Süddeutsche Zeitung

"Vanity Fair"-Blogger Rainald Goetz:Zeitgenosse des Jahres

Lesezeit: 7 min

Ungeheuer intelligent und unabgesichert: Rainald Goetz verdient sich mit seinem jüngsten Blog bei "Vanity Fair Online" einen Ehrentitel. Nun wird sein Konvolut "Klage" zum Buch.

Burkhard Müller

Reine Gegenwart: Ihrer Idee strebt Rainald Goetz nach, solang er schreibt - und so sehr, dass er mit ihr die Initialen teilt: RG.

Vor zwanzig Jahren, als er "Krieg" schrieb, vermutete er sie beim Theater. Vor zehn Jahren setzte er unter Beihilfe von DJs und PR-Leuten zum großen Medienroman an. Heute, unter wiederum veränderten Bedingungen, scheint ihm der Blog das geeignete Mittel, um zu verhüten, dass die Form zu jener Dauer aushärtet, die einfach nur Verspätung ist.

Nun ist der Blog ja längst in der Mitte der Gesellschaft angelangt, in einem Grad, dass er die älteren Arten öffentlichen und privaten Schreibens unter massiven Druck setzt, indem er nämlich zwischen beide seine neue Halböffentlichkeit schiebt.

Abfall an Pathos

Goetz schreibt im Auftrag von www.vanityfair.de und er gibt dem Ganzen einen eigenen Namen: "Klage" heißt das Projekt, das seit dem Februar 2007 läuft - und im Herbst als Buch bei Suhrkamp erscheinen wird.

Goetz weist sein Geisteskind an: "Und so weine nicht, Klage, klage". Von dem Motto, unter das er sein Schaffen in den Achtzigern stellte - "Don't cry, work!" -, unterscheidet sich dieses durch einen beträchtlichen Abfall an Pathos.

Goetz traut dem Informellen eine größere Chance zu, das Reale in den Blick zu kriegen, als den überfesten, übernützten Genres der Literatur und Publizistik. Der Roman besteht nur noch aus Knochen und Fett, sprich einem ausgedachten Plot, an den sich Massen schwerfälliger Details hängen.

"Print macht Druck"

Und auch die Formate der Zeitungen beargwöhnt Goetz: Dass die Plätze so starr sind, gibt dem Gefäß Vorrang vor dem Inhalt; dass Raum aber dabei auch so knapp ist, macht alle böse in der Konkurrenz. "Print macht Druck, Internet entwickelt Sog und Anziehungseffekte mit der Zeit." Zeitungsleute, sagt Goetz, leiden "an der Gewalttätigkeit ihrer Produktionsgewissheiten."

Der Rezensent langt sich an die eigene Nase: Was treibt er selbst in diesem Augenblick? Wäre es nicht kraftvoller, und legitimer auch, auf literarische Produkte so zu reagieren wie es Goetz tut: "Susi Meyers Jelinek in München: ich haassää Määnschään". Ob ein Körper so ganz aus Nerven und Sehnen, wie er Goetz vorschwebt, Lebensfähigkeit erlangen kann, bleibt abzuwarten - die Neugier ist jedenfalls geweckt.

Die Schattenseite zuerst. Da Goetz keinerlei Geduld für fundamentierende Erklärungen hat und sofort in medias res geht, versteht man oft nicht, was er will und was los ist. Immer wieder erreicht er den Punkt, wo die angepeilte Direktheit ins Gegenteil umschlägt, weil man die umständlichsten Angaben bräuchte und nicht kriegt. Wer Jelinek ist, darf vorausgesetzt werden; dass Susi Meyer eine Regisseurin oder Schauspielerin sein muss, kann man sich denken. Wie aber steht es mit dem Folgenden?

Dr. Goethe steht für Zustände des Autors

"An manchen Tagen sehnte Dr. Goethe sich zurück zu jenen Zeiten, als man die Sachen, die man mochte, noch nicht als sexy bezeichnete, meist aber sehnte er sich nicht, denn er war nicht sehr jammerlappig vom Grundtyp her und tendierte dazu, was ihn faszinierte, direkt anzupacken und für sich auf seine Art selber zu versuchen. Ruine 113. gibt auch an er könne sich an nichts erinnern Addendum: Maeterlinck"

Dass Dr. Goethe für gewisse Launen und Zustände des Autors Goetz selber steht (er heißt sonst, je nach Tagesform, auch "Kränk" oder "Bösor"), kapiert man nach einiger Zeit.

