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Youtube-Filmkritiker:Wuschelkopf mit Mission

Der Youtuber Robert Hofmann hat sich mit Filmkritiken aus dem Wohnzimmer eine riesige Fangemeinde erobert. Er will das Kino weg vom roten Teppich und hin zu den Zuschauern bringen.

Man kann Robert Hofmann anknipsen wie eine Maschine. Der wahrscheinlich bekannteste deutsche Filmkritiker - sein Kanal auf Youtube hat mehr als eine halbe Million Abonnenten - ist auch der schnellste.

In dem Moment, in dem der Abspann von "Dieses bescheuerte Herz" anläuft, springt er auch schon auf. Bis er das Kino am Sony Center in Berlin verlassen hat, wo die Pressevorführung stattfand, hat er am Handy einen Termin mit seiner Assistentin vereinbart, einen kurzen Videoeinblick in seinen Alltag aufgenommen und direkt auf Instagram gepostet. Draußen steuert er zielstrebig bei Rot über die Ampel in Richtung U-Bahn, denn es gibt keine Zeit zu verlieren. Und wie hat ihm der Film nun gefallen?

Er fand die Performance des Jungen, der an der Seite von Elyas M'Barek einen todkranken 15-Jährigen mit Herzfehler spielt, "durchaus schwierig", sagt Hofmann. "Denn es war alles so ein bisschen drüber und du dachtest, du guckst eine RTL 2-Soap. Aber auf der anderen Seite hat man's bis zum Ende durchgezogen, und ich dachte, okay, das sollte wohl so seinen Sinn haben, bei Elyas mit so einem - wir müssen jetzt links rüber - Fack-ju-Göhte-Feeling oder nicht, weil sich die Figuren ja doch irgendwie ähneln, außer dass man sie mit Rollkragenpulli ein bisschen davon wegbringen will, nutzt man seine Popularität, um auf ein wichtiges Thema aufmerksam zu machen und diese Freundschaft, die natürlich ein bisschen erinnert an ..."

So redet und redet er immer fort, schlägt Querverbindungen zu zahlreichen anderen Filmen und würzt das Ganze mit ein paar persönlichen Bekenntnissen ("Ich bin dann immer total melancholisch und verliebt, wenn's um Liebe geht"), während er gleichzeitig zu Fuß durch den Verkehr und einen Weihnachtsmarkt navigiert. Würde er für seine Videorezensionen ein Skript benutzen, was er laut eigener Aussage niemals tut, bestünden sie wahrscheinlich alle nur aus einem einzigen Satz mit sehr vielen Kommata.

Täglich erscheinen mehrere neue Videos: Rezensionen, Filmnews, Trailer-Checks, Einblicke hinter die Kulissen der Filmwelt - etwa viereinhalb tausend Stück sind es mittlerweile. Schaut man ein paar davon hintereinander weg, fühlt es sich an, als tauche man ein in einen Video-Live-Stream, einen Video-Stream of Consciousness sozusagen, in dem ein unendliches Filmgespräch stattfindet.

Pünktlich und routiniert wie ein Nachrichtensprecher steht vor der Kamera dieser - Pardon - kleine Dicke mit dem Lockenkopf und dem treuherzigen Blick. Im Hintergrund Merchandising-Artikel, unter anderem ein Disney-Schloss aus Lego, eine "Justice League"-Actionfigur, ein gedrucktes Motiv von Leonardo DiCaprio aus "The Wolf of Wall Street" an der Wand, in einem Regal ein paar Bücher, "Herr der Ringe" und "Das Lied von Eis und Feuer".

„Ich bin dann immer total melancholisch und verliebt, wenn's um Liebe geht.“ Hofmann dort, wo es am schönsten ist: im Kino.

