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Wiener Kunstherbst:Donauwelle

Der Titel ist im Names des Files. 
Bitte auch Courtesy the artist and Sophie Tappeiner. Copyright: Kunst-dokumentation.com angeben!

Sophie Thun fotografiert sich selbst mit sich selbst in Hotelzimmern: „Feichtinger“ (2019).

(Foto: The artist und Sophie Tappeiner. Copyright: kunst-dokumentation.com)

Die Messen Viennacontemporary und ihre Off-Schwester Parallel Vienna werden befeuert vom Boom der Kunststadt Wien.

Kunstareal" leuchtet es in alarmierendem Rot über dem Eingang der monströs großen ehemaligen Zentrale der Bank Austria nahe dem Wiener Prater. Daneben weisen Pfeile nach links und rechts, also überallhin. Und tatsächlich: Ganz Wien ist diese Woche das von Marco Lulić hier so streng beworbene Kunstareal, es ist die Leistungsschau einer Stadt, die durch bezahlbares Wohnen und Arbeiten plus herausragender Kunstuniversitäten in den vergangenen Jahren junge Künstler aus ganz Europa angelockt hat.

Die Szene ist so lebendig wie nie, sie organisiert sich, gepusht durch ein kleinteiliges Subventionsnetz der öffentlichen Hand, selbst in unzähligen Artist-run-Projekträumen, früher Off-Spaces genannt. Die vor sieben Jahren gegründete Kunstmesse Parallel Vienna, die zwar immer woanders, nomadisch, aber eben immer parallel zur führenden Gegenwartskunstmesse der Stadt, der Viennacontemporary stattfindet, saugt diese Off-Szene einmal im Jahr auf und leert sie in ein leer stehendes Bürogebäude.

Banken, Büros, Postämter, Kammerl: Die Künstler besetzen alle verfügbaren Räume

So übersichtlich wie heuer war dieser Wahnsinnshaufen allerdings noch nie zu durchwühlen. Die 600 Künstler haben mit ihren Selbstpräsentationen und ihren Auftritten im Programm von Off-Spaces und Galerien rund 170 Büros, Kammerl und ehemalige Poststellen auffällig ordentlich annektiert. Besonders beeindruckend ist eine ganze Büroflucht mit einer Einzelshow nach der anderen, in der man Studierende und Absolventen, aber auch Lehrende der beiden Wiener Kunstunis auf Augenhöhe nebeneinander findet.

Im Erdgeschoss haben die Parallel-Macher Stefan Bidner und Antje Prisker in einer Gruppenausstellung konzentriert, worum es in der jungen Wiener Kunstszene zurzeit vor allem geht: interaktive Skulptur und Performance. Eine meterlange Schuhputzmaschine für Dutzende Schuhpaare dreht sich hier auf Knopfdruck (Leopold Kessler), ein monumentaler Maiskolben aus Papiermaschee scheint gerade erst abgenagt worden zu sein (Alice von Alten).

Wer genug Kraft hat, kann sich wie bei einer Meterwurst von einem langen, im Inneren gefrästen Holzbalken Totenkopfscheiben absägen, einen original Christian Eisenberger um 350 Euro. Gratis ist auch hier nix. Um das zu betonen, richtete man in ein paar Räumen sogar ein "Einkaufszentrum" ein, das bald ganzjährig online gehen soll.

Die räudige Street-Art-Vergangenheit lässt sich Eisenberger, der Wiener Lokalheld, trotzdem nicht austreiben, auch nicht von einer der Grande Dames der Wiener Galerieszene, Ursula Krinzinger, die ihn mittlerweile vertritt. Sie gastiert am anderen Spektrumsende des Kunstareals Wien, auf der Viennacontemporary im kühlen Industriechic der "Marx Halle", was allerdings nichts mit Karl, sondern mit dem Namen des ehemaligen Schlachthausviertels zu tun hat.

