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Wer war Ingeborg Bachmann?:Hinter dem Chiffonschleier

In ihrem Buch erkundet Ina Hartwig die Schattenseiten im Leben des weiblichen Literaturstars.

Von Kristina Maidt-Zinke

Die Frage "Wer war Ingeborg Bachmann?" ist als Buchtitel hintersinnig, spricht sie doch zwei grundverschiedene Publikumsgruppen an. Die eine könnte sich aus jungen Leuten rekrutieren, die noch nie etwas von Ingeborg Bachmann gehört oder gar gelesen haben, was (man glaubt es kaum) selbst unter Germanistikstudenten keine Seltenheit mehr ist. Sie verstehen die Frage womöglich ganz handfest, im Sinne von: "Wer war das überhaupt?" Und werden im Idealfall neugierig. Die andere Fraktion stellen die Kenner(innen) und Verehrer(innen) der österreichischen Dichterin, die wissen, dass deren Lebenslauf auch 44 Jahre nach ihrem Tod noch immer von ungelösten Rätseln und dunklen Gerüchten umwittert ist. Sie lesen die Frage um einiges pathetischer: "Wer war sie wirklich?" Und hoffen auf Enthüllungen.

Die Literaturwissenschaftlerin und Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig gehört nicht zu den schwärmerisch Raunenden, für die Ingeborg Bachmann, der erste weibliche Literaturstar deutscher Sprache, mit Glorienschein und Dornenkrone weiterlebt. Und doch hat ein aus intimer Kennerschaft geborener Wissensdrang sie veranlasst, sich auf die Suche nach neuen Antworten zu begeben. "Eine Biographie in Bruchstücken" nennt sie ihr Buch im Untertitel, was fast in die Irre führt, da die Fragmente so frei arrangiert sind, dass nicht einmal der Anschein einer linearen Lebensschilderung entsteht.

Die langjährige Journalistin Ina Hartwig schreibt als "biographische Detektivin"

Eher handelt es sich um "Bruchstücke einer Biographie", die sich wie Spiegelscherben zu einem vielfach gebrochenen Porträt fügen. Auch ließe sich mit einigem Recht von einem Buch für Insider sprechen, denn die Autorin setzt vieles als bekannt voraus. Dass der Zugang dennoch leicht fällt und die Lektüre schnell einen Spannungssog erzeugt, liegt zweifellos an Ina Hartwigs langjähriger Berufserfahrung als Journalistin. Sie geht nicht wissenschaftlich, sondern erzählend vor, sieht sich selbst als "biographische Detektivin", die alle Mittel und Wege der Informationsbeschaffung nutzt, die das Anekdotische, zuweilen gar das Boulevardeske nicht scheut und ihre Subjektivität unverstellt in die Ermittlungen einbringt.

So gelingt es ihr, die Persönlichkeit der Dichterin und die Epoche, in der sie lebte, auch für ein Publikum außerhalb der Bachmann-Gemeinde und der fachlich-germanistisch involvierten Zirkel interessant zu machen. Auch für diejenigen etwa, die nicht das Vorwissen mitbringen, dass Bachmanns dramatische Beziehung zu Max Frisch einerseits der Dreh- und Angelpunkt ihrer nachträglichen Stilisierung zur Schmerzensfrau der literarischen Moderne war, andererseits nicht wirklich untersucht werden kann, bevor der geheimnisumwobene Briefwechsel der beiden zugänglich gemacht oder publiziert wird.

Ina Hartwig hat über mehrere Jahre hinweg Zeitzeugen befragt, genauer, Menschen, die Ingeborg Bachmann kannten, darunter auch Marianne Frisch, die Witwe des im Mythos von der "heiligen Ingeborg" so übel beleumundeten Schriftstellers. Und wie bei allen anderen Befragungen - sogar Henry Kissinger als vermuteter Liebhaber ist darunter - geht es nicht um harte Fakten, sondern um die subjektive Einfärbung von Erinnerungen und die ambivalente Gefühlslage der Beteiligten.

