bedeckt München 13°

Yishai Sarids Roman "Siegerin":Warnung vor der Stärke

Tag des Gedenkens an Holocaust und Heldentum in Israel

Das Monster ans Licht holen: Am Tag des Gedenkens an Holocaust und Heldentum salutieren israelische Soldaten vor der Gedenkstätte Yad Vashem.

(Foto: Debbie Hill/picture alliance)

Was bedeutet "Nie wieder"? Yishai Sarids kristallklarer Roman über israelisches Heldentum.

Von Lothar Müller

Wo leben die Monster? In den Horrorfilmen. Sie lieben die Nacht, das Zombie-Dasein. Der israelische Autor Yishai Sarid, 1965 in Tel Aviv geboren, zwei Jahre vor dem Sechstagekrieg, hat sie dem Kino und der Nacht entführt. Er schreibt Romane, in denen die Monster durch Überbelichtung gebannt werden. Mal scheint das Licht einer Verhörlampe, mal einer klinischen Sonde zu entströmen, immer vernichtet es jeden Schein von Fantasy. Die Romanwelt Yishai Sarids ist das Hier und Jetzt seiner Gegenwart, des Landes Israel, so unzweifelhaft, dass er das nie betonen muss. Teil dieses Hier und Jetzt ist die Vergangenheit, auch auf sie fällt das gleißende Licht.

Im Roman "Monster" (2019) war er in das Ich eines israelischen Holocaust-Forschers geschlüpft, der seine Landsleute durch die deutschen Vernichtungslager in Polen führt, während die letzten Zeitzeugen aussterben. Es gibt zwei große Monster in diesem Roman, das Monster der Erinnerung und das Monster, dem die Erinnerung gilt. Bis in die letzten Winkel ist die Vernichtungsmaschinerie ausgeleuchtet, offen liegen ihre Mechanismen vor Augen, und doch gibt es Möglichkeiten, dem Monster auszuweichen, und nicht immer führt der Schecken, den es auslöst, zur Absage an die Vernichtung. Hingebungsvoll singen die Schulklassen die israelische Nationalhymne, aber ihr "Nie wieder!" ist ein anderes als das der deutschen Erinnerungskultur. Ein Junge schockiert die Lehrer im Abschlussgespräch mit den Sätzen: "Ich denke, zum Überleben müssen wir auch ein bisschen Nazis sein." Und: "Wenn wir zu weich sind, haben wir keine Chance."

Yishai Sarid war Nachrichtenoffizier in der israelischen Armee, bevor er Jura studierte, als Staatsanwalt und später als Rechtsanwalt arbeitete. Juristen sind es gewohnt, Fragen von Recht und Legitimität kasuistisch zu erörtern. In ihren Fallgeschichten müssen sich die Rechtsnormen auch dann der Lebenswirklichkeit stellen, wenn es sich um konstruierte Fälle handelt. In der Umsicht, mit der Sarid sein literarisches Werk aufbaut, ist diese Schulung spürbar. Sein neuer Roman heißt schlicht und lapidar "Siegerin". Er handelt von der Militärpsychologin Abigail, die als Expertin für die Psychologie des Tötens und Traumatherapeutin die israelische Armee berät, und knüpft unmittelbar an den Vorgänger "Monster" an.

Der Holocaust sollte eine Warnung gegen Nationalismus sein

Die Lehre, die dort der Junge aus der Besichtigung der Vernichtungslager zieht, ist die verzerrte, halbierte Gestalt einer Einsicht, die sein Autor hatte, als er im Alter von achtzehn Jahren von einer Reise nach Polen zurückkehrte. "Als ich nach Hause fuhr, hatte ich nur eine Lektion gelernt: dass wir stark sein müssen, damit so etwas nie wieder passieren kann. Das ist eine wichtige Lektion aus der Geschichte, aber es sollte nicht die einzige sein. Der Holocaust muss uns eine konstante Erinnerung sein, wie wir mit anderen Menschen umgehen, er sollte eine Warnung gegen Rassismus und Nationalismus sein." So hat es der Autor im vergangenen Jahr im Gespräch mit dem österreichischen Standard formuliert.

Die Wucht seines neuen Romans aber resultiert daraus, dass es in ihm die Balance von Stärke und Warnung vor der Stärke nicht gibt. Abigail heißt nicht nur Siegerin, sie ist bis in die kleinste Faser ihrer Existenz vom Siegeswillen und vom Imperativ der Stärke durchtränkt. Vor Jahren hat sie den inzwischen zum Generalstabschef aufgestiegenen Offizier und Familienvater Rosalio verführt, der gemeinsame, vom Vater vor der Öffentlichkeit verheimlichte Sohn hat sich freiwillig zu den Fallschirmjägern gemeldet.

