"Vanity Fair"-Blogger Rainald Goetz:Zeitgenosse des Jahres

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Eigentlich stellt "Klage", dieses Wort, das zwischen seinem elegischen und seinem juristischen Aspekt irgendwo die Mitte hält, keinen sehr passenden Titel für dieses Projekt dar; denn in seinen besten Momenten, von denen es viele gibt, regiert in ihm der Geist einer hellseherischen Heiterkeit, die vom Zorn den Blitz, aber nicht den Rauch hat.

Sie weiß zum Beispiel, dass es sinnlos ist, was einem ja immer wieder nahegelegt wird, eine Entscheidung zwischen Grass und Walser zu treffen, sondern dass es weit besser wäre, sie lachend zusammenzufassen.

Verquerer Aufklärer

"Grass und Walser, über deren Zeit-Gespräch ich vormittags zu schreiben versucht hatte, sind auf verquere Art doch wirklich die Aufklärer, für die sich selber halten. Belehren ihr Publikum bis ins gegenwärtige hohe Alter darüber, wie man werden kann als Schriftsteller im Lauf des Lebens.

Wie die Sprache das Denken zersetzt, wie der Erfolg die Realitätswahrnehmung ruiniert und wie die Unabhängigkeit des freien Schreibers seine soziale Kontaktfähigkeit praktisch vernichtet." Das ist ungerecht, speziell gegen Walser? Soll es doch. Es greift der Wahrheit zwar vor, zieht sie aber nach sich. Und man beachte, welche Haltung zur Sprache sich hier zu erkennen gibt: Aus ihr droht Gefahr genau dann, wenn sie wird, was die Dichter als höchstes Ziel verkünden, ganz die ihrige nämlich.

Ähnlich steht es auch mit Gerhard Richters Kölner Domfenster: Die wahren Fragen ergeben sich erst jenseits der Fronten, die die Medien aufmachen. "(...) zu hell, zu blau, zu kalt, zu wirr. Es war toll ausgedacht, aber in echt sah man, es war doch zu kleinkariert konzeptioniert. Allzusehr offenbar nur ausgedacht und insgesamt und trotz allen Kalküls auf den Gott des Zufalls und des Lichts der Sonne im letzten nicht wirklich sinnvoll erfühlt."

Verschleppte Moderne

Wo las man das sonst vor lauter Kardinal Meisner und verschleppter Moderne in Deutschland? Selber hinfahren, selber schauen, das ist der einzige Schlüssel, der ins Schloss der Welt passt.

Doch muss das Schlüsselloch nicht groß sein. Um das Nötige über Silke Scheuermann zu sagen, genügt Goetz ein winziger Video-Clip, der sie zeigt, wie sie halb-nackt durch das Frankfurter Städel flaniert: "Beim Lesen braucht man etwas länger, im Videobild sieht man es sofort, warum ihre Literatur, die genau so ist wie ihre Selbstpräsentation, nichts taugt: weil sie eine solche Angeberin mit dem Sexuellen ihres Körpers ist."

Ungeheuer viel an solch intelligentem, unabgesichertem Meinen ist in diese Schnipsel eingeflossen. Und wenn Goetz eine Seite lang über Schiller, den "Mann der Phrase", herzieht, "den seine eigene Ahnungslosigkeit und Inkompetenz viel weniger bekümmerte, als der leere Bogen Papier, der zu füllen war", dann liegt die Pointe jedenfalls nicht in den Zuständen von vor zweihundert Jahren, sondern in der BZ von heute. Die bringt einen Gastkommentar zu Brandauers "Wallenstein" (dem "unfassbar scheußlichen Brandauer"): "ein großes Stück / ich bin ganz besoffen / von der Sprache Schillers // vielen Dank, Herr Thierse, nehmen Sie ruhig / noch einen Schluck, einen kleinen."

Nur scrollen, nicht blättern

Wenn man Goetz für dieses Konvolut, das man vorerst nur scrollen und nicht blättern kann, einen Ehrentitel verleihen wollte, so müsste er lauten: "Zeitgenosse des Jahres".

Hoffentlich geht es gut, wenn "Klage" im Herbst als Buch erscheint. Denn so sehr jeder Autor das Buch als das Schatzkästlein und den innersten Bergfried seines Werkes ehren muss, so weiß doch niemand besser als Goetz, dass es auch die Klippe ist, an der der Augenblick zerschellt.

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