um endlich Spenden für die Vollendung der gotischen Kathedrale zu sammeln. Über Jahrhunderte hinweg blieb sie ein unfertiges Bauwerk ohne Eigentümer. Doch die Aufgabe hat kein Ende.

Von Bärbel Brockmann

Über Jahrhunderte war der Kölner Dom ein unfertiges Kirchenbauwerk. Zwar begann man mit dem Bau der gotischen Kathedrale schon im 13. Jahrhundert, doch Anfang des 19. Jahrhunderts war gerade der Chor vollendet. Weithin sichtbares Zeichen dieser Baustelle war ein Kran, der schon seit dem 14. Jahrhundert auf dem Südturm stand. Der Dom wäre vielleicht immer noch unvollendet, und der Kran das eigentliche Wahrzeichen der Stadt, hätten die Kölner im vorigen Jahrhundert die Sache nicht selbst in die Hand genommen.

1842 gründeten sie den Zentral-Dombau-Verein (ZDV), heute würde man sagen, eine Bürgerinitiative, die das Ziel hatte, das Bauwerk zu vollenden und das Geld aufzutreiben. Der König von Preußen, Friedrich Wilhelm IV., gab als Landesherr die nötige Zustimmung zur Gründung, akzeptierte die ihm angetragene Schirmherrschaft und sagte anfangs jährlich 50 000 Thaler aus der Staatskasse zu.

Mit dem Weiterbau der seit 300 Jahren ruhenden Baustelle wurde noch im Gründungsjahr begonnen. 1880 schließlich war der Dom fertig und wurde feierlich eingeweiht. Bis dahin hatten die Bauarbeiten nach heutiger Rechnung etwa eine Milliarde Euro verschlungen. Knapp zwei Drittel dieser Summe hatte der Dombauverein aufgebracht. Zu einer der ersten prominenten Spenderinnen gehörte die englische Königin Victoria. Während eines Besuchs in Köln 1845 spendete sie 3500 Thaler für die Fertigstellung der Kirche.

Mit der Einweihungsfeier hätte sich das Ziel des Vereins eigentlich erledigt. Doch man erkannte relativ schnell, dass auch weiter viel Geld nötig sein würde. Zum Beispiel für die Freilegung des bis dahin noch weitgehend mit Häusern zugebauten Doms. Nach den Vorstellungen des 19. Jahrhunderts sollte der Dom - anders als im Mittelalter üblich - wie ein Denkmal auf einem Sockel präsentiert werden und weithin sichtbar sein. Also blieb der Dombauverein bestehen - bis heute. Denn auch, als die Freilegung 1902 erledigt war, gab es jede Menge zu tun. "Es gibt auf der ganzen Welt keine Bürgerinitiative, die seit 175 Jahren ununterbrochen arbeitet", sagt Michael H. G. Hoffmann, Präsident des ZDV.

Die Kathedrale gehört nur sich selbst. Einen Eigentümer gibt es nicht

Heute zählt der Dombauverein mehr als 16 100 Mitglieder aus allen Schichten der Bevölkerung, die aus ganz unterschiedlichen Gründen ein Herz für den Dom haben, sei es aus religiöser Überzeugung oder aus architektonischem oder kunstgeschichtlichem Interesse. Der Verein versteht sich daher als unabhängig und überkonfessionell. Gut die Hälfte der Mitglieder kommt aus der Stadt und dem Umland. Mitglieder findet man aber auf allen Kontinenten. Auch Firmen gehören dazu. Der Mindestjahresbeitrag liegt bei 20 Euro. Nach oben gibt es keine Grenze. Eine wichtige Einnahmequelle sind Schenkungen und Erbschaften. Die meisten Mitglieder bleiben dem Verein bis zum Tod treu und viele wollen mit einer Erbschaft dazu beitragen, dass ihr Dom auch in Zukunft in Schuss gehalten wird. Denn Geld ist weiterhin dringend nötig. 2016 lagen die Kosten für den Erhalt der Kirche bei 7,3 Millionen Euro, 3,8 Millionen Euro davon brachte der Dombauverein auf. Den Rest steuern üblicherweise das Erzbistum Köln, das Land Nordrhein-Westfalen und, zu einem kleineren Teil, die Stadt Köln bei.

Dass der Dombauverein zur Finanzierung so wichtig ist, hat auch mit einer Besonderheit des Doms zu tun. Die Kirche gehört sich nämlich selbst. Im Grundbuch der Stadt steht als Eigentümerin: Hohe Domkirche in Köln. Sie kann also nicht damit rechnen, automatisch Geld von einem Eigentümer, in der Regel sind es kirchliche oder öffentliche, zu bekommen.

Knapp hundert Menschen arbeiten in der Dombauhütte, die für den Erhalt des Baus zuständig ist. Das sind Steinmetze, Steinrestauratoren, Gerüstbauer, Fachleute in der Glaswerkstatt, Schreiner, Schmiede, Kunsthistoriker. Für sie reißt die Beschäftigung nicht ab. Großprojekte, wie die Überarbeitung eines Portals fallen ins Auge. Die vielen Detailarbeiten aber nicht. Ein Beispiel: Vom Nordturm wurde zuletzt in etwa 75 Metern Höhe, und damit vom Boden aus kaum erkennbar, ein dreieinhalb Meter hoher Engel heruntergeholt, der stark erodiert war. Er muss neu geschlagen werden. "Für diesen filigranen Engel braucht ein Steinmetz ungefähr anderthalb Jahre", sagt Hoffmann. Auch sind von den etwa 11 000 Fialen, den verzierten gotischen Steintürmchen, ständig zwischen zehn und 20 in der Dombauhütte in Arbeit. Also auch eine Daueraufgabe. Was gemacht werden muss und soll, bestimmt der Dombaumeister. Der Dombauverein hat als Geldgeber kein Mitspracherecht. "Wir haben doch gar kein Verständnis von den Arbeiten", sagt Hoffmann, "das ist allein Sache des Dombaumeisters. Er trägt jedes Jahr im Frühjahr seinen Bericht vor und beantragt die Mittel bei uns."

Dass der Verein nicht mehr gebraucht wird, das wird in den nächsten Jahrzehnten wohl nicht passieren. Denn der Dombaumeister hat notwendige Arbeiten bereits bis zum Jahr 2070 identifiziert. Alles, was aus heutiger Sicht voraussagbar ist. Kommt unvorhergesehener Schaden hinzu, steigen die Kosten dementsprechend. Der Dombauverein könnte also eine lange Zukunft haben.

Der Dombauverein feiert am 24. Juni sein 175-jähriges Bestehen. Informationen unter www.zdv.de

© SZ vom 24.06.2017
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