"Wer bin ich und wenn ja, wie viele?" Der erste Schritt zum Glück

Und prompt wurde ihm natürlich mangelhafte Lese-Sorgfalt besonders in dem an Niklas Luhmanns Überlegungen angeschlossenen Kapitel zur Frage, was die Liebe sei, nachgewiesen.

Auch die Verwurstung der drei großen kantischen Fragen als Kapitelüberschriften - Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? - ist kaum mehr als Bildungsgeprotze. Die 34 Kapitel werden schließlich eher "kreativ" subsummiert. Die Abschnitte zu den bei Kant der theoretischen bzw. praktischen Vernunft zugeordneten Themen Freiheit, Eigentum und Gerechtigkeit etwa stehen merkwürdigerweise allesamt unter der dritten, religions- bzw. geschichtsphilosophischen Leitfrage "Was darf ich hoffen?"

Leben und Denken

Aber sei's drum. Problematischer ist der Band dort, wo er seinen Schwung offensichtlich selbst vergisst. Gerne hätte man ja eine Einführung in die Philosophie gelesen, die endlich bewiesen hätte, wie eng Leben und Denken nun eigentlich doch beieinander liegen.

Aber wie schon so manch anderes populäres Buch, das die philosophische Hintertreppe nehmen wollte, so gelingt auch bei Precht der ersehnte Kurzschluss nicht recht.

Der fundamentale Unterschied beider Sphären lässt sich leider nicht einfach nur wegbehaupten. Man hätte sich Autor und Text misstrauischer gewünscht nach der Niederschrift von Sätzen wie diesem über Nietzsche aus dem ersten Kapitel zur Frage "Was ist Wahrheit?" (das im Übrigen genau genommen "Was ist wahr?" oder wenigstens "Was ist die Wahrheit?" hätte betitelt werden müssen): "Seine hochfliegenden Phantasien und das donnernde Selbstbewusstsein seiner Bücher standen dabei in einem geradezu haarsträubenden Gegensatz zu seiner Erscheinung: ein kleiner, etwas dicklicher, weicher Mann."

Und über den amerikanischen Gerechtigkeitstheoretiker John Rawls, der in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts beinahe im Alleingang die Moralphilosophie wiederbelebte, heißt es, er sei "alles andere als ein brillanter Redner" gewesen: "Er stotterte, und vor vielen Menschen wirkte er sehr schüchtern." Ob die beiden dem Erstsemestler Precht als "spannende Persönlichkeiten" erschienen wären?

Eine Steintafel in der Taverne

Das Wunder des kommerziellen Erfolgs des Buches lässt sich allerdings erst vollständig bestaunen, wenn man den Blick wendet vom Detail auf den prinzipiellen Aufbau und Inhalt nahezu sämtlicher Kapitel.

Nach einem freien, lebensnahen, gerne auch etwas persönlichen Einstieg nach Art eines grundvernünftigen Alltagsmoralberaters ("Gleich am ersten Abend in der Taverne war mir eine Steintafel aufgefallen") folgen so munter erzählte wie konventionelle biografische Notizen zum jeweiligen Patendenker, bevor zwar erfreulich jargonfreie, aber doch notwendig trockene Ausführungen über die wesentlichen Knackpunkte des jeweiligen Themas beginnen.

Vieles mag allzu rasant abgehandelt sein, in der Summe jedoch muss auch gesagt werden, dass die Komplexität der Fragen hier im Großen und Ganzen nicht einem vermeintlichen Zwang zur echten Allgemeinverständlichkeit geopfert wird, im Anhang finden sich sogar 15 Seiten ordentlich gegliederte Literaturhinweise.

Beklagenswerte Gestik

Und für einen philosophischen Bestseller werden einzelne Fach-Diskussionen auch immer wieder erstaunlich genau referiert. Die populärphilosophischen Bücher von Stephen Law oder Martin Cohen etwa, die bei Eichborn und Piper vorliegen, gehen spielerischer vor, sind dadurch aber auch oberflächlicher.

Das ändert jedoch nichts an dem einzig wirklich Beklagenswerten: der Gestik des Buches. Der Fall mag noch so vertrackt liegen, nach rund zehn Seiten ist jeweils nicht nur Schluss, sondern auch manch allzu verdächtig apodiktisches Urteil gefällt: bei Rawls gibt es dann einiges "zu verbessern", Kant ist hoffnungslos "veraltet". Es eine perfide Illusion, die so verkauft wird: Dass nämlich das Denken etwas ist, das man jemanden für 14,95 Euro für sich erledigen lassen kann.

Richard David Precht: Wer bin ich - und wenn ja, wie viele? Eine philosophische Reise. Goldmann Verlag, München 2007. 398 Seiten, 14,95 Euro.