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Vorschlag-Hammer:Ein Großer fehlt

Harald Eggebrecht fühlt sich bei seinen Versuchen, die Erinnerung an große Musiker zu bewahren, manchmal, als kämpfe er gegen Windmühlen. Illustration: Bernd Schifferdecker

Der Dirigent Rudolf Kempe machte die Münchner Philharmoniker vor Sergiu Celibidaches Ära wieder international bekannt - in der öffentlichen Erinnerung klaffen allerdings Lücken

Wer ihn nicht erlebt hat, kann sich kaum eine Vorstellung machen, zu welcher Durchsichtigkeit der Stimmführung und purer Lust an der orchestralen Virtuosität dieser Mann fähig war. Einer seiner Hausgötter war Richard Strauss. Man hatte den Eindruck, je dichter und komplexer Strauss seine Partituren anlegte, je mehr Klangfarben darin verlangt wurden, je feuriger Don Juan oder witziger Till Eulenspiegel auftrumpften, je tragikomischer Don Quijote auf Abenteuer ausritt, desto mehr war unser Meister in seinem Element.

Rudolf Kempe hieß dieser großartige Dirigent, der die Münchner Philharmoniker vor Sergiu Celibidaches Ära wieder international bekannt machte, das Orchester in sieben Jahren in bestem Sinne forderte, formte und nach vorn brachte. Kempe zeichnete sich durch eine elegant deutliche, immer der Musik angemessene und daher verständliche Schlagtechnik aus. Manchmal war er vielleicht in die eigene Brillanz verliebt, aber in großen Momenten war er einer der bedeutendsten Dirigenten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Unvergessen, wie er Gustav Mahlers 1. Symphonie im damaligen Kongresssaal verwirklichte, wie er in Mahlers "Vierter" die junge Sängerin Edith Mathis im Finalsatz begleitete. Natürlich bleibt gegenwärtig wie heute, wie er Don Quijote mit dem unvergleichlichen Cellomeister Paul Tortelier aufführte, der wirklich Don Quijote glich. Oder Leoš Janáčeks "Glagolithische Festmesse", oder Dvořák-Symphonien oder Debussy, Ravel und so fort.

Schön und gut. Aber warum jetzt an Kempe erinnern? Nun, die Münchner Philharmoniker feiern ihr 125-jähriges Bestehen unter anderem mit einer CD-Box, in der von Celibidache bis Günther Wand auch solche vorkommen, die das Orchester dirigiert haben, aber nicht Chefdirigenten waren. Einer fehlt, eine monumentale, unentschuldbare Lücke: Generalmusikdirektor Rudolf Kempe. Wer auch immer die Box konzipiert hat, sollte schamvoll Asche auf's Haupt streuen!

Ansonsten gehen wir am Montag, 19. November, in die Allerheiligen Hofkirche, um den Pianisten Alexander Melnikov zu hören und am Freitag, 23. November, in den Herkulessaal, um den so interessanten wie originellen Geiger Linus Roth zu erleben, wenn er bei den Münchner Symphonikern unter Kevin John Edusei das Violinkonzert von Christian Jost spielt.