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Zeitanalyse:Gleitmittel für trockene Zahlen

In seiner Poetikvorlesung, die Jonas Lüscher im Jahr 2019 in St. Gallen hielt, zieht der Romancier die Konsequenzen aus der derzeitigen Inflation des Storytelling in Werbung und Politik.

Von Joseph Hanimann

Flucht ist eine Existenzform geworden, Flüchtlinge bevölkern die Welt. Darum geht es in Jonas Lüschers jetzt als Buch vorliegender St. Galler Poetikvorlesung "Ins Erzählen flüchten" jedoch nicht. Von panischer Fluchtbewegung keine Spur. Das Fliehen, von dem hier die Rede ist, ähnelt eher einem ausgedehnten geistigen Spaziergang, wenn auch aus durchaus ernsthaften und teilweise sehr persönlichen Beweggründen.

Der Text ist Zeitdiagnose, philosophische Analyse, literarisches Werkstattgespräch und biografische Selbstbetrachtung. Seine Abkehr von der akademischen Philosophie vor ein paar Jahren und seine Hinwendung zum literarischen Schreiben erklärt Lüscher mit wachsenden Zweifeln an der Möglichkeit, mit abstrakten Worten die Realität zu erfassen. Insgeheim habe er vielleicht aber auch immer schon Schriftsteller werden wollen. Nach dem Erfolg seines Erstlingsbuchs "Frühling der Barbaren" (2013) ist das dann leichter geworden.

Jedenfalls steht hinter dieser Wende die für den Autor quälend gewordene Frage, wie man der aus lauter Einzelfällen bestehenden Wirklichkeit mit den allgemeinen Begriffen der Sprache gerecht werden kann. Die Frage zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch und lässt vor dem Hintergrund der Zeitgeschichte persönliche Schaffenskrise und philosophische Reflexion miteinander verwachsen. Zwei widersprüchliche Klagen, schreibt Lüscher, bestimmten unsere Gegenwart. Auf der einen Seite beklage man eine wachsende "quantitative Blendung", die alles einschließlich der Lebenswelt ökonomisiert, rationalisiert, monetisiert haben wolle. Auf der anderen warne man vor einer inflationären Tendenz zum Narrativen, dem in postmoderner Beliebigkeit alles Mögliche gerade recht ist.

Dieses Paradox untersucht Lüscher auf seine ideengeschichtlichen Voraussetzungen, mit Rückgriffen bis auf Parmenides und Platon. Und er beschreibt es quer durch die Jahrhunderte als Pendelbewegung zwischen Logos und Mythos, Notwendigkeit und Kontingenz, Allgemeinem und Besonderem, Philosophischem und Literarischem, rational Geklärtem und tragisch Überschattetem.

Diese Wippe, die in der Vergangenheit ein gewisses Gleichgewicht fand, schaukelt in den Augen Lüschers aber nicht einfach immer weiter. Denn der Kapitalismus habe sich im 19. Jahrhundert als dominierende Gesellschaftsordnung "wie ein adipöser Halbstarker" mit draufgesetzt und drücke die rationale Seite nach unten, um das Narrative in luftiger Höhe zappeln zu lassen. Die ökonomische Rationalität will alles in Zahlen fassen, und dieser Glaube ans Messbare führt zu einem verhängnisvollen Fehlschluss. Weil nicht alles Relevante messbar ist, wird das Messbare zum Relevanten erklärt. Dagegen setzt der Autor auf die Kraft einer wieder vermehrt narrativen Gesellschaft, die mit Geschichten von Einzelschicksalen der quantitativen Vernunft ihre qualitative Maske abnimmt.

Schweizer Buchpreis 2017

Der Schriftsteller Jonas Lüscher kennt die Macht des Wortes, jetzt aber, sagt er, brauche es mehr: konkretes Handeln.

(Foto: Christian Beutler/dpa)

Für die Wirkung solcher Einzelgeschichten, hinter denen so etwas wie Allgemeinrelevanz flimmert, führt Lüscher Beispiele aus dem eigenen Werk und der eigenen Vita an. Diese Stellen gehören zu den interessantesten seines Buchs. Der Autor spricht von einem Oszillieren zwischen Präsensmomenten und Sinnmomenten. Die ersteren wirken durch erzählerisch packende Unmittelbarkeit. Doch ist solche Immersion nicht die Sache dieses Schriftstellers. Gegen die Tücken narrativer Selbstvergessenheit durch Identifizierung der Leser mit dem Gelesenen schützt er sich mit dem Mittel der Distanz.

