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Vor der Buchmesse:Die Intellektuellen der Sache

Auf Einladung des Ehrengastkomitees und der Buchmesse diskutieren deutsche und französische Autoren bereits am Sonntag über die neue Rolle der neuen Intellektuellen.

Während der ganztägigen Vorpremiere des französischen Ehrengastauftritts sprühten im Haus am Dom in Frankfurt am Main an diesem Sonntag die Funken von Geist und Poesie so intensiv wie schon lange nicht mehr. Auf Einladung des französischen Ehregastkomitees und der Buchmesse wurden in wechselnden, kompetent besetzten Podien so gut wie alle Fragen diskutiert, die Schriftsteller und Intellektuelle beim Schreiben aus und über Europa gegenwärtig bewegen oder bewegen sollten. Viel war von Gespenstern und Phantomen aus Europas Vergangenheit, ihrer Wiederkehr, vom notwendigen Umgang mit ihnen die Rede - daneben aber auch von manch guten Geistern: von den Möglichkeiten, die der Poesie im Blick auf die krisenhafte äußere Welt zur Verfügung stehen, bis hin zum Laborieren an einem neuen Bild europäischer Intellektualität, die nach dem Ende aller Meistererzählungen und Generaldiskurse endlich auch die Klage über deren Schwinden und mangelnden Ersatz hinter sich lässt.

"Alles ist wahr", sagt Christophe Boltanski, "aber es ist ein Roman"

Da wurde es rasch konkret, als prominente französische Autoren wie Maylis de Kérangal, Christophe Boltanski und Marie Darrieussecq, die in den Sechzigerjahren geboren wurden, nach dem Verhältnis von Realität und Fiktion in ihren Romanen gefragt wurden. Für den vormaligen Kriegsreporter Boltanski versperrt erinnerte Realität sich dem direkten Zugriff. Also tastet er sich über "Realitätspartikel" allmählich vor, bis - wie im Roman "Das Versteck" (2017) - zur Rekonstruktion des Hauses, in dem sich die unter deutscher Besatzung als Juden verfolgten Großeltern verborgen hielten: "Alles ist wahr, aber es ist ein Roman", sagt Boltanski dazu und nennt das zugehörige Konzept, mangels eines adäquaten französischen oder deutschen Worts, "narrative non-fiction".

Solcher "Poetik des Raums" (Gaston Bachelard) folgen auch die Romane von Maylis de Kérangal, die mit viel technischer Neugierde und recherchiertem Wissen einen gefeierten Roman über den Bau einer Brücke über den Fluss einer imaginären Stadt ("Die Brücke von Coca", dt. 2012) verfasst hatte. Ihr neues Romanprojekt verhindert bei aller politischen Brisanz jedwede Usurpation von Literatur durch Politik. Bei dem Wort "Lampedusa" als Chiffre und Realität einer Insel gestrandeter Mittelmeerflüchtlinge stellen sich der Autorin ferner auch Filmerinnerungen ein. Ein einziges Wort setzt die Einbildungskraft in Bewegung, um sich allmählich über ein ganzes "Gespann" von Politik, Philosophie, Film, Geschichte, Zeitgeschichte auszudehnen und die Gegenwart dessen zu erfassen, "was gerade geschieht".

Die Literatur, so pflichtet Marie Darrieussecq ihrer Kollegin bei, bedarf demnach keiner zugewiesenen "Aufgabe". Allein die Sprache verleiht den Realien die gebotene Form. Roman und Poesie lassen sich auch durch die Mittel von Recherche und Reportage nicht auseinanderdefinieren: "Sobald ich ein Wort schreibe", sagt sie, "greife ich zur Poesie."

Mit solchen Konzeptionen poetischen Schreibens war die Diskussion bereits auf dem Weg, neue, bescheidenere Formen von Intellektualität und einen anderen Typus des Intellektuellen zu erkunden, der das verblasste Bild vom "großen" Intellektuellen als moralisch-autoritativer Instanz auf heilsame Weise hinter sich lässt. Die in Paris und Berlin lehrende Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy will den gesuchten neuen Typus als "Intellektuellen der Sache" verstanden wissen. In der Debatte um das Berliner Humboldtforum hatte Savoy vor kurzem selbst eine Probe auf ihre brillante Expertise und kompetente Streitlust abgelegt.

Fern allen beschränkten Spezialistentums und talkshowreifen "Expertenwesens" ist diese neue Intellektualität vielstimmig und äußert sich auch außerhalb der Universitäten. Letzteres vor allem in Deutschland, wo die Universitäten ihre bolognakonforme Umwandlung zu "Ausbildungsstätten funktionierender Fachkräfte" erfahren haben. So brachte es der Alt-Intellektuelle Peter Engelmann - Verleger des Wiener Passagen-Verlags, des in den vergangenen Jahrzehnten wohl wichtigsten Importeurs französischer Intellektualität - auf den Begriff.

Selbsternannten oder sogenannten "berufenen Experten" wird in Frankreich eher misstraut, weil deren Positionen machterheischend, aber nie wirklich unabhängig von Fremdinteressen sind. Für Markus Messling vom Berliner Centre Marc Bloch bleibt das Bedürfnis und die Notwendigkeit erhalten, auch äußerst heterogene und divergierende Problemstellungen "miteinander in Beziehung zu setzen". Unvermeidlich tauchte am Ende dieser Debatte also wieder die - freilich reformierte - Figur eines intellektuellen Generalisten auf, der sich oberhalb bloßen Spezialistentums die Freiheit nimmt, in alle Richtungen und über alle Tellerränder hinaus zu denken. Dazu gehören - als weiteres Resultat der Diskussion - gerade wegen oft fehlender akademischer wie außerakademischer Vertragssicherheiten heute mehr denn je Mut und Risikobereitschaft. Und sicher auch die Poetik und die Poesie des Wissens. Die Debatte im wiederbelebten französisch-deutschen Dialog ist damit eröffnet.