Krinzingers Messestand jedenfalls ist heuer den starken Künstlerinnen ihres Programms gewidmet: Eine neue Fotoarbeit von Marina Abramović zeigt sie mit Schaufeln in der Hand als "The Cleaner" (42 000 Euro, Edition von 25). Eva Schlegel hat rund um ihre lackglänzenden Porno-Bilder ein Erotikkabinett mit jüngeren Kollegen zusammengestellt. An der Außenseite beschwört Monica Bonvicini in punkiger Schwarz-Weiß-Malerei "The Hour we knew nothing about each other" (28 000 Euro).

An diese Stunde wird Johanna Chromik sich noch erinnern können. Erst seit Januar wohnt die neue Direktorin der Viennacontemporary in Wien, es ist die erste von ihr verantwortete Ausgabe. Die bisherige Leiterin, Christina Steinbrecher-Pfandt, zog aus familiären Gründen in die USA. Wie Pfandt hat auch Chromik einen idealen Background für die Leitung dieser Messe, nämlich in Osteuropa. Erstere hat russische Wurzeln, Zweitere wurde in Polen geboren und wuchs in Berlin auf, wo sie als Direktorin bei den Galerien KOW (Stammgast der Wiener Messe) und Johann König (noch nicht) arbeitete.

Die Messe hat von Anfang an die Nähe zu Osteuropa gesucht. Das zahlt sich immer mehr aus

Mit dieser Erfahrung, auch im harten Verkauf, scheint sie ideal für die Messe, die in der Vermittlung immer gut war, bei den Umsätzen aber immer ein wenig schwächelte.

Am Eröffnungstag strahlt Chromik dementsprechend. Alle schwärmen gerade von Wien, erzählt sie, den Aufwind der Kunstszene hier spürte sie auch aus Berliner Perspektive seit zwei, drei Jahren. Die über die Messe laufenden Hotelbuchungen von Sammlern zeigten das ebenfalls, sie hätten stark angezogen, sagt sie. Dass die Messe bei ihrem Schwerpunkt geblieben sei, Kunst aus Osteuropa, erweise sich als richtig. Chromik will diesen weiter ausbauen, vor allem qualitativ, betont sie.

Was ihr diesmal schon gelungen ist: Allein aus Warschau sind neben der Leto Gallery drei neue, junge Galerien gekommen, Wschód, Dawid Radziszewski und Stereo, die mit Roman Stańczak den aktuellen Vertreter Polens auf der Biennale Venedig präsentieren. Er zeigte ein Flugzeug, das sein Inneres nach Außen kehrte. In Wien zeigt Stereo die letzte Skulptur Stańczaks, die noch zu haben ist: ein Bügeleisen, dessen Kabel sich zum Käfig verspannt hat (20 000 Euro).

Ein Highlight der von der Kunsthistorikerin Fiona Liewehr sehr spannend mit vielen Künstlerinnen, Künstlern und Galerien aus den jungen Szenen programmierten "Zone 1" - Sophie Tappeiner mit Sophie Thun aus Wien, Julian Turner aus der Filiale Frankfurt etwa - ist das Frühwerk der gerade sehr angesagten Prager Bildhauerin Eva Kotátková. Ihr "Educational Model" von 2009, ein benutzbares Gerüst aus Schultischen, wurde schon am Previewtag bei der Galerie Hunt Kastner um 50 000 Euro von einem Privatsammler reserviert, der demnächst in Riga ein Museum eröffnen wird, so die Galeristen.

Ebenfalls an ein Museum denkt der Wiener Galerist Emanuel Layr, der für 150 000 Euro ein Hauptwerk des Slowaken Stano Filko anbietet: einen Hain hellblauer Stäbe, mit denen der 2015 gestorbene Konzeptkunst-Altmeister 1967 seine Welt ordnen wollte. Seit der Osaka-Biennale 1970 ist die Arbeit jetzt erstmals hier wieder zu sehen. Im Kunstareal Wien. Wo gerade viel zusammenkommt.

Parallel Vienna, Viennacontemporary. Bis einschließlich Sonntag.