Füchse, so Isaiah Berlin, hüteten sich vor Eindeutigem und hegten keinerlei Hoffnung, die Vielseitigkeit der Dinge zu einem geschlossenen Bild zusammenzufügen

Sein Fabrikerbe Preising in der Novelle "Frühling der Barbaren" und sein Professor Kraft, Held im gleichnamigen Roman, sind beide große Schwafler, ziemlich schwierige Charaktere und, wie er treffend anmerkt, keine besonders sympathischen Zeitgenossen. Auch die Erzählstruktur seiner Bücher ist komplex, und die Sprache hält mit ihrem ironischen Parlando den Leser in einem nicht ganz bequemen Abstand, aus dem das Dargestellte manchmal undurchschaubar wirkt und die Story wie ein überbeanspruchtes Gefüge ächzt.

Denn natürlich verschreibt Lüscher sich nicht einfach vorbehaltlos dem Erzählen als Wunderrezept gegen das Diktat von Statistiken und Computermodellen. Zu offensichtlich ist derzeit die Inflation des Storytelling in Werbung und Politik, die aus dem Erzählen oft nur ein "Gleitmittel für trockene Zahlen" macht. Doch seien das eben die falschen Geschichten, schreibt der Autor: Monomythen mit Anspruch auf Alleingültigkeit und ohne Bereitschaft, andere Geschichten neben sich gelten zu lassen. Lüscher erzählt in diesem Zusammenhang, wie er selbst als Angestellter einer Fernsehproduktionsfirma solche schlechten Geschichten zu entwickeln hatte, die den Horizont nicht erweitern, sondern mit Kitsch und abgegriffenen Erzählmustern verstopfen. Schließlich hat er gekündigt und seine erste Flucht ins Philosophiestudium angetreten.

Der Schriftsteller als ein Gehetzter? Fuchs sein, nicht Igel - so lautet Jonas Lüschers persönliches Hausrezept. Die Unterscheidung hat er aus einem Text von Isaiah Berlin übernommen, sie ist schon in seinem Roman "Kraft" aufgetaucht. Füchse seien ruhelose Wesen, heißt es bei Berlin, sie igelten sich nicht ein, sondern streunten mit ihrem vielfältigen Wissen durch die Welt, hüteten sich vor Eindeutigem und hegten keinerlei Hoffnung, die Vielseitigkeit der Dinge zu einem geschlossenen Bild zusammenzufügen.

Jonas Lüscher: Ins Erzählen flüchten. Poetikvorlesung. Verlag C.H. Beck, München 2020.111 Seiten, 16 Euro.

Das klingt im sprechfrisch verspielten Vortragston dieses anregenden Buches weitgehend überzeugend. Zwar wirkt der ideengeschichtliche Abriss zu Beginn mit den eklektisch herbeizitierten Gewährsautoren von Paul Feyerabend über Richard Rorty bis hin zu Odo Marquard stark verkürzt und die Auslegung von Isaiah Berlins Romantik-Konzept etwas schief. Auch wundert es, dass der Autor, der das Verschwinden von Begriffen wie "Ehre" und "Heldentum" aus unserem Erzählhorizont begrüßt, unterschwellig just die "Dichterinnen und Dichter" - welche eigentlich genau? - als entscheidende Akteure jener Eliminierung wieder heroisiert, als wäre diese Entzauberung ihr alleiniges Werk.

Doch gehört zum Hören solcher Vorträge eben auch die Freude am Einspruch. So begleitet einen durch die gesamte Lektüre hindurch ein leises Bedauern darüber, nicht selbst 2019 im St. Galler Vortragssaal über der binären Bahnhofsuhr gesessen zu haben, die zeiger- und zahlenlos nur noch Symbole aufleuchten lässt, als wollte sie das Erzählen schon in neue, postquantitative Zeitdimensionen weisen.

© SZ vom 09.03.2020
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