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Wiederentdeckung: Paul Dessaus Oper "Lanzelot":Den Drachen wachgeküsst

Das Stück kam 1969 in Ostberlin heraus und strotzt vor Gesellschaftskritik. Musikalisch bewegt es sich zwischen Zartheit und enormem Getöse. Peter Konwitschny hat es jetzt in Weimar inszeniert.

Als im Westen sozialisierter Mensch kann man sich kaum vorstellen, wie es überhaupt möglich war, dass Paul Dessaus Oper "Lanzelot" 1969 an der Ostberliner Staatsoper herauskommen konnte.

Das Stück ist beißend und bitterböse: Ein Drache beherrscht seit Urzeiten das Volk, der fliegende Held Lanzelot will es vom Untier befreien, doch niemand will seine Heldentat. Lanzelot tötet den Drachen dennoch, wird dabei schwer verletzt. Und während er sich von seinen Wunden erholt, übernimmt der Bürgermeister die Macht. Lanzelot kehrt zurück, beseitigt alle Reste drachenhafter Herrschaft. Vielleicht ein Happy End, aber wenn, dann eines, dem man nicht glauben kann.

Das muss damals doch, denkt man heute, wie eine Parabel auf den real existierenden Sozialismus gewirkt haben. Die offizielle Wahrnehmung in der DDR sah jedoch damals eine Kritik am westlichen Kapitalismus, die normalen Zuschauer indes lasen das seinerzeit anders und fühlten sich gemeint und verstanden. Nach Berlin wurde "Lanzelot" in Dresden gespielt, 1971 kam er an der Bayerischen Staatsoper in München heraus. Das war's dann. Seitdem schlief der Drache. Und wurde nun am Deutschen Nationaltheater Weimar sensationell wieder aufgeweckt. Peter Konwitschny inszenierte dort die Wiederentdeckung der Saison.

Der Regisseur selbst meint, das Stück war einfach zu interessant und deshalb schnell wieder weg. Da ist viel Wahres dran, doch es kommt noch der Umstand hinzu, dass seine Verwirklichung einen immensen Aufwand erfordert. In Weimar kooperiert man deshalb mit dem Theater in Erfurt und stellt die Chöre beider Häuser auf die Bühne.

Paul Dessau war seit 1936, als er das "Lied des Thälmannbatallions" komponiert hatte, ein kommunistischer Heros

Zusammen mit den 30 Solopartien und der Bühnenmusik stehen dann schätzungsweise 150 Menschen dort oben, unten, im Graben, brilliert die Staatskapelle Weimar. Deren erster Kapellmeister Dominik Beykirch, gerade mal 29 Jahre alt, nahm sich ein Jahr Zeit, um das Werk zu erarbeiten. Von diesem existierte keine gedruckte Partitur, kein sauberes Orchestermaterial, keine Aufnahme außer einem Proben-Tonmitschnitt von der Uraufführung, in dem man die Anweisungen der Regisseurin Ruth Berghaus genauso hört wie das Herumschieben der Kulissen. Manchmal quäkt ein Zuspielband - Beykirch nahm für Weimar diese Stellen mit Chor und Orchester selbst auf.

Paul Dessau war in der DDR ein Star. Zwar hatte der Komponist auch stellenweise mit harscher Kritik an seinen ästhetischen Vorlieben zu kämpfen, aber er war mehrfacher Nationalpreisträger und eigentlich bereits seit 1936, als er das "Lied des Thälmannbatallions" komponiert hatte, ein kommunistischer Heros. Dieses Lied zitiert er im "Lanzelot" ebenso wie Beethoven und sehr Vieles mehr, man hört die Einflüsse seiner früheren Arbeit mit Brecht, noch mehr seine Bewunderung für Schönberg, die Musik schwankt zwischen äußerster Zartheit und enormen Gerumpel, Gepolter und Getöse.

Traute Heimat, Glück daheim bei Elsa (Emily Hindrichs), ihrem Vater (Juri Batukov) und Lanzelot (Máté Sólyom-Nagy).

(Foto: Candy Welz)

Die dafür notwendigen 13 Schlagwerker passen in Weimar nicht in den Graben, sondern werden mit ihren teils abenteuerlichen Instrumenten in zwei mit Leuchtschlangen verzierten Wagen auf der Bühne herumgeschoben. Hier thematisiert die Inszenierung auch den Herstellungsprozess von Oper, wie es Dessau selbst bereits tat. Über eine völlig verstiegene Stelle für die Solobratsche, viel zu hoch, um sie spielen zu können, schrieb er in die Noten: "Viel Spaß!"

Ähnliches dürfte er sich auch gedacht haben, als er Heiner Müller mit dem Libretto beauftragte. Der schrammte zu dieser Zeit hart am Berufsverbot entlang, wetterte gegen Konvention und Formalisierungszwang und beschied der Oper, die Möglichkeiten zu einem "operativen Genre" zu besitzen: "Was man noch nicht sagen kann, kann man vielleicht schon singen."

Müller, Dessau oder Konwitschny trauen den Menschen kaum mehr Geisteskraft zu als zu prähistorischen Zeiten

Dennoch wählte er eine Vorlage, die das bereits alles sagen hatte können, das Stück "Der Drache" von Jewgeni Lwowitsch Schwarz, 1943 geschrieben und 1965 von Benno Schwarz am Deutschen Theater in Ostberlin inszeniert. Die Inszenierung wurde 580 Mal gezeigt und erzählt, märchenhafter, ausschweifender, bereits den Kern dessen, was Dessau und Müller interessierte: das Zusammenspiel von Tyrannei und knechtischem Untertanengeist. In Schwarz' russischer Heimat war das Stück lange Zeit verboten, in der DDR wurde es mit derselben Doppelbödigkeit rezipiert wie später die Oper. Müller verdichtete und verschärfte, fügte ein "Beschwerdebuch" hinzu, das sich ohne menschliches Zutun füllt, und bediente sich einer reichlich unverblümten Sprache, die man bei Dessau sehr gut durchhören kann.

Es beginnt in der Vorzeit. Den Steinzeitmenschen geht es schlecht, sie haben die Cholera. Ein kunterbunter Medizinmann wird hereingerollt, der viele kleine Päckchen dabei hat und auf Lateinisch von Sex brabbelt, was sein Interpret mit Stentorstimme ganz anders übersetzt: Der große Drache soll den See abkochen und das Wasser wieder genießbar machen. Das Volk ist begeistert, ein LED-beleuchteter Tauchsieder kommt aus dem Bühnenhimmel und das Volk packt die Päckchen aus: kleine Tauchsieder für jeden, die heile Warenwelt feiert einen ersten, frühen Triumph, die Musik irrt mit Verve durch jazzige Gefilde.

In den folgenden 14 Bildern trauen Müller, Dessau und schon gar nicht Konwitschny den Menschen kaum mehr Geisteskraft zu als zu prähistorischen Zeiten. Dem Regisseur und seinem Bühnenbildner Helmut Brade reichen im Wesentlichen ein Kubus auf einer Drehbühne, dessen vier unterschiedliche Seiten ausreichen, um Räume und Orte zu bestimmen.

Da gibt es dann erst einmal im "Einkaufsparadies" - jede Szene hat einen Titel - "30 % auf Alles bei Müller Elektro", denn "billig + billig = reich", danach eine Schulstunde vom Drachen selbst, der sich fragt, "wann sich dieses Volk endlich selbst regieren wird".

Ist der Drache besiegt und der verletzte Lanzelot verschwunden, übernimmt der aasige Bürgermeister, verkörpert vom grandiosen Wolfgang Schwaninger, die Ordnung.

(Foto: Candy Welz)

Ein Clou von Konwitschnys makellos abschnurrender Inszenierung ist der Drache selbst. Oleksandr Pushniak singt ihn mit dröhnender Wucht und der Intelligenz eines gewieften Diktators. Wohlig betrachtet er Überwachungsvideos, man sieht Menschen zu Hause, sie fressen und saufen, andere erfreuen sich des Lebens in Kaufhausumkleidekabinen. "Mein Volk!" Und zwar eines, das weiß, dass der Drache vor anderen Drachen schützt. Solchen, die den eigenen Wohlstand und die duckmäuserische Gemütlichkeit bedrohen.

Da ist der zunächst sehr unscheinbare Lanzelot auf verlorenen Posten. Aber er verliebt sich in Elsa, die ihre Umgebung reichlich satt hat und auf einen Strahleritter wartet. Hier heißt der Lanzelot und strahlt auch erst einmal nicht, aber das macht nichts. Máté Sólyom-Nagy und Emily Hindrichs sind ein tolles Paar, bei dem man zudem jedes Wort versteht; sie entflieht ihrer Umgebung in die gleißenden Höhen ihrer Stimme, er fuhrwerkt bis zur Selbstaufgabe herum. Sein Gehilfen sind ein Kater, die leuchtende Daniela Gerstenmeyer, ein Esel und drei Arbeiter von der Unterbühne.

Ist der Drache besiegt und der verletzte Lanzelot verschwunden, übernimmt der aasige Bürgermeister, verkörpert vom grandiosen Wolfgang Schwaninger die Ordnung. Ein Denkmal seiner selbst wird enthüllt, Gefangene werden entlassen und gleich wieder eingesperrt, weil sie kein Geld haben. Also nutzlos sind in einer Gesellschaft, die sich anschickt, in behüteter Selbstgefälligkeit dem nächsten nachzulaufen, der für sie die Geschicke regelt.

Doch dann bricht Lanzelot durch die Hinterbühne herein, mit ihm Bootsflüchtlinge - jene kleinen Drachen, vor denen geschützt durch den großen die Bürger sich einst wähnten. Hier wird Konwitschny ein einziges Mal plump. Aber im nun vollendet aufgekratztem Chaos der Musik und in heutiger Zeit ein notwendiges Bild.

Tritt man danach aus dem Theater, steht man im Weihnachtsmarkt und vor einer Eislaufbahn, die die Statuen von Goethe und Schiller umgibt. Mit vielen Werbebannern. Schöne, heile Warenwelt!