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Wiener Festwochen:Vorsicht, Schusswechsel!

Theaterstück "Deponie Highfield" (Regie: René Pollesch); Premiere am 24.5.19, Burtgtheater Wien; © Reinhard Werner/Burgtheater. Die Online-Nutzung ist nur mit einer Auflösung von 72dpi gestattet.

Martin Wuttke mit Lipizzanern in René Polleschs "Deponie Highfield" am Wiener Burgtheater.

(Foto: Reinhard Werner/Burgtheater)

René Pollesch und Sibylle Berg sagen mit zwei Uraufführungen dem Mittelmaß den Kampf an. Da galoppieren Diskursreiter auf Lipizzanern, und abgehängte Wutbürger tragen Trollkostüme. Und dann wird geballert.

"Was hat es eigentlich mit diesem Mythos auf sich, dass, wenn ein Theaterabend noch Tage in einem nachwirkt, dass das ein Zeichen von Qualität sein soll?" René Pollesch wirft diese Frage in seinem neuen Stück "Deponie Highfield" auf und stellt sie in Kontrast zu der Feststellung, dass du deine große Liebe schon zwei Tage nach der Trennung vergessen haben kannst - und zwar ohne dass du in Frage stellen würdest, dass es eine große Liebe war.

Man kann das als Aporie einfach mal so stehen lassen. Man könnte aber auch fragen: Wie lange wirkt eigentlich "Deponie Highfield" nach? Dann wäre die ehrliche Antwort: Das Stück wird und kann man vergessen. Anders die darin vorkommenden Pferde und die, die sie reiten. Sieben großartig lebensecht nachgebaute Gäule stehen im Wiener Akademietheater auf der wiesengrünen Bühne, sechs Lipizzaner und ein Brauner. Dazu die glorreichen Fünf, die vom Publikum gefeiert werden wie Superhelden: Kathrin Angerer, Caroline Peters, Birgit Minichmayr, Irina Sulaver und Martin Wuttke.

Sie sind Diskurs-, keine Dressurreiter. Sie ballern mit ihren Mäulern noch mehr herum als mit ihren Revolvern. Theatercowboys im Western-Style. Sie sind bei den Wiener Festwochen angetreten, das Leben "von der Müllkippe aus" zu denken und als einen "Prozess des Niedergangs" zu beschreiben. Damit liefern sie quasi auf der Metagrasebene der Pollesch-Prärie die Theoriegrundlage zu dem neuen Stück von Sibylle Berg, das jetzt ebenfalls in Wien Premiere hatte, und zwar im Volkstheater; ein Stück, in dem der Niedergang bereits sehr weit vorangeschritten ist. Es trägt den Titel "Hass-Triptychon - Wege aus der Krise. Eine Therapie in drei Flügeln" und ist eine Koproduktion mit dem Berliner Maxim-Gorki-Theater.

Inszeniert hat es der aufstrebende Ersan Mondtag, der sich, wie zu hören ist, um die Intendanz des Wiener Volkstheaters beworben hat. Wohingegen Pollesch als heißester Kandidat für die Berliner Volksbühne gilt.

Wenn die Tiere mit den Ohren wackeln und dann Dampf aus den Nüstern nebelt, ist das eine Freude

Der neue Pollesch und die neue Berg - zwei von insgesamt zehn Uraufführungen im Programm des frisch angetretenen Wiener-Festwochen-Chefs Christophe Slagmuylder. Der soll das unter Tomas Zierhofer-Kin schwer ins Schlingern geratene Großfestival wieder aufrichten. In seiner ersten Ausgabe, für deren Vorbereitung er nicht viel Zeit hatte, setzt der Belgier außer auf bekannte Namen und bewährte Regiehandschriften auf Genregrenzgänge und musikalische Produktionen, etliches davon schon älter und auf anderen Festivals gezeigt. Viel falsch machen kann man auch mit den Publikumslieblingen Pollesch und Berg nicht. Ungeachtet gewisser Durchhänger in beiden Stücken spendete das Publikum hier wie dort begeisterten Applaus.

Die von Katrin Brack entworfene Pferdewiese mit den prächtigen Lipizzanern und die eingespielte Serienmusik sorgen in "Deponie Highfield" gleich für gute Stimmung. Wenn die Tiere in "dramatischeren" Situationen mit den Ohren wackeln und mit dem Schweif schlagen und dann Dampf aus ihren Nüstern nebelt, ist das eine Freude. Weniger gut gelaunt sind die fünf Protagonisten im aufgerüschten Cowgirl- und Cowboy-Look. Ständig streiten sie, blaffen sich an und fuchteln mit ihren Colts. Wie immer bei Pollesch sind sie in einem komplexen Theoriediskurs verstrickt und scheitern beim Versuch, Sinn zu produzieren, vor allem an sich selbst und ihren maroden Beziehungen. Vordergründig geht es artenübergreifend um Mensch und Tier, eine Liebesbeziehung, die der Homo sapiens inzwischen ja gerne im Internet auslebt. Zum Beispiel die mal wieder hinreißende Kathrin Angerer, die ständig von irgendwelchen Elefanten-Videos auf Youtube spricht und statt Pferden lieber Katzen auf der Bühne hätte. Angerer ist es auch, die "diese Melancholie des Vergessens" benennt (und mit großäugiger Ernsthaftigkeit ausstrahlt), die den Abend grundiert: dass schon wieder eine Beziehung kaputt gegangen ist, an die man sich kaum mehr erinnert. "Ja, verdammt. Wie bleibt man zusammen?"