"Jeder Tötungsakt hat seinen psychischen Preis", sagt sie den Soldaten, zu denen sie wegen ihrer Erfolge aus dem Zivilleben immer wieder zurückgerufen wird, aber sie meint es anders, als es in den Büchern ihres Vaters, eines klassischen Psychoanalytikers, Verehrer Sigmund Freuds, steht. Dort wäre es das Ziel, die Traumata in das Leben derjenigen zu integrieren, die unter ihnen leiden. Ihr Ziel ist es, die Führungsoffiziere zum Bekenntnis ihrer verschwiegenen Albträume zu ermuntern, um sie nach deren Bekämpfung so rasch wie möglich wieder in ihre Kampfeinheiten zu integrieren: "Anscheinend habt ihr noch nicht verstanden, wozu ich hier bin. Nicht um euch zu schwächen, nicht um euch Moral zu predigen. Ich bin hier, um euch und euren Soldaten zu helfen, den Feind zu besiegen, ihn zu töten und selbst am Leben zu bleiben. Ich erforsche die Psyche von Kämpfern schon über zwanzig Jahre. Ich weiß, was zu tun ist, um Soldaten tödlicher, disziplinierter und auch resistenter gegen Traumata zu machen."

Abigail ist eine Figur, die sich die Nazis zum Vorbild nehmen will

Das klingt wie aus dem Schulungskurs des US-Militärs zitiert, an dem Abigail in jungen Jahren teilgenommen hat. Die erfolgreiche Psychologin, die als Zivilistin Gastspiele bei der Armee gibt und über das Töten doziert, wird den Generalstabschef bei dem Überraschungskrieg, den er vorbereitet, beraten. Sie wird zu ihrem Sohn gerufen werden, als der im Gefecht eine Panikattacke erleidet. Sie wird von Medi, dem Künstler und Ex-Geheimdienstler, die Wahrheit über seine Traumata erfahren. Sie wird sich in ihre wichtigste Patientin, eine junge Hubschrauberpilotin, verlieben. Und sie beruhigen, als sie mit einem Terroristen auch dessen siebenjährigen Sohn liquidiert hat. Sie wird einen traumatisierten einfachen Soldaten, an dessen Behandlung sie gescheitert ist, weil er zum Sieger nicht taugt, seinem Schicksal überlassen. Sie wird ihren Vater und damit ihren einzigen ernsthaften Opponenten verlieren.

Wie schon in "Monster" für die Darstellung des Holocaustforschers hat Yishai Sarid auch für die Darstellung der Siegerin Abigail die Form der Ich-Erzählung gewählt. Sie wird oft mit Erinnerung, Introspektion, Reflexivität in Verbindung gebracht. All das gibt es in Ansätzen auch hier. Doch stellt sich die Hauptfigur nie infrage oder wird gar irre an sich selbst. Entscheidend ist hier, dass in einer Ich-Erzählung der Autor seine Figur nicht explizit kommentieren kann, sondern nur durch das, was er sie über sich und andere sagen lässt. Und nicht sagen lässt.

Cover:  Siegerin
von Yishai Sarid

Yishai Sarid: Siegerin. Roman. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Kein & Aber Verlag, Zürich 2021. 256 Seiten, 22 Euro.

(Foto: Kein & Aber)

Abigail ist eine Figur, wie sie in "Monster" der Junge erträumt, der sich die Nazis zum Vorbild nehmen will, "weil sie bis zum Äußersten gegangen sind". Sie ist die radikale, kompromisslose Antwort auf die Erfahrung der Vernichtung, eine Figur der hemmungslosen Selbstverteidigung und Stärke. Dass sie darüber selbst zum Monster wird, ist eine Einsicht, die der Roman nahelegt, ohne sie zu erzwingen.

Einmal gibt die Siegerin zu erkennen, dass ihre gesamte Psychologie des Tötens auf einer Theorie der Verschwisterung von Eros und Thanatos beruht. Zieht man das Gelehrt-Griechische von dieser Formel ab, so bleibt die Frage, welche Rolle der Sex in dieser von ihr selbst erzählten Geschichte einer Siegerin spielt. Sie führt ins Zentrum des Romans.

Das Monster, das er aus seiner Höhle ans Licht holt, ist die Lust am Töten, nicht die Traumatisierung durch das Tötenmüssen. Zu verraten, wie Yishai Sarid dieses Monster stellt und ob die Siegerin ihm zum Opfer fällt, hieße die Lektüre dieses kristallklaren, kristallharten Buches beeinträchtigen. Ruth Achlama hat es in ein Deutsch gebracht, das seine Konsequenz und Härte durch den Verzicht auf alles Ornamentale und den Anschein kühler Sachlichkeit umso stärker hervortreten lässt.

© SZ/fxs
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema