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Viennale:Das Rascheln im Wind

Der Viennale-Veteran Abel Ferrara zeigt in Wien seinen Dokumentarfilm „Piazza Vittorio“ über Flüchtlinge in Rom und den Rassismus mancher Italiener.

(Foto: Festival)

Regisseure wie Abel Ferrara ehren auf der Viennale den verstorbenen Festivalleiter Hans Hurch und seine Liebe zum Kino mit einer 14-teiligen Hommage.

Von Philipp Stadelmaier

Jedes Jahr findet an einem Abend im Oktober im Wiener Prater ein Fest statt. An einem Ort in der Nähe der Galopprennbahn, der den vielversprechenden Namen "Lusthaus" trägt. Hierhin werden die Gäste der Viennale, des Internationalen Wiener Filmfestivals, das noch bis zum 2. November stattfindet, zu einem großen Bankett eingeladen. Nach dem Abendessen fließt dann, wie es sich für einen Ort dieses Namens gehört, der Alkohol. Und zwar immer in Strömen, wie Festivalveteranen berichten.

2017 wird es jedoch ein anderes Lusthausfest sein als zuvor, da der Zeremonienmeister fehlen wird. Hans Hurch, seit 1997 Direktor der Viennale, ist im Juli überraschend an Herzversagen gestorben. Ein Mann, der das Kino liebte, und der mit dieser Liebe sein Festival geprägt hat wie kein anderer. Jemandem, der die Viennale nicht kennt, könnte man die Besonderheit des Festivals folgendermaßen beschreiben: Es ist ein Genussfestival - allein schon der Partys wegen. Da ist nicht nur das Lusthausfest, sondern auch die riesige öffentliche Party am ersten Festivalwochenende, die im Museumsquartier in der "Kunsthalle" stattfindet, dem diesjährigen Festivalzentrum. Vor allem aber ist die Viennale ein Genussfestival für Filmliebhaber. Weil sie kein Premierenfestival ist und es keinen Wettbewerb gibt, müssen die Verantwortlichen nicht mit den anderen europäischen Festivals um Welturaufführungen ringen, sondern können sich ohne Druck die besten Filme eines Jahrgangs herauspicken. Hier werden auch Filme gezeigt, die auf anderen Festivals wie Berlin und Cannes gelaufen sind oder sogar schon einen Kinostart hatten. Das Publikum wird neben guten Filmen außerdem ganz rührend mit Schokoladenkeksen versorgt.

Dass hier kein Mainstream-Zeug läuft, sondern - der Traum eines jeden Cinephilen - internationales, kompromissloses Autorenkino, das ist vor allem dem Geschmack von Hans Hurch zu verdanken. Auch das diesjährige Programm hat er vor seinem Tod noch größtenteils selbst zusammengestellt.

Der Geist des Festivals manifestiert sich diesmal aber besonders in einer Reihe, die man ihm gewidmet hat. Vierzehn Regisseure haben vierzehn Filme ausgewählt. Eine zweiwöchige Hommage an einen großen Festivaldirektor, gestaltet von Filmemachern, die Hurch und der Viennale besonders verbunden waren, sodass jeder Film etwas über ihn und seine Kinoliebe erzählt.

Da ist zum Beispiel der französische Autorenfilmer Alain Guiraudie, seit 2001 Stammgast in Wien. Hurch hatte ihm schon eine erste Retrospektive gewidmet, als er gerade mal eine Handvoll Kurzfilme gemacht hatte. Guiraudie hat "Antonio das Mortes", ein Film des brasilianischen Regisseurs Glauber Rocha aus dem Jahr 1969, für die Hommage mitgebracht. Ein Outlaw bringt im Auftrag eines Viehbarons einen aufständischen Banditen um, führt dann aber dessen Kampf fort. Als Guiraudie das Werk vorstellt, erklärt er, dass ihn die Hauptfigur mit dem großen Bart und den langen Haaren schon mal rein äußerlich an Hurch erinnert habe. Und dass Rochas Kino ganz nach Hurchs Geschmack gewesen sei: hochpolitisch und formal innovativ. Dies lässt sich auch vom Kino des Filmemacherpaars Danièle Huillet und Jean-Marie Straub sagen, mit dem Hurch besonders eng verbunden war. Ihre "Antigone" von 1991 wird auch gezeigt, Hurch war damals beim Dreh als Regieassistent dabei.

