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Werkstattbesuch:Das Rahmen-Los

Bilderrahmen

Seine Spezialität sind Künstlerrahmen, vor allem aus dem Expressionismus. Murrer inmitten seiner Sammlung von 3000 historischen Rahmen.

(Foto: Jens Bruchhaus)

Der Rahmen kann ein Kunstwerk retten oder vernichten, trotzdem wird er wenig beachtet. Der Münchner Rahmenmacher Werner Murrer will das ändern.

Von Dorothea Baumer

Wenn Werner Murrer sich über ein Kunstwerk beugt, interessiert ihn brennend der Teil, der in der Regel übersehen wird: der Rahmen. Nicht allzu verwunderlich, denn es ist nicht nur seine Profession, auch seine Leidenschaft. Er wäre sonst nicht das, was er heute ist: ein Rahmenmacher, den Aufträge aus der ganzen Welt erreichen. Sammler und Galeristen suchen seinen Rat, vor allem aber Museen schätzen seine Kompetenz und verlassen sich auf seine Recherche, wenn es darum geht, historische Rahmen zu rekonstruieren.

In seiner Werkstatt im Münchner Westend kann er dazu auf einen Fundus von beinahe 3000 historischen Rahmen zurückgreifen, die er über drei Jahrzehnte gesammelt hat, auf ein Archiv, das derzeit an die 90 000 Abbildungen von Rahmen umfasst und quasi täglich wächst. Nicht zuletzt aber auf ein Team aus Schreinern, Vergoldern, Buchbindern, Glasern und Holzbildhauern, aber auch Künstlern und Kunsthistorikern.

Erst allmählich beginnt man, den Rahmen als Pendant zum Bild zu betrachten

Sein prestigeträchtigster Auftrag kam vor einigen Jahren von der Dresdner Gemäldegalerie: die Neurahmung von Raffaels "Sixtinischer Madonna". Es war die sechste Rahmung, die das Bild erfahren hat. Das ist kein Einzelschicksal. Mal ist Unachtsamkeit der Grund, mal der sich wandelnde Geschmack - Tatsache ist, dass die wenigsten alten Gemälde heute noch in ihren Originalrahmen stecken. Vor allem aber, so Murrer, "weil man die Bedeutung von Rahmen immer schon unterschätzt hat." Die Museumspraxis machte ja nicht einmal vor Künstlerrahmen halt. "Selbst im Stedelijk Museum in Amsterdam", weiß er, "sind von Van Gogh bemalte Rahmen noch nach dem Krieg verschwunden."

Inzwischen ist man sensibler geworden, auch eine Reihe von Ausstellungen spricht dafür. Zuletzt widmete der Pariser Louvre dem Thema eine erste Schau. Im November folgt das Berliner Brücke-Museum mit "Brücke // Künstler / Bilder / Rahmen", eine Ausstellung, die im März 2020 ins Buchheim-Museum in Feldafing geht. Erarbeitet wird sie in enger Zusammenarbeit mit Murrer, der vor allem als ein gesuchter Rahmen-Experte für die Zeit des Expressionismus firmiert. Man muss vielleicht nicht so weit gehen wie Murrer, der meint, "ein schlechter Rahmen kann das ganze Bild vernichten." Aber anders als mancher Museumsmann achteten Künstler meist sehr genau auf ein stimmiges Verhältnis von Bild und Rahmen.

Die Impressionisten waren die ersten, die gegen das Diktat dicker Goldrahmen opponierten und einfache weiße Leisten favorisierten, die allerdings vom Salon zurückgewiesen wurden. Van Gogh strich für sein "Stillleben mit Trauben, Birne und Zitronen" von 1887 den Rahmen gelb und zimmerte zuletzt einfache Leisten selbst. Munch verfuhr wohl am eigenwilligsten mit seinen Bildern, die er gerahmt im Freiluftatelier Wind und Wetter aussetzte und im übrigen befand: "Ein gutes Bild hält viel aus. Nur schlechte Bilder müssen ... vornehme schwere Rahmen haben. Ich gebe ihnen nur eine schmale Kante, am liebsten eine, die rund und weiß ist." Von Emil Nolde, der viel experimentierte, "weiß auch niemand, dass er weiße und rote Rahmen verwendete", sagt Murrer. Egon Schiele bestand seinen Sammlern gegenüber auf der sogenannten Hoffmannleiste. Wassily Kandinsky schreckte auch vor Rahmen in Rosa, Hellblau und Grün nicht zurück.

Murrers Kronzeuge aber ist Ernst Ludwig Kirchner. Wenige Künstler haben sich seiner Meinung nach so intensiv mit Rahmen befasst. An den Leiter der Basler Kunsthalle schrieb Kirchner 1937: "Ungerahmte Bilder gebe ich niemals auf Ausstellungen, das geht bei meinen Arbeiten nicht." Und wenig später: "Ist es nicht besser, die Ausstellung zu verschieben auf nächstes Jahr. Mir wäre es sicher ebenso lieb. Ich muss so(nst) einige Bilder weglassen, da die Rahmen nicht trocknen. Wenn man alles allein machen muss, braucht es halt Zeit."

Werner Murrer hat viel zu Kirchner geforscht, hat für Neurahmungen ebenso dessen frühe Vorliebe für einfache "Bretterrahmen" aufgegriffen, häufig mit grünlicher Goldbronze gefasst, wie die später favorisierten Rundstabrahmen. Die Crux bei jeglicher Recherche: "Bilder werden so gut wie nie mit Rahmen abgebildet. Man kann nicht googeln, welches Bild welchen Rahmen hat." Selbst Künstlerrahmen werden in der Regel nicht gezeigt. Deshalb liefern historische Dokumente die wichtigsten Informationen: Fotografien, Ausstellungs- oder Atelierbilder oder Profilzeichnungen, die sich in Künstler-Skizzenbüchern und Briefen finden.

In deutschen Museen gebe es zu viel Einheitsleisten, zu viel Baumarktqualität

Museen können Anhaltspunkte bieten, sind aber, wie Murrer oft leidvoll erfahren muss, was Originalrahmen des Expressionismus anbelangt, teils miserabel ausgestattet. "Die Pinakothek der Moderne in München", so sein knappes Resümee, "hat einen sehr hohen Bestand, die Hamburger Kunsthalle noch relativ viele Originalrahmen, aber dann wird es schon schwierig. Das Münchner Lenbachhaus hat quasi keine, dafür grauenhafte grau gestrichene Rahmen." Überhaupt sieht der Rahmenmacher in deutschen Museen einigen Nachholbedarf im Kampf gegen Einheitsleisten und Baumarktqualität.

Die Vorarbeit, so viel wird deutlich, ist ein wichtiger Teil bei allen Rekonstruktionen. Manchmal kommt auch der Zufall zu Hilfe. So war es bei Murrers bislang größtem Projekt. Vor gut einem Jahr entschied der Rahmenmacher einen weltweit ausgeschriebenen Wettbewerb des Munch-Museums in Oslo für seine Werkstatt. 300 Gemälde des großen Norwegers und weitere 500 Grafiken sollen neu gerahmt werden, bevor das Museum in den prominent am Hafen gelegenen Neubau umzieht, der im Juni 2020 eröffnet werden soll. "Eigentlich gar nicht zu stemmen", sagt Murrer, "aber peu à peu" nehmen die Rahmen bereits Gestalt an.

Der beste Rahmen ist unaufdringlich und macht die Zeit ablesbar

Berühmt sind die Aufnahmen aus Edvard Munchs Freiluftatelier in Ekely und seinem Sommeratelier in Åsgårdstrand. Auf die Idee, in Åsgårdstrand auch einmal auf den Dachboden zu steigen, kam in der Vergangenheit allerdings niemand. Das ereignete sich erst im Zuge der Recherche und man staunte nicht schlecht: im Dutzend aufgereiht standen sie da, flache kannelierte Leisten, Rahmen mit schlichtem weißen Halbrundstab, wie sie Munch beispielsweise dem einst skandalträchtigen Gemälde "Pubertät" von 1894/95 selbst gab. "Ein Glücksfund", sagt Murrer. Bessere Modelle hätte er sich in der Tat nicht wünschen können.

Auch wenn man der Intention des Künstlers nicht immer so nahe kommen kann, setzt Murrer alles daran, dass der Rahmen "stimmt", also Bild und Rahmen eine gute Einheit werden. Der beste Rahmen sei einer, der unauffällig und unaufdringlich ist. Und, das ist ihm besonders wichtig, er müsse "die Zeit ablesbar machen". Ein frühes Kirchner-Bild in einem aufwendigen niederländischen Barockrahmen des 17. Jahrhunderts, wie in einem großen deutschen Museum zu erleben, hält er für gänzlich verfehlt. Auch Beckmann im Goldrahmen "geht gar nicht". "Traumhaft schön" dagegen nennt er den Rahmen aus den Sechzigerjahren von Francis Bacons Triptychon in der Pinakothek der Moderne.

Doch im Moment dreht sich bei ihm alles um Munch, und das nicht nur wegen des Museums in Oslo. Seine Werkstatt quillt gerade über von 40 neuen Rahmen, nicht wenige Großformate darunter. Sie gehen demnächst ins Düsseldorfer K 20, wo der norwegische Bestseller-Autor Karl Ove Knausgård im Herbst seine ganz persönliche Auswahl selten oder nie gesehener Werke seines Landsmannes vorstellt.

© SZ vom 20.07.2019
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