USA Go West

Ist Los Angeles das neue New York? Die Massenflucht von Künstlern an die Westküste deutet darauf hin. Beobachtungen in einer Stadt, die noch nicht weiß, wie sie mit der neuen Rolle umgehen soll.

Von Peter Richter

Natürlich liegt es an den brutalen Preisen, sagt Jordan Wolfson, es liege aber schon sehr eindeutig auch am brutalen Wetter. Diesen ewigen, steingrauen, arschkalten, absolut nicht enden wollenden Schneesturmwintern von New York, in denen man jetzt seit ein paar Jahren, als ob es nicht so schon schlimm genug wäre, mit Swimmingpool-Selfies aus Los Angeles bombardiert wird. Es ist, mit anderen Worten, die Situation, von der das Lied "California Dreaming" erzählt: unter der Freiheitsstatue frieren und sich nach dem warmen Leben unterm Hollywood-Zeichen sehnen.

Der Unterschied ist nur der, dass The Mamas and the Papas ohnehin Gesinnungskalifornier waren. Jordan Wolfson wurde aber 1980 in New York geboren, und seit New York einst Paris als Hauptstadt der Kunst abgelöst hatte, galt eigentlich: Künstler aus Kalifornien und dem Rest der Welt ziehen an den Hudson, nicht umgekehrt. Höchstens zogen New Yorker Künstler mal nach Berlin, wo es die Winter allerdings kaum weniger in sich haben. Jordan Wolfson hat sechs Jahre in Berlin zugebracht, in einem Wohnatelier auf der Rosa-Luxemburg-Straße. Zuletzt in New York wohnte er in Red Hook und hatte sein Atelier in Industry City, beides raue Ecken am Hafenrand von Brooklyn. Und selbst dort benehmen sich die Preise wie eine Springflut. An ein Wohnen und Arbeiten in Manhattan sei für Künstler seiner Generation sowieso kaum noch zu denken. Irgendwann ist er dann einfach auch nach Los Angeles umgezogen.

Der Unterschied zu den meisten, die vor ihm gingen, ist nur der: Wolfson hätte es sich durchaus leisten können zu bleiben. Seit er von David Zwirner unter Vertrag genommen worden ist, dem einen der beiden führenden Großgaleristen von New York, muss er sich um das Finanzielle eigentlich keine so großen Sorgen machen wie all die jungen Künstler, die durch die steigenden Ateliermieten so weit in den Osten New Yorks gedrängt werden, dass es, weil die Erde schließlich eine Kugel ist, fast schon wieder logisch erscheint, dass sie jetzt alle an der Westküste wieder auftauchen. Wenn nun aber auch schon einer wie Jordan Wolfson geht, dann hat der Exodus eine neue Qualität erreicht.

Denn vor den Künstlern hatten sich ja schon die newyorkerischsten Musiker (Moby) und die manhattanhaftesten Schriftsteller (Brett Easton Ellis) eines Tages plötzlich an die Westküste abgemeldet. Und bevor die New Yorker Künstler nachzogen, waren schon all die Europäer da. Thomas Demand sitzt in Culver City, Piero Golia in Hollywood, und der Maler Daniel Richter berichtet von halben Jahrgängen seiner Wiener Kunsthochschulabsolventen, die sich ohne Umweg über Berlin oder New York direkt nach dem Diplom schon in das Bermudadreieck aus Galerien in Downtown, Badespaß in Venice Beach und Remmidemmi im Chateau Marmont stürzten. Selbst die New York Times muss das inzwischen zur Kenntnis nehmen und zitiert zerknirscht die bösen Todesanzeigen, die vor allem in Manhattan jetzt gerne ausgestellt werden: "Dubai mit Blizzards".