Der vergessene Partner, der einmal eine Liebe war, führt im Schweinsgalopp zu anderen Vergessenen wie zum Beispiel jenen Frauen in der Wissenschaft, die "als Zitierfähige" verschwinden. Die US-amerikanische Biologin, Wissenschaftsphilosophin und Feministin Donna Haraway steht da als Patin für manche Gedankenfährten. Das Programmheft empfiehlt ihr Buch "Unruhig bleiben". Des Weiteren werden zur Nachbereitung empfohlen: "Meine Lehre" von Jacques Lacan, "Pornographie der Gegenwart" von Alain Badiou, "Was würden Tiere sagen, würden wir die richtigen Fragen stellen?" von Vinciane Despret, dazu die Spionagekomödie "Spy" von Paul Feig sowie John Sturges' Westernklassiker "Die glorreichen Sieben".

Aus all diesem Sekundärmaterial speist sich Polleschs Stück, ohne sich jedoch inhaltlich zu fokussieren. Im gedanklichen Rösselsprung geht es quer durch Thesen und über manch eine gemähte Wiese. Während Polleschs Diskurscowboys die meisten Themen immer nur kurz anreißen, anreiten, kommen sie immer wieder beim Thema "Repräsentation" zum Halten, seit jeher Polleschs Steckenpferd. Es ist ermüdend, wie sehr er darauf herumreitet. Vor allem, weil man das ja alles schon kennt. Ohnehin erstaunlich, wie "Deponie Highfield" an Polleschs Anfänge mit seiner Bühnensoap "world wide web-slums" erinnert. Schon damals, Anfang der Nullerjahre, saßen seine Schauspieler auf Satteln und jagten mit dem Theorie-Lasso ihrem in einem turboglobalisierten Produktionsfeld verloren gegangenen Ich hinterher.

"Deponie Highfield" tritt inhaltlich wie szenisch viel zu sehr auf der Stelle, als dass das Stück einen geistig auf Trab bringen könnte. Auch politisch ist der Abend harmlos. Die aktuelle Regierungskrise in Österreich, ausgelöst durch das Ibiza-Video, ist so bizarr, dass jeder Theater-Parforceritt nur hinterhertraben kann. Wortspielverwechslungen mit "Lipica", dem Gestüt, wo die Lipizzaner-Pferde herkommen, reichen schon für Gelächter im Parkett.

Eigentlich also ein eher lahmer Klepper, dieser Pollesch-Abend mit Pferdeschwanz. Aber die Premium-Besetzung, die Kunst-Lipizzaner, die tollen Westernkostüme von Tabea Braun - das alles macht die Sache dann doch zu einem ereignishaften Dressurakt. Neben Angerer sticht vor allem die souveräne Caroline Peters als coole Zorro-Lady hervor. Martin Wuttke gibt den abgeranzten Pistolero mit O-Beinen. Textlich sind diese "glorreichen Fünf" keineswegs sattelfest, aber es geht in dem Stück ja eh ums Vergessen. Außerdem ist die Souffleuse Sibylle Fuchs allzeit einsatz- und hilfsbereit.

Auch in Ersan Mondtags grell pointierter Inszenierung des "Hass-Triptychons" hat die Souffleuse einiges zu tun und kommt einmal sogar auf die von Nina Peller eingerichtete Trash-Drehbühne aus Pappgroßstadtkulisse und Wohncontainer. Vor allem Benny Claessens ist auf sie angewiesen, der als Master of Desaster, bei Berg "Hassmaster" genannt, mit divenhafter Süffisanz durch den Abend führt, singend, kommentierend, mit dem Untergang kokettierend. Gerne auch mal das Publikum ansprechend und über die "aussterbende Kunstform Theater" lästernd. Es sitzen bereits einige Skelette im Parkett (von der Regie platziert). Claessens spielt seine Rolle so selbstgefällig wie brillant. Sieht er anfangs noch aus wie ein dem Gully entstiegener Zauberkönig, gibt er alsbald eine queere Queen mit nackter Glitzerhaut, die den titelgebenden Hass lasziv vorantreibt.

Das Häuflein Elendiger, das sich von ihm herumkommandieren lässt, sind "die Mittelmäßigen, der Mittelstand, die weggebrochenen Säulen der Gesellschaft": sechs tranige Gestalten, die während der Woche öde Berufe ausüben, wenn sie nicht schon arbeitslos sind, um an den leeren Sonntagen in ihren tristen Wohnungen abzuhängen, gelegen nah am Autobahnzubringer, wo Tauben "die einzigen Naturereignisse" sind. Teresa Vergho hat diese von Sibylle Berg mit einigem Zynismus vorgeführten Vertreter des abgehängten Mittelstands in sehr lustige Trollkostüme und spitzohrige Masken gesteckt, sodass das revuehafte Singspiel, das Ersan Mondtag aus Bergs Farce macht, wie die Hobbit-Version des Musicals "Les Miserables" daherkommt: in neonbunter Künstlichkeit, wie Mondtag sie zu seinem Stil erhoben hat, aber auch als ein so übertrieben depressives Verarmungs- und Verödungstheater, dass es in der Gesamtanmutung nicht denunziatorisch, sondern schön böse zugespitzt ist.

Dass der Abend mit seinen betont unsauberen Musicaleinlagen und ärmlichen Figuren nicht jämmerlich verendet, ist vor allem den Schauspielern zu danken. Abak Safaei-Rad, Aram Tafreshian, Çiğdem Teke (vom Gorki-Ensemble), Jonas Grunder-Culemann, Johannes Meier und der extrasüße Bruno Cathomas (als Gäste) sind so traurig-komische Gesellen, dass man sie trösten möchte. Doch der "Hassmaster" hat ganze Arbeit geleistet. Alles läuft, das ist die schwarze Pointe des Stücks, auf eine Entladung durch Gewalt hinaus: den Amoklauf der Aussortierten. Es ist eine Schießerei, schlimmer als die in Polleschs Wildem Westen.