(Foto: privat)

Es ist Robert Hofmanns Wohnzimmer, sein Nerd-Paradies, sein Studio, von dem aus er so erfolgreich sendet, dass sogar Stars wie M. Night Shymalan oder Matt Damon nach Deutschland fliegen, wenn er gemeinsam mit anderen Youtubern eine "Social Movie Night" veranstaltet.

Das sind Premieren, zu denen er die Tickets unter seinen Followern verlost. Ohne rote Teppiche und peinlich netzwerkende B-Promis. Für die Fans. Für Leute wie ihn, die er mit seinem Normalo-Körper und seinem Normalo-Hochgeschwindigkeitsgeplauder repräsentiert. Wie viel davon ist Masche? Hofmann verlässt die U-Bahn am Kurfürstenplatz und fährt hoch ins elfte Stockwerk des RTL Radio Center.

"Feuilleton klingt für mich immer wie eine niveauvolle Version von Klatsch und Tratsch."

Für den Sender Jam FM, der dort untergebracht ist, macht er die Filmkritiken. Im Studio wartet ein Techniker, berichtet von Problemen beim Schälen eines Granatapfels, Hofmann empfiehlt Schälen unter Wasser, redet von Kernen, redet von schwimmender Schale, rauscht ins Studio, ohne Skript, zwei Minuten später ist die Aufnahme fertig und er schon wieder raus. Diesmal ging es um "A Ghost Story", einen Film, der "mit so wenig Worten auskommt und mit so viel Gefühl, dass er mich wochenlang nach dem Sehen noch beeindruckt hat".

Deshalb vergibt er "neun von zehn möglichen Geister-Erscheinungen", fügt aber vorsichtshalber hinzu, dass der Film "nicht für jeden was und tendenziell für Cineasten gedacht" ist. Bei Hofmann ist das weder eine Warnung noch ein Prädikat, sondern schlicht eine Einordnung. Aus ihm spricht der heitere, gewissermaßen olympische Gleichmut, mit dem früher die Großkritiker in den Zeitungen über den Kulturerscheinungen thronten, über die sie zu richten hatten. Mit dem Unterschied allerdings, dass es bei Hofmann keinerlei Unterschied zwischen Hoch-, Sub- und Populärkultur mehr gibt. Nicht einmal in der Form, die heute alternde Avantgardisten bedienen, indem sie zum Beispiel Lego-Filme in die Tradition der Werke Shakespeares stellen und sich dabei originell vorkommen.

Auch den anderen Wesensaspekt des früheren Großkritiker-Typus, den zornigen, stolzen Verteidiger von Kulturwerten, gibt es als Reinkarnation auf Youtube. Er ist um die dreißig, heißt Wolfgang M. Schmitt und betreibt "Filmanalyse", so der Name seines Kanals, und zwar in Smokinghemd und Jackett, gern mit Krawatte, neben ihm eine viktorianische Buchlampe, im Hintergrund ein Buchregal. Damit selbiges auch in den Rezensionen nicht zu kurz kommt, konstatiert er beispielsweise, bei "Fack ju Göhte 3" handele es sich im Grunde um eine Verfilmung des philosophischen Werks "Überwachen und Strafen" von Michel Foucault.

Steven Spielberg ist für ihn ein "handwerklich geschickter 08/15-Regisseur", der "die Zuschauer in ein Fantasieland aus Lieschen Müller-Träumen" entführe. Der Regisseur "Justin Lin hingegen", fährt er im nächsten Satz fort, könne "einfach gar nichts". In einer "Kritik & Analyse" zum Superheldenfilm "Justice League" sitzt er dann auch nur Zigarette rauchend vor der Kamera, schüttelt hin und wieder den Kopf und sagt minutenlang gar nichts.

