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Wundersames Japan:Die emotionale Füllstandsanzeige

Das hat das Potential zum Nächstgroßding: In Japan werden intelligente Öhrchen und Schwänzchen gefertigt. Für Menschen. Sie sollen die aktuellen Gefühle der Träger durch Wedeln und Wackeln ausdrücken.

Von Bernd Graff

Äh, ja. Gut, kann man mal machen - oder aber auch sein lassen. Das wie immer wunderbare, rätselhafte Japan hat den Erfinder Shota Ishiwatari hervorgebracht, der nicht nur ein Tüftler, sondern auch ein Frickler, wie man im Rheinland sagt, zu sein scheint. Er versucht, so steht es in seiner Bio, die "Zukunft" vorwegzunehmen, "indem er das Niedliche mit dem Technologischen verknüpft."

"Tailly"

Da, so heißt es im Text, die Schwänze selber austauschbar sind, kann man auch noch nach Lust und Laune die Farbe wechseln. Wir empfehlen Schwarz für die Oper.

(Foto: Screenshot)

Dabei legt er zur Umsetzung seiner Ideen selber Hand an, näht, schneidert seine Designs und programmiert Software, die seinen Kreationen ... tja, was eigentlich? Leben einhauchen? Leben repräsentieren? Leben versinnbildlichen? Leben artikulieren? Man weiß es nicht so genau. Denn seine Schöpfungen sind, wie soll man sagen, tierisch niedliche Umsetzungen von Öhrchen und Schwänzchen für Menschen.

"Tailly"

Also so ist das: Wenn man sich freut, wedelt der Schwanz mit dem Herrchen. Das sieht man aber nur, wenn man nicht mehr in die Augen des Gegenübers schaut. Kann man sich die Blicke in unseres Stadtlandschaften vorstellen, wenn alle das tragen?

(Foto: Screenshot)

Und da sie irgendwo auch einen Sensor und einen Chip haben (dafür wird die Software benötigt), sollen sie die aktuellen Gefühlszustände der Öhrchen- und Schwänzchenträger anzeigen. "Neurowear" nennt man das Neudeutsch. Aus Ishiwataris Manufaktur kamen bereits die "Brainwave Cat Ears", die Necomimi in Produktion genommen hat. Damit sollen die Hirnströme in Ohrwackeln übersetzt werden. Man muss dazu - so schreibt es das Instruktionsvideo vor - die Öhrchen nach dem Überstülpen kalibrieren, sie auf Hirnaktivität eichen und natürlich erst einmal die Batterien einlegen.

Und da man von diesem Wackelplüsch wohl nie genug haben kann, gefiel es Ishiwatari jetzt, auch noch intelligente Schwänzchen zu basteln, die nun allerdings dem Herzschlag des Trägers Ausdruck verleihen.

Das "Tailly"-Projekt, es ist ein Projekt, denn es soll über Crowdfunding realisiert werden, wird allerdings wohl nicht zu Produktreife gelangen. Denn 45 Stunden vor Ablauf der Spendenfrist sind weniger als ein Drittel der benötigten 50.000 $ und schon gar nicht die im Projektbegleitschreiben erwähnten 100.000 $ zusammen gekommen, die zu seiner Marktreifung benötigt wurden.

Trotzdem gibt es ein herzergreifendes, anrührendes Video, das zwei ganz reizende Schwanzträgerinnen zu Plätschermusik in vertrauter Kommunikation zeigt und das die Vorzüge dieser Emotionenanzeige verdeutlichen soll: "Wenn du ruhig wirst, wedelt der Schwanz langsam, wenn du dich freust, wedelt er wild", heißt es darin etwa.

Tailly, von dem kühn behauptet wird: "Wenn dein Partner auch so ein Ding trägt, dann könnte er ein bisschen unbewusste Kommunikation für euch beide miteinstreuen", hätte wirklich das Potential zum Nächstgroßding gehabt, das schon die Öhrchen andeuteten.

"Tailly"

Immer ans Kalibrieren denken! Und wenn man gar nichts mehr denkt oder fühlt, dann fallen die Öhrchen ab... (Scherz! Tun sie natürlich nicht.)

(Foto: Screenshot)

Denn mit dieser emotionalen Füllstandanzeige hätte man sich den Versuch, unendliche Gefühle in Wörtern ausdrücken zu wollen, gleich ganz sparen können. Ach was! Die Poesie wäre überflüssig, die ganze Kunst überhaupt - und man hätte endlich Zeit, beim Gefühle-Zeigen in sein Wrap zu beißen. Wie im Tailly-Filmchen.

© Süddeutsche.de/bgr/ihe
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