Aber wie ist das mit Ruine 113 ? Und was hat hier Maeterlinck zu suchen? Das ist bloß noch die reine Zappeligkeit, da ist mit Goetz das Koffein durchgegangen. Und gerade von hier ist es nicht mehr weit zu jenem insiderischen Checkertum, das Goetz als sein erkenntnisleitendes Hassobjekt verfolgt, mag es sein Haupt im Sonntagsfeuilleton oder in den Manifesten der RAF erheben.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, warum Goetz dem Fall Kurnaz auf der Spur bleibt

Zeitgenosse des Jahres

Nachdem man dies vorausgeschickt hat, darf man sich den Vorzügen des Projekts zuwenden. Es sagt "Ich", verwendet dieses Ich aber bloß wie ein besonders leicht verfügbares Versuchskaninchen, um die Lüfte und Töne der Gegenwart zu testen. "Wo zu viel Ich, da kein Geschenk", lautet die bündige Formel. "TÖNE DER BLÖDHEIT, da mache ich demnächst mal eine Sammlung." Ein sicherer Instinkt veranlasst Goetz, unter allem, was so in Berlin läuft, ausgerechnet dem Fall Kurnaz auf der Spur zu bleiben.

Kaufimpulse und Überlegenheitsgefühle

Die Taz schreibt auf Seite eins riesig: Warum Steinmeier gehen muss. Das soll bei der eigenen Klientel Kaufimpulse setzen, zugleich Überlegenheitsgefühle auslösen, hö hö, die lustige Taz, macht da lustig Titelunsinn wie die lustige Bild-Zeitung.

Aber es ist gar nicht lustig. Die ressentimentabgesicherte Verhöhnung derer, die in den Apparaten Entscheidungen treffen und dabei wirklich Verantwortungslast übernehmen, ist reaktionäre Antiaufklärung, so gesellschaftsschädlich und verblödet wie die Autoritätsfixierung und Apparategläubigkeit von vor 68.

Rot-Grün ist auch an falscher Amtsverachtung gescheitert. Steinmeier ist anders, eine Ecke weiter als Fischer und Schröder, komplizierter, zurückgenommener, seriöser und kultivierter.

Wieder anders, wieder neu

Als zum fünften Mal dieselbe gleiche Frage von irgendwem gestellt wird, lehnt er sich zurück, holt tief Luft, weil so viel Schwachsinn Kraft kostet, fasst sich dann geistig und setzt nocheinmal neu an, indem er es sich selbst vergegenwärtigt: also!, worum gehts denn?! Und dann erklärt er alles nocheinmal von vorne, wieder anders, neu."

Da steckt wahrlich sehr viel auf einmal drin! Man könnte das noch genauer darstellen, aber für die doppelte Menge an Einsicht bräuchte man die zehnfache Menge Text, und da verzichtet Goetz lieber.

Ja, da ist in Worten, wie sie die Soziologie so knapp nie hinbekäme, der geistig-gesellschaftliche Ort der taz bestimmt. Und schon kommt die nächste Denk-Zumutung: Wie, der blasse Steinmeier wäre ein Fortschritt gegen Schröder und Fischer, ein Zugewinn an Takt, Klugheit, selbst Ehrlichkeit?

Schröder lehnte Interview ab

Man reibt sich die Augen, aber: mit Steinmeier, der nicht beharrt, sondern immer neu ansetzt, und unter den sieben geistigen Werken der Barmherzigkeit am höchsten das Ertragen der Lästigen ehrt, mit Sachlichkeit, Freundlichkeit, Ernst - identifiziert sich Goetz in hohem Grad.

Goetz hat auch Schröder angeboten, ein Buch "über die Kunst politischer Praxis" aus ihm "herauszuinterviewen". Das Interview schätzt Goetz nämlich sehr als den Inbegriff der gemeinschaftlich improvisierten Bemühung um Wahrheit; es stellt wohl in seinen Augen die ideale Gattung dar, in der das Literarische und das Unliterarische sich zu einem höheren Dasein von Literatur verbinden. Aber Schröder hat abgelehnt, nicht nur aus Eitelkeit, sondern, wie Goetz vermutet, mehr noch aus Angst.

Lesen Sie auf der dritten Seite, wie der Erfolg die Realitätswahrnehmung großer Schriftsteller ruiniert.

