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Weibliche Helden:Mutig, aber namenlos

Beim Filmfest wird offenkundig: Die Branche ist immer noch stark von Männern dominiert.

Frauen, die ihren eigenen Willen haben, ihren Körper verkaufen oder andere Frauen lieben: Das soll durchaus vorkommen und ist auch für uns gender-geschulte und politisch korrekt erzogene Europäer hoffentlich nichts Neues. Trotzdem kommen die interessantesten und ungewöhnlichsten Protagonistinnen, die beim diesjährigen Filmfest zu sehen sind, eindeutig aus exotischen Filmregionen wie der Karibik. Sand Dollars zum Beispiel, ein Film aus der Dominikanischen Republik, der mit großer Behutsamkeit und Sensibilität eine neue Perspektive auf lesbische Liebe in postkolonialen Zeiten wirft.

Das Regieduo Laura Amelia Guzmán und Israel Cárdenas erzählt in Sand Dollars die Geschichte der alternden Französin Anne (Geraldine Chaplin), die ihren Urlaub Jahr für Jahr an der karibischen Küste verbringt und sich dort in die Einheimische Noeli (Yanet Mojica) verliebt. Die Beziehung der beiden Frauen ist bestimmt von emotionaler und finanzieller Abhängigkeit. Das neue Handy, die Kette und der Gang zum Geldautomaten sind Gegenleistungen für gemeinsam verbrachte Bett- und Abendstunden. Noeli hat eigentlich einen Freund, den sie aber vor Anne als ihren Bruder ausgibt, um ihrem Traum von einem Leben in Paris näherzukommen. Doch dann wird die grazile Dominikanerin schwanger.

"Wenn du mich nicht liebst, ist das der Grund für meinen Tod."

Subtil und feinfühlig fängt der Film die Zwischentöne ein, die das zwischen Prostitution, Liebe und Sextourismus changierende Verhältnis der beiden einfängt. "Wenn du mich nicht liebst, ist das der Grund für meinen Tod", singt zu Beginn des Filmes der alternde Bachata-Sänger Ramon Cordero, eine Berühmtheit in der Dominikanischen Republik. Vom Wunsch, eine Frau zu besitzen, von der Trauer unerfüllten Begehrens künden seine Texte. Sie sind romantische Vorstellungen von überkommenen Rollenbildern. Der Film ergänzt die männliche Perspektive durch die weibliche.

Aus dem Nahen Osten verschaffen sich erstaunlich viele weibliche Stimmen Gehör. Allen voran ist der Film Much loved zu nennen, der bereits in Cannes Aufsehen erregte. Der zweite Spielfilm des jungen Marokkaners Nabil Ayouch steht nun in seinem Heimatland auf dem Index, jede Vorführung in Marokko wurde verboten, der Regisseur bekam sogar Morddrohungen.

Much loved ist ein Film über das Leben von Prostituierten in Marrakesch und die Ausbeutung junger Frauen, die in dieses Milieu abrutschen. Doch Noha, Randa, Soukaina und Hlima - einige der Protagonistinnen - finden Freunde und Freiheit in diesem Dasein. Der Regisseur, der sich bereits in anderen Arbeiten dem Thema Prostitution widmete, zeigt eine moderne, selbstbewusste Generation junger nordafrikanischer Frauen. Die Regierung sieht das nicht so, sie empfindet Much loved als Beleidigung der Normen und Werte des Landes. Außerdem schade der Film mit seinen freizügigen Szenen und vulgären Dialogen dem Ansehen der marokkanischen Frauen, wie in einer offiziellen Stellungnahme erklärt wird. Dass der Film aber einen Nerv im gesellschaftlichen Diskurs nach dem Arabischen Frühling trifft, zeigen diverse Reaktionen: Einige Ausschnitte bekamen in wenigen Tagen mehr als zwei Millionen YouTube-Klicks und auch Petitionen gegen das Verbot kursieren im Internet.

Ein weiterer Film rückt die Perspektive der aufmüpfigen, starken Frauen in den Vordergrund: Daughter. Die pakistanische Independent-Filmemacherin Afia Nathaniel hat einen Film über eine Frau gedreht, die ihre Tochter vor dem Schicksal bewahren möchte, das ihr einst widerfahren ist. Allah Rakhit (Samiya Mumtaz) ist die Frau eines Clanchefs, an den sie von ihrer Familie in Lahore verheiratet wurde. Dasselbe Leben droht nun auch ihrer zehnjährigen Tochter. Die mutige Allah beschließt jedoch, ihr Kind nicht in die Hände eines Mannes zu geben und flieht mit ihr in die nordpakistanischen Berge, wo eine nervenaufreibende Hetzjagd beginnt. Daughter ist eine Mischung aus Thriller und Drama, in dem die Mutterliebe die Form von weiblichem Zusammenhalten über Generationen hinweg symbolisiert. Gleichzeitig macht die Regisseurin in einem Land, in dem Bollywood-Filme dominieren und es keine Filmschulen gibt, eine mutige Frau zu ihrer Protagonistin. Diese kämpft für ihren Traum von einem Leben in Würde und Selbstbestimmung.

Daughter, So., 28., 17,/Mo., 29.6., 22, danach: Q&A mit Koproduzent Shrihari Sathe, Do., 2.7., 14.30, alle Mü. Freiheit; Sand Dollars: Fr., 26.6., 17, City, Do., 2.7., 17, HFF, Q&A mit Regisseurin Marie Wilke, Sa., 4.7., 19.30, Rio; Much loved: Fr, 26.6., 17.30,/Do., 2.7., 15, Münchner Freiheit, Sa., 4.7., 16.30 Uhr, City

© SZ vom 25.06.2015
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