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Zeitgeschichte:Der unbekannte Kommunist

Walter Ulbricht

Walter Ulbricht (1893-1973) eröffnet einen SED-Parteitag.

(Foto: picture alliance / dpa)

Florian Heyden berichtet Neues, Interessantes über seinen Urgroßvater Walter Ulbricht. Aber sein Buch schreibt auch SED-Propaganda fort.

Von Ilko-Sascha Kowalczuk

Walter Ulbricht war der erfolgreichste Kommunist in Deutschland im 20. Jahrhundert. Dennoch fehlt bis heute eine zuverlässige, alle verfügbaren Quellen berücksichtigende Biografie. Es gibt über Ulbricht seit Jahrzehnten zwei Meinungen. Die eine hat Gustav Regler, von 1929 bis 1939 selbst KPD-Mitglied, in seiner Autobiografie 1958 zum Denkmal erhoben: "Er hatte ein von Bosheit steifes Gesicht, das sich seiner Häßlichkeit bewußt war, und versuchte, sie durch den symbolischen Leninbart ums fette Kinn abzumildern, eine haarige Anleihe, die aber seinem faunischen Mund nichts von der kleinbürgerlichen Suffisance nahm. Ein beobachtendes rechtes Auge und ein halbverborgenes linkes waren durch schulmeisterliche Gläser versteckt. Seine von unfruchtbaren Gedankenfurchen durchzogene Stirn war von Haarausfall höher, aber nicht geistreicher geworden. Er hatte etwas von einem verdorbenen Pfarrer, der heimlich obskure Häuser aufsucht. Alles schmeckte nach penetranter Unzulänglichkeit und einer Halbbildung, die nicht einmal verstand, sich zu verkleiden, kurz: er war ein 'Professor Unrat' der Revolution, der Geschichte spielte und seine (übrigens präzis funktionierenden) Beamtenintrigen für machiavellistische Staatskunst hielt."

Nie wurde hinterfragt, welche Motivationen Dissidenten und Renegaten wie Regler, Wolfgang Leonhard, Carola Stern, Hermann Weber oder Gerhard Zwerenz, um die berühmtesten zu nennen, antrieben, Ulbricht so und nicht anders zu zeichnen. Es passte in den Zeitgeist, Ulbricht war der Zonen-Diktator, nicht mehr, nicht weniger. Nie wurde hinterfragt, dass ihrem Anliegen, Ulbricht bereits in der Wiege als späteren Mauerbauer, als der er in die Weltgeschichte eingehen sollte, zu zeichnen, etwas Lächerliches anhaftete. Sie machten sich über Ulbricht lustig, zeichneten ihn als Dummkopf, als Intriganten, als abscheulich und schrieben ihn aus der KPD-Geschichte vor 1933 fast heraus, stellten ihn für die Zeit nach 1933 als Überlebenden auf Kosten vieler Unschuldiger dar.

Die Geschichte des Kommunismus wird noch heute unterteilt in die verpassten Chancen, die sich angeblich mit Renegaten und Dissidenten verbinden. Die von Hitler und Stalin Ermordeten erscheinen als die Demokraten unter den Kommunisten. Den Überlebenden ist die Muse Klio nicht gnädig, zumal die DDR-Funktionäre ihr als von Grund auf verdorben gelten.

Es ist der Anspruch, Ulbricht als Mensch mit Ecken und Kanten darzustellen, nicht als Dümmling

Diese Art der Geschichtsschreibung wird kontrastiert durch die einstige SED-Geschichtspropaganda, nicht weniger absurd. Sie verherrlichte zu Lebzeiten Ulbricht, machte ihn nach seinem Tode zunehmend vergessen und vitalisierte ihn nach 1989, nun getragen von "Geschichtsforschern" - "Historikern im dritten Beruf", wie Ulbricht sich gern nennen ließ - wie Egon Krenz, Herausgeber eines dicken Bandes über Ulbricht, oder Frank Schumann, einstiger stellvertretender Chefredakteur der FDJ-Tageszeitung Junge Welt und nach 1990 Gründer eines kleinen kommunistischen Verlagsimperiums.

Ziel dieser heutigen "Geschichte von unten" ist es, Ulbricht als Heiligen der kommunistischen Bewegung darzustellen: in der KPD bis 1945 und ab 1946 als faktischer SED-Chef, der dem Kalten Krieg trotzte, die Mauer bauen musste, in den Sechzigerjahren Reformen vorangetrieben habe und schließlich von Peinlichkeitskommunisten wie Honecker gestürzt wurde. Mit anderen Worten: Mit einem Ulbricht wäre die Mauer nie gefallen.

Zwischen den Polen von Verdammnis und Verherrlichung gibt es bislang in der Öffentlichkeit kaum Platz für historisierende Darstellungen, für einen nüchternen Blick auf den unbekanntesten Bekannten in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Nun aber ist ein Buch erschienen, dass uns den Menschen Walter Ulbricht bis 1945 nahebringen will, also ehe aus dem Funktionär der Diktator wurde. Geschrieben hat es Florian Heyden, geboren 1980. Er lebt als Manager in Genf. Sein Urgroßvater war Ulbricht. Seine Großmutter war dessen Tochter Dora aus seiner ersten Ehe mit Martha Schmellinsky. Ulbricht hatte noch zwei weitere Töchter, eine mit der Französin Rosa Michel, und eine adoptierte mit Lotte Kühn. Die drei Frauen verstanden sich gut miteinander. Ulbrichts Verhältnis zu den Kindern war weniger intensiv, Kinder störten bei seiner Mission.