Im Übrigen hat die Autorin dort, wo man die chronologische Einordnung und Schilderung der sagenhaft unglücklich endenden Liaison mit Max Frisch erwarten würde, einfach eine Lücke gelassen - das "leere Zentrum", um das sie, wie sie in einem Interview sagte, herumschreiben musste, das dann aber bei näherem Hinsehen gar nicht leer bleibt. Denn das verwendete Material, seien es kürzlich erschienene Texte aus Bachmanns Nachlass, aktuelle Forschungsergebnisse oder Resultate eigener Recherchen füllt die freibleibende Mitte unmerklich auf und verwandelt sie in einen Resonanzraum klarerer Einsichten und gelassenerer Einschätzungen, als sie oft den Zeitgenossen möglich waren.

Manches, was heute niemanden mehr aufregt, galt zu Lebzeiten Bachmanns noch als skandalös

Wie fern ist uns inzwischen eine Epoche, in der während einer vierjährigen Liebesbeziehung nicht ein einziges Foto entstand oder aufbewahrt wurde, auf dem das Paar gemeinsam zu sehen ist! Denn so war es, zum Leidwesen der Nachgeborenen, im Fall Bachmann/Frisch. Aus Ina Hartwigs facettenreich funkelnder Darstellung gewinnt man, sozusagen als Nebenprodukt, ein eindrückliches Bild der Fünfziger-, Sechziger- und frühen Siebzigerjahre. Und man staunt nicht zuletzt über die Selbstverständlichkeit, mit der alles, was in der Literatur und den anderen Künsten Rang und Namen hatte, sich an einschlägigen Brennpunkten kosmopolitisch zusammenfand, gesellschaftlichen Umgang und geistigen Austausch pflegte. Wer die Gegenwart als das Zeitalter der Kommunikation preist, muss da ins Grübeln kommen.

Andererseits galt so manches, was heute niemanden mehr aufregt, damals noch als zu skandalös, um in seriöse Künstlerviten eingehen zu dürfen. Deshalb wurde lange mehr oder weniger verschleiert, was Hartwigs Buch jetzt sachlich und fundiert berichtet: dass Ingeborg Bachmann, die hochempfindsame, glänzend geistvolle und glamourös auftretende Vorzeigefrau der deutschsprachigen Intellektuellenszene ihrer Zeit, alkohol- und tablettensüchtig war und sexuelle Exzesse auslebte, bis hin zu selbsttherapeutischen "Orgien", die sie mit Gleichgesinnten (nur Männern) so plan- wie stilvoll inszenierte. Angenehm ist, dass Hartwig diese dunklen Seiten der Dichterin nicht voyeuristisch ausschlachtet, sondern in das Porträt einer von Widersprüchen zerrissenen Persönlichkeit einfügt, die ihre geniale Begabung mit Hypersensibilität, selbstdestruktiven Tendenzen und innerer Vereinsamung bezahlte.

Dass es dabei bisweilen sehr psychoanalytisch zugeht, wie etwa im Blick auf den Nazi-Vater und die komplementär dazu betrachtete Liebesaffäre mit dem jüdischen Dichterkollegen Paul Celan, schadet dem Buch nicht, ebensowenig wie ein gewisses Quantum an Klatsch und Tratsch. Sehr bereichert wird das Bild Ingeborg Bachmanns indessen durch ganz andere Wesenszüge. Die notorisch desorganisierte, kapriziöse und hilflos wirkende Poetin konnte zupackend und strategisch sein und fiel (was vor allem ihre Rundfunkarbeiten belegen) durch nüchterne politische Reflexion ebenso auf wie durch ausgeprägten Humor. Anschaulich wird dieser Kontrast in einer Bemerkung Peter Härtlings: "Sie trank wie ein Bauer, saß aber da in Chiffonkleidern."

Nicht aus Chiffon, sondern aus Nylon war das Nachthemd, in dem die Bettraucherin Bachmann sich in ihrer römischen Wohnung die Brandverletzungen zuzog, die zu ihrem frühen Tod führten. Mit dieser Tragödie und ihren noch ungeklärten, hier aus Medizinersicht kommentierten Umständen lässt Ina Hartwig ihr Buch beginnen. Am Ende hat sie abenteuerlichen Thesen über Mord oder Selbstmord den Boden entzogen. Was man vermisst, ist ein Exkurs zu Bachmanns Dichtungen, der jenseits des schillernden Lebensbildes begründen würde, warum ihr Aufstieg zum literarischen Stern nicht nur ein Medienphänomen war und ihr Werk die Zeiten überdauern wird.

© SZ vom 16.12.2017

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