Zeitgenosse des Jahres

Eigentlich stellt "Klage", dieses Wort, das zwischen seinem elegischen und seinem juristischen Aspekt irgendwo die Mitte hält, keinen sehr passenden Titel für dieses Projekt dar; denn in seinen besten Momenten, von denen es viele gibt, regiert in ihm der Geist einer hellseherischen Heiterkeit, die vom Zorn den Blitz, aber nicht den Rauch hat.

Sie weiß zum Beispiel, dass es sinnlos ist, was einem ja immer wieder nahegelegt wird, eine Entscheidung zwischen Grass und Walser zu treffen, sondern dass es weit besser wäre, sie lachend zusammenzufassen.

Verquerer Aufklärer

"Grass und Walser, über deren Zeit-Gespräch ich vormittags zu schreiben versucht hatte, sind auf verquere Art doch wirklich die Aufklärer, für die sich selber halten. Belehren ihr Publikum bis ins gegenwärtige hohe Alter darüber, wie man werden kann als Schriftsteller im Lauf des Lebens.

Wie die Sprache das Denken zersetzt, wie der Erfolg die Realitätswahrnehmung ruiniert und wie die Unabhängigkeit des freien Schreibers seine soziale Kontaktfähigkeit praktisch vernichtet." Das ist ungerecht, speziell gegen Walser? Soll es doch. Es greift der Wahrheit zwar vor, zieht sie aber nach sich. Und man beachte, welche Haltung zur Sprache sich hier zu erkennen gibt: Aus ihr droht Gefahr genau dann, wenn sie wird, was die Dichter als höchstes Ziel verkünden, ganz die ihrige nämlich.

Ähnlich steht es auch mit Gerhard Richters Kölner Domfenster: Die wahren Fragen ergeben sich erst jenseits der Fronten, die die Medien aufmachen. "(...) zu hell, zu blau, zu kalt, zu wirr. Es war toll ausgedacht, aber in echt sah man, es war doch zu kleinkariert konzeptioniert. Allzusehr offenbar nur ausgedacht und insgesamt und trotz allen Kalküls auf den Gott des Zufalls und des Lichts der Sonne im letzten nicht wirklich sinnvoll erfühlt."

Verschleppte Moderne

Wo las man das sonst vor lauter Kardinal Meisner und verschleppter Moderne in Deutschland? Selber hinfahren, selber schauen, das ist der einzige Schlüssel, der ins Schloss der Welt passt.

Doch muss das Schlüsselloch nicht groß sein. Um das Nötige über Silke Scheuermann zu sagen, genügt Goetz ein winziger Video-Clip, der sie zeigt, wie sie halb-nackt durch das Frankfurter Städel flaniert: "Beim Lesen braucht man etwas länger, im Videobild sieht man es sofort, warum ihre Literatur, die genau so ist wie ihre Selbstpräsentation, nichts taugt: weil sie eine solche Angeberin mit dem Sexuellen ihres Körpers ist."

Ungeheuer viel an solch intelligentem, unabgesichertem Meinen ist in diese Schnipsel eingeflossen. Und wenn Goetz eine Seite lang über Schiller, den "Mann der Phrase", herzieht, "den seine eigene Ahnungslosigkeit und Inkompetenz viel weniger bekümmerte, als der leere Bogen Papier, der zu füllen war", dann liegt die Pointe jedenfalls nicht in den Zuständen von vor zweihundert Jahren, sondern in der BZ von heute. Die bringt einen Gastkommentar zu Brandauers "Wallenstein" (dem "unfassbar scheußlichen Brandauer"): "ein großes Stück / ich bin ganz besoffen / von der Sprache Schillers // vielen Dank, Herr Thierse, nehmen Sie ruhig / noch einen Schluck, einen kleinen."

Nur scrollen, nicht blättern

Wenn man Goetz für dieses Konvolut, das man vorerst nur scrollen und nicht blättern kann, einen Ehrentitel verleihen wollte, so müsste er lauten: "Zeitgenosse des Jahres".

Hoffentlich geht es gut, wenn "Klage" im Herbst als Buch erscheint. Denn so sehr jeder Autor das Buch als das Schatzkästlein und den innersten Bergfried seines Werkes ehren muss, so weiß doch niemand besser als Goetz, dass es auch die Klippe ist, an der der Augenblick zerschellt.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.215895
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 28.05.2008/pak
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.