Florian Heyden legt ein Buch vor, das die Familienbiografie der Ulbrichts-Schmellinskys-Heydens mit sehr vielen interessanten Details bis 1945 beleuchtet. Er hat aus vielen Archiven Quellen zusammengetragen, längst nicht so viele wie möglich, aber doch genügend, um ein dichtes Bild zu zeichnen. Aus Familienbeständen stammen zusätzliche, hochinteressante Quellen. Nicht zuletzt diese machen das Buch für Historiker ergiebig. Heydens Anspruch ist es, seinen Urgroßvater als engagierten Menschen mit Ecken und Kanten darzustellen, nicht als das Monster, als der Dümmling, als der ungehobelte Apparatschik, der Intrigant und hinterlistige Überlebenskünstler, als der Ulbricht gemeinhin gezeichnet wird. Bei Heyden entsteht ein Bild, das Ulbricht wohl erstmals nahekommt. Dem Urenkel geht es um Gerechtigkeit für seinen Urgroßvater als Menschen. Gelingt ihm das?

Hier hat der Verlag ein wichtiges Manuskript so verschlechtert, dass einem der Autor leidtut

Das Buch besteht aus zwei Teilen, die miteinander verflochten sind. Das eine sind die aus den Quellen und Erzählungen gewonnenen Bilder, die Heyden zu einem Menschenbild zusammenfügt, das realistisch erscheint: Ulbricht war ein Mensch mit Fehlern, Irrtümern, hochintelligent, machtbewusst, sein Privatleben immer hinter "der Sache" zurückstellend. Natürlich, er war kein Feingeist, aber in der KPD, einer Partei mit sektenähnlichen Mustern, keine Besonderheit.

Heydens Buch hat etwas von einem Familienpoesiealbum. In ihm ist fast immer nur von "Walter" die Rede, eine Nähe wird suggeriert, die des Urenkels Ansatz entspricht, aber den fernstehenden Leser eher irritiert - und dieser Walter machte nun auch noch politisch ziemlich wenig falsch. So jedenfalls der Text. Und damit sind wir beim integrierten zweiten Teil, dem zeithistorischen Kontext 1900 bis 1945. Ulbrichts Biografie ist so interessant, weil sie im hohen Maße das Arbeitermilieu vor 1914, die Spaltung der organisierten Arbeiterbewegung 1914/17 sowie die kommunistische Bewegung 1918 bis 1945 symbolisiert. Insofern steht jede Annäherung an Ulbricht vor der Aufgabe, die Biografie mit den großen und kleinen Weltläufen zu verknüpfen. Und das funktioniert hier kaum. Warum nicht? Die Geschichte der KPD 1918 bis 1945 wird so erzählt, wie sie Walter Ulbricht selbst zu seinen Lebzeiten erzählte. Das lässt sich beim Abgleich zwischen diesem Buch und der 1966 von Ulbricht hauptverantwortlich herausgegebenen achtbändige Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung belegen - nur dass Ulbrichts "Klassiker" nicht so einen historischen Kult um seine Person machte.

Wie kommt es, dass ein Nachgeborener auf die SED-Geschichtspropaganda hereinfällt? Der auffallend unterschiedliche Schreibstil beider miteinander verflochtenen Teile zeigt: Der Verlag schrieb ihm politisch nicht genehme Passagen im ursprünglichen Manuskript um, machte den Text passfähig, damit es auch "Historikern im dritten Beruf" wie Krenz und Genossen gefallen möge. Der Sound dieser Passagen erinnert - das kann jeder überprüfen - sehr stark an Johannes R. Bechers Hagiographie über Ulbricht von 1958 - ein peinliches Stück deutscher Literatur, autorisiert von Lotte und Walter Ulbricht. Die unterschiedlichen Handschriften in Heydens Buch liest ein aufmerksamer Leser problemlos heraus. Von Hunderten Fußnoten, die der Autor geschrieben haben muss, blieb im "fertigen" Buch keine einzige übrig, sodass keine Behauptung wissenschaftlich überprüfbar ist. Die historische Darstellung fällt fast durchgängig wissenschaftlich in die DDR-Zeit zurück. Es ist unbegreiflich, wie ein Verlag derart mit seinem Autor umgehen konnte.

Die Edition Ost ist dafür bekannt, es mit der historischen Wahrheit nicht allzu genau zu nehmen. In dieses Buch haben sich zwar auch einige faktische Fehler hineingeschlichen, aber nicht diese sind das Problem, ärgerlich ist die Ulbrichtsche Geschichtsdarstellung. Oft macht ein Verlag aus einem Manuskript erst ein wichtiges Buch. In diesem Fall hat er ein wichtiges Manuskript so verschlechtert, dass einem der Autor leidtut. Was er über Walter Ulbricht Neues zu berichten hat, wäre es Wert gewesen, zur Kenntnis genommen zu werden. So bleibt es ein Buch, das wegen der Eingriffe in die Verlagsgeschichte eingehen wird - die "Historiker im dritten Beruf" werden es verschlingen und feiern.

Florian Heyden: Walter Ulbricht. Mein Urgroßvater. Verlag Edition Ost im Verlag Das neue Berlin, Berlin 2020, 352 Seiten, 24 Euro.

© SZ vom 25.08.2020

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