Robert Hofmann hingegen redet und redet, während er im "Hard Rock Café" neben dem Funkhaus mit Messer und Gabel einen vegetarischen Burger zersäbelt. Er spielt nicht den Kritiker ("Feuilleton klingt für mich immer wie eine niveauvolle Version von Klatsch und Tratsch"), sondern er spielt Robert Hofmann. Früher konnte man ihn in kleineren Rollen im Fernsehen und im Kino sehen, zum Beispiel bei der "SOKO" Leipzig und Dresden. In Jan Ole Gersters "Oh boy" taucht er als Trainingsjacken-Pöbler in der zweiten Reihe auf. Hofmann hat während der Schulzeit ein Schauspiel-Coaching gemacht, daher weiß er, wie man vor der Kamera agiert, wie man spricht, aber auch, wie viel "Blut und Schweiß" in einem Film steckt.

Hofmann begibt sich auch gerne zum Außeneinsatz an die Popcorn-Maschine

Aufgrund dieser Praxiserfahrung an Filmsets verreißt er so gut wie nie etwas, ordnet lediglich ein, wer an welchem Film "Freude haben" könnte. Er benutzt gern solche etwas altbackenen, harmlosen Formulierungen. Man könnte den Kritiker Robert Hofmann als glatt bezeichnen, wenn er nicht immer so lieb gucken würde. Vielleicht ist der Kritiker Robert Hofmann auch deshalb so erfolgreich, weil der Mensch Robert Hofmann weiß, dass Filme schön sind, aber dann so wichtig doch wieder nicht, wenn es zum Beispiel um Menschenleben geht. "Da drüben ist er lang gefahren, der Attentäter mit dem Lastwagen", sagt er nach dem Essen auf dem Weg zur U-Bahn, beim Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche, der jetzt hinter einem Gurt aus Betonpfeilern liegt. Da erlebt man einen anderen Robert Hofmann, den man aber auch aus seinen sporadischen Videoeinlassungen zu persönlichen Themen kennt: nicht den Lockenkopf, der "Hallo Leeeeute" in die Kamera quiekt, sondern einen, der Pausen zwischen den Sätzen macht und die Augenbrauen zu kurzen, schwungvollen Bögen zusammenzieht. Er sieht dann so ernst aus, dass man ihm noch mehr als vorher die Haare durchwuscheln möchte.

Sollte man die Youtube-Filmrezensiermaschine Robert Hofmann ernst nehmen? Na klar. Sollte man ihn fragen, ob er Geld für Videos wie "Das Beste Kino Deutschlands?" bekommt? Dort stellt er das "Cinecittà" in Nürnberg vor, ein gewaltiges Multiplex-Lichtspielhaus, benannt nach den berühmten Filmstudios in Rom, "das best laufende in Deutschland", staunt Hofmann. Im Video spricht er mit der Geschäftsführerin, spricht über die Geschichte des Cinecittà, spricht über die Popcorn-Maschine, begibt sich im Lounge-Kinosaal in die "ultimative Liegeposition", trotz Doppelkinngefahr, wie er sagt, dann seufzt er zufrieden, auf der Tonspur klimpert fröhlich ein Klavier vor sich hin. Hofmann trägt einen grauen Anzug mit Weste und Jeans, was in dieser Kombination auf eine feierliche Art harmlos und altbacken aussieht, nicht so nach Herrenclub wie Wolfgang M. Schmitt, mehr nach fein gemacht für die Schwiegermutter.

Hofmann bestreitet, dass das Cinecittà ihm für dieses Porträt etwas gezahlt hat. Er liebe halt einfach Filme, sagt er, und er liebe Kinos, und dass diese Liebe aufrichtig ist, das glaubhaft auszustrahlen ist sein Kapital, so wie es für den Großkritiker früherer Tage sein cineastisches Wissen und seine Bildung waren. Hofmann gibt keinen Anlass, an der Echtheit dieser Liebe zu zweifeln, wenn man ihm dabei zuschaut, wie er durch das Kino in Nürnberg spaziert und die Arme ausbreitet - so groß, so viele Säle! Toll, oder? Der best laufende Kinofan Deutschlands ist begeistert.

© SZ vom 28.12.2017
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