Gerade nach dem Rechtsruck bei der Wahl will sich das Festival weiter weltoffen präsentieren

Die Schauspieler stehen in den Ruinen eines griechischen Amphitheaters und sagen in strenger Diktion den Text von Sophokles' Drama auf, in der Bearbeitung von Bertolt Brecht. Es geht um den Kampf zwischen Staat und Individuum, während man gleichsam in tausend ästhetischen Details versinkt, die ebenso wichtig werden wie der Text: die weißen Kalksteine, die im Wind raschelnden Olivenbäume, die Stimmungswechsel des Sonnenlichts.

Auch mit dem US-Regisseur Abel Ferrara, der aus New York vor einiger Zeit nach Italien übergesiedelt ist, war Hurch gut befreundet. Mit der diesjährigen Auflage des Festivals ist Ferrara auf ganz besondere Weise verbunden. Denn Hurch starb ausgerechnet in Rom auf einer Reise zu einem Arbeitstreffen mit dem Regisseur. Es ist auch Ferrara, der diesmal den Trailer des Festivals gestaltet hat, ein Auftrag, den in der Vergangenheit schon berühmte Kollegen wie Jean-Luc Godard oder David Lynch besorgt hatten. Der kurze Clip heißt "Hans" und dreht sich um eine Fotografie von Hurch, überlagert mit Bildern von Rom - und von tanzenden Kindern, die so hineinmontiert sind, dass es wirkt, als würden sie auf Hurchs Bauch tanzen. Was will uns Ferrara damit sagen? Die Antwort findet sich vielleicht in dem Dokumentarfilm, den er in diesem Sommer gedreht hat und der auch auf der Viennale zu sehen ist: "Piazza Vittorio". Es geht um einen großen Platz in Rom, ein Treffpunkt von Migranten, viele sind erst kürzlich übers Meer nach Europa gekommen. Ferrara lässt sie reden, hört ihnen zu. Er zeigt das Elend, in dem manche von ihnen gelandet sind, und auch den Rassismus vieler Italiener.

Schon zu Beginn schlägt eine alte Frau vor, aus dem ganzen "Abschaum" selbst die Grenzen zu bauen, die andere abhalten sollen. Ferrara zeigt das alles, ohne viel zu kommentieren. Aber er soldarisiert sich trotzdem deutlich mit den Migranten, die er trifft. Als Amerikaner ist er in Italien selbst ein Einwanderer, erklärt er im Film - in einem Land, aus dem einst viele Menschen nach Amerika aufbrachen, auf der Suche nach einem besseren Leben. Die Armut und der Rassismus erscheinen erst mal wie Zeichen für eine ungute Zukunft. Aber dann sitzen da ein paar alte Italiener auf einer Parkbank und schauen Kindern beim Spielen zu. Und eine Frau sagt etwas, was auf einmal unglaubliche Hoffnung macht: Solange hier die Kinder spielen, werden die Dinge immer besser werden.

Ob Ferrara daran gedacht hat, als er im Viennale-Trailer die Kinder auf den Bauch von Hurch montiert hat? Die Filmemacher und das Publikum der Viennale, sie wirken wie die Kinder, die ebenfalls zu Hurchs Ehren tanzen, und die sehr optimistisch stimmen, auch wenn sich das Festival gerade im Umbruch befindet. Die Viennale soll auch immer nur besser und nicht schlechter werden, sie soll auch nach dem jüngsten Rechtsruck bei der Wahl weltoffen und international bleiben. Die Kinder dürfen sich nur nicht irritieren lassen.

© SZ vom 26.10.2017

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