Theater: "Geschichten aus dem Wiener Wald":Erst böse, jetzt woke

Lesezeit: 2 min

Pressebild Burgtheater - GESCHICHTEN AUS DEM WIENER WALD

Tot? Ein schlafender Zuschauer? Die Reanimation von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" scheitert jedenfalls.

(Foto: Matthias Horn/Matthias Horn)

Johan Simons inszeniert Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" am Burgtheater. Es ist eine Enttäuschung, aber die leere Bühne passt zum Lockdown.

Von Wolfgang Kralicek

Ein Stück wie "Geschichten aus dem Wiener Wald" müsste das Wiener Burgtheater eigentlich auf einem Bein und mit verbundenen Augen spielen können. Tatsächlich tut sich Österreichs Nationalbühne erstaunlich schwer mit Ödön von Horváths Meisterwerk. Vor elf Jahren, beim vorletzten Versuch, hatte der Regisseur Stefan Bachmann einfach nicht den richtigen Sound für das Stück gefunden. Die neue Version, die Johan Simons jetzt inszeniert hat, ist zwar interessant angelegt, aber auch nur teilweise aufgegangen.

"Geschichten aus dem Wiener Wald" (1931) handelt davon, wie der jungen Marianne von einer bigotten, kleinbürgerlichen Gesellschaft brutal die Flügel gestutzt werden. Der böse Witz dieses artifiziellen "Volksstücks" besteht einerseits darin, dass die Figuren über ihrem Niveau sprechen; Redensarten etwa werden grundsätzlich so angebracht, dass sie gerade nicht passen. Andererseits verwendet Horváth Wien-Klischeebilder wie eine pittoreske Ladenzeile oder einen Heurigen als weichgezeichneten Hintergrund, vor dem die charakterlichen Bestialitäten der Figuren umso härter zur Geltung kommen. All das spielt in Simons' Inszenierung kaum eine Rolle. Die Bühne (Johannes Schütz) ist leer bis auf ein Riesen-Mobile, das die Schauplätze markiert.

Schauspielerisch lässt die Aufführung teilweise zu wünschen übrig, das zentrale Anti-Paar aber ist stark besetzt: Sarah Viktoria Frick ist eine ungewöhnlich widerborstige, selbstbewusste Marianne; ihren ungeliebten Verlobten, den Fleischhauer Oskar, spielt Nicholas Ofczarek als aasigen, versteinerten Grobian. Fast immer, wenn es besonders wird an diesem Abend, sind Frick oder Ofczarek im Spiel.

Herumlungern und die Klappe halten

An den Figuren habe ihn vor allem "das Tierische" interessiert und an der Horváthschen Sprache die Körperlichkeit, sagt Regisseur Simons im Interview. Im Grunde ist seine Inszenierung eine einzige Gruppenchoreografie; das Ensemble ist immer vollständig anwesend; wer gerade nicht dran ist, lungert einfach stumm in der Szene herum (was zu gewollt komischen Situationen führt). Manchmal friert das Bild komplett ein - die für Horváth so charakteristische "Stille" -, dann wieder inszeniert Simons ungelenke Tanzsequenzen.

Sprachliche Feinheiten bleiben dabei oft auf der Strecke, etliche böse Horváth-Pointen zünden nicht. Das sollen sie aber wohl auch gar nicht. Die Inszenierung ist auf "Wokeness" bedacht; das N-Wort, Body Shaming, antisemitische Bemerkungen - alles gestrichen. Die Szene, in der Marianne von ihrem Vater als Nackttänzerin in einem Nachtclub gesehen wird, hat Simons zur Unkenntlichkeit entschärft: Statt erotischer Tableaux vivants wie bei Horváth ist eine Groteskperformance zu sehen, in deren Verlauf einander die leicht, aber doch bekleideten Sarah Viktoria Frick und Maria Happel sich eincremen und federn. Wie witzig man das findet, ist Geschmackssache; der Skandal, den die Szene im Stück auslöst, ist so jedenfalls nicht nachvollziehbar.

"Du wirst meiner Liebe nicht entkommen", droht Oskar seiner Verlobten, als diese ihn sitzen lässt. Am Ende, im vergifteten Happy End des Stücks, wird sie seiner Liebe tatsächlich nicht entkommen sein. Entkräftet ergibt sich Marianne in ihr Schicksal. Im Burgtheater branden nun doch noch Walzerklänge auf, von Dreivierteltakt kann bei diesem Paar aber nicht die Rede sein; der Tanz der beiden sieht eher nach erbittertem Kampf aus. Schade, dass nicht die ganze Inszenierung so überwältigend ist wie ihr wuchtiges, lange nachhallendes Schlussbild.

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