Österreichische Literatur Der tiefgefrorene Onkel

Sunt aliquid manes: Vea Kaisers dritter Roman verbindet memento mori und Sozialgeschichte.

(Foto: Ingo Pertramer)

Mit mitteleuropäischer Nonchalance erzählt Vea Kaiser in "Rückwärtswalzer" von einer tröstlichen Familie, die eine Leiche in die alte Heimat Montenegro transportieren muss.

Von Kristina Maidt-Zinke

Familiengeschichten sind auf dem Romansektor nach wie vor eine sichere Bank, Roadmovies kommen immer gut an, und die abenteuerliche Überführung einer Leiche, ob tiefgefroren oder pulverisiert, kann ebenfalls auf eine gewisse literarische Tradition zurückblicken. Insofern ist Vea Kaiser, die 1988 in Niederösterreich geboren wurde, in Wien lebt und schon zwei Bestseller in die Welt gesetzt hat, mit ihrem dritten Werk "Rückwärtswalzer" kein großes Risiko eingegangen. Dass sie an sich selbst und ihre Leser gewisse Ansprüche stellt, verrät allerdings der Untertitel "Die Manen der Familie Prischinger". Manen nannten die alten Römer ihre Totengeister, die Seelen der Verstorbenen, und ein Motto des Romans ist denn auch jenes von Properz, das da anhebt: "Sunt aliquid manes: letum non omnia finit," zu Deutsch: "Es gibt also doch jene Manen! Nicht alles beendet der Tod."

Von ihren Altgriechisch- und Lateinstudien berichtet Vea Kaiser gern, weiß sie doch, dass sie in der Autorengeneration, der sie angehört, damit schon fast ein Alleinstellungsmerkmal besitzt. Noch wichtiger für ihre Arbeit scheinen jedoch die Einsichten zu sein, die sie aus der Beschäftigung mit alten Literaturen gewinnt und die sie ebenso gewitzt wie selbstbewusst gegen Erfahrungen mit deutschen Schreibinstituten und zeitgenössischer Preisprosa ausspielt. Man darf das, was Vea Kaiser schreibt, guten Gewissens als Unterhaltungsliteratur bezeichnen, und niemand muss befürchten, von ihr mit weiteren lateinischen Zitaten oder sonstigem Bildungsgut belästigt zu werden. Und doch lässt sich nicht übersehen, dass hinter ihrer Fabulierlust ein Formbewusstsein steht, das den Stoff so lange knetet, bis er leicht verdaulich ist, ohne flach zu bleiben.

Deshalb wird man, nach dem ersten Fremdeln, mit der originellen Familie Prischinger bald warm. Mit Lorenz, dem erfolglosen Schauspieler, der nicht nur wirtschaftlich, sondern auch in Liebesdingen vom Pech verfolgt ist. Mit seinen drei Tanten namens Mirl, Wetti und Hedi, die in einem niederösterreichischen Dorf aufgewachsen sind, aber seit den Siebzigerjahren in Wien-Liesing leben, im dreiundzwanzigsten Bezirk, einer "Mischung aus Wohnghetto und Industriezone". Und mit Onkel Willi, Hedis Mann, der aus Montenegro stammt und eigentlich Koviljo heißt.

Leib und Seele brauchen Aufbaukost, so lautet die Devise, denn "Kummer zehrt"

Hedis Küche ist das "Hauptquartier", in dem die traditionell üppigen Prischinger-Mahlzeiten zubereitet werden, mit viel Schweineschmalz, Knoblauch, Petersilie und Kümmel und noch mehr Herzenswärme. Hier hat jeder sein Päcklein zu tragen, denn das Leben war und ist nicht immer ein Fest, aber im Kreis der kleinen Sippe, die zusammenhält wie Pech und Schwefel, sind tröstender Zuspruch und tätiger Beistand eine Selbstverständlichkeit. Leib und Seele brauchen Aufbaukost, so lautet die Devise, denn "Kummer zehrt". Und dann ist da noch ein Leitsatz, den die drei Schwestern seit ihrer Kindheit beherzigen, nicht zuletzt deshalb, weil sie sich gemeinsam schuldig fühlen am frühen Tod des jüngsten Bruders: "Niemand wird zurückgelassen".

Doch wer stirbt, lässt notgedrungen die zurück, die ihn lieben, und manchmal hinterlässt er ihnen handfeste Probleme. Als Onkel Willi urplötzlich vom Herztod dahingerafft wird, sind Lorenz und die Tanten nicht nur tieftraurig, sondern überdies mit der Aufgabe konfrontiert, die Leiche nach Montenegro zu schaffen. Der Onkel hatte sich stets gewünscht, in seinem Geburtsland beerdigt zu werden. Aber das angesparte Begräbnisgeld hat Frau Hedi in den veganen Onlineshop der nicht sehr lebenstüchtigen Tochter Nina investiert.

Man macht sich also im Fiat Panda auf den Weg, Lorenz am Steuer, die Tanten hinten und der Entschlafene auf dem Beifahrersitz: tagelang tiefgefroren mithilfe eines glücklicherweise in Mirl verliebten Metzgers, sodann korrekt gekleidet, geschminkt und mit einer Sonnenbrille getarnt. Die Strecke, die es zurückzulegen gilt, ist über tausend Kilometer lang, inklusive mehrerer Grenzübergänge.

Die Manen treten nicht als Gespenster auf, sondern als der gute Geist des Gedenkens

Natürlich birgt ein solcher Plot das Risiko, in krasse Albernheiten abzurutschen. Aber Vea Kaiser bringt es fertig, nicht nur von einem skurrilen Leichentransport, sondern zugleich von echter Trauerbewältigung zu erzählen. Zwischen den prekären Situationen der Reise entfaltet sich die Geschichte der Prischingers in Rückblenden, biografischen Episoden, die jedes einzelne Familienmitglied mit Empathie und liebevoller Ironie porträtieren. Der schwungvolle Wechsel zwischen Rahmenhandlung und Retrospektive erzeugt zuweilen leichten Schwindel, so wie es ein getanzter "Rückwärtswalzer" vermutlich täte, wenn es ihn denn gäbe.

Über die Lebensverhältnisse in einem Dorf im Waldviertel zur Nachkriegszeit hat die Autorin nach eigenem Bekunden viele Auskünfte von ihren Großeltern erhalten, sodass ihr Roman auch eine kleine Studie der jüngeren Sozialgeschichte Österreichs mitliefert. Was der Montenegriner Willi zwischen der Ära Tito und dem postjugoslawischen Zeitalter erlebte, wirkt hingegen fast märchenhaft, und bei der Schilderung von Koviljos Kindheitswelt verfällt Kaiser regelrecht in einen Astrid-Lindgren-Ton. Aber es gelingt ihr mit mitteleuropäischer Nonchalance, die Sphären zusammenzuführen. Und die Manen? Sie treten nicht etwa als Gespenster auf, sondern sind indirekt gegenwärtig als der gute Geist des Totengedenkens, das für die Lebenden eine Kraftquelle sein kann, wenn es so selbstverständlich praktiziert wird wie eine deftige Küche fernab neumodischer Ernährungshysterie. Denn immer noch gilt: Alles hat ein Ende, aber die Wurst hat zwei.

Vea Kaiser: Rückwärtswalzer. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019. 432 S., 16,99 Euro.