Und so sitzt eben auch Wolfson jetzt nicht mehr in einem zugigen Lagerhaus in Brooklyn, sondern in einer Fabrikhalle in Glendale. Und zwar im Besprechungsraum. Wie viele Künstler, die nicht zufällig Jeff Koons heißen, haben in New York Ateliers mit eigenem Besprechungsraum? Und eigenem Bürotrakt. Und Vorzimmer, in dem die Assistentin das Telefon bedient? Hinter all dem kommt erst die gewaltige Produktionshalle für die Kunst. Das letzte Mal, dass in New York ein Künstler dieser Altersklasse einigermaßen bezahlbar über derart viel Atelierfläche verfügen konnte, dürfte um die Zeit gewesen sein, als Wolfson geboren wurde: 1980. Damals hatte ein junger Armenier aus exakt dieser Gegend hier begonnen, vom Kunstposter- zum Kunsthändler aufzusteigen - Larry Gagosian, der andere der beiden führenden Großgaleristen in New York. So schließen sich die Kreise.

Die Luft, der Himmel - in Los Angeles verpasst man keine sonnigen Tage, weil jeder Tag sonnig ist. Und das Beste: In den Häusern unter den Palmen sind die Mieten bezahlbar.

(Foto: Bruce Davidson/Magnum)

Nun muss man das Wetter vor dieser Halle da in Glendale ebenfalls als brutal bezeichnen, als brutal schön: warm, sonnig und ein Himmel, als hätte jemand blauen Badezusatz reingekippt. Aber das ist hier eben auch wiederum kein Grund, deswegen die Halle Halle und die Arbeit Arbeit sein zu lassen, wie man das in New York und erst recht in Berlin tun würde. "Man verpasst hier keinen sonnigen Tag, weil jeder Tag sonnig ist", sagt Wolfson. Das Tageslicht sei ohnehin das Aufregendste an Los Angeles. "Vielleicht weil die Nächte bisschen langweiliger sind als in New York. Man kriegt hier mehr zustande. Man ist weniger abgelenkt."

Das heiße nun nicht, dass es keine Kunstszene im Sinne New Yorks gäbe, die sich an den Abenden hier ihren Gossip erzählt. Man bekomme es in Los Angeles, sagt Wolfson, nur eben auch mit ganz anderen, deutlich weniger bohèmehaften Gewerken zu tun, und dieser Austausch sei so eine irre Bereicherung. Er hänge mit Leuten vom Film herum jetzt, und er arbeite mit Leuten, die medizinische Geräte bauen. Oder militärische. All diese Dinge, die es vor allem und manchmal auch fast nur hier in Kalifornien gibt. Natürlich hat so etwas dann auch Einfluss auf die Kunst, die da entsteht. In Berlin hatte er konzeptuell gearbeitet, in New York sich mit Pop und Cartoons auseinandersetzt, in Los Angeles fing er an, mit Spezialisten für den Bau animatronischer Figuren zusammenzuarbeiten. Was er mit ihrer Hilfe schuf, war eine wie exhumiert aussehende Striptease-Automate, an der E.T.A. Hoffmann seine helle Freude gehabt hätte. Diese Mischung aus Sex, Grauen und Futurismus wäre ohne die Finanzkraft von Wolfsons New Yorker Galerie nicht denkbar gewesen, ohne das Expertentum der kalifornischen Tricktechniker allerdings erst recht nicht.

Man darf sicher sagen, dass diese Arbeit, nachdem sie voriges Jahr erst in New York und dann auf der Art Basel als Sensation der Saison herumgereicht wurde, Wolfsons Karriere auf ein neues Level katapultiert hat. Zwei Exemplare befinden sich nun in New Yorker Privatsammlungen. Zwei befinden sich allerdings auch in L.A.: die Künstlerkopie im Besitz von Wolfson. Und eine in der Sammlung von Eli und Edythe Broad, die soeben ihr üppiges Privatmuseum "THE BROAD" in Downtown Los Angeles eröffnet haben, wo Wolfsons Automate demnächst, wenn der Premierenrummel am Abklingen ist, offensichtlich in die Ausstellung eingewechselt werden soll wie beim Fußball ein Joker.

Bei den Eröffnungsfeierlichkeiten Mitte September benahmen sich allerdings auch fast alle Beteiligten wie von Hollywood-Tricktechnikern programmiert und ferngesteuert. Gegenüber von Frank Gehrys Disney Hall war ein Festzelt errichtet worden. Der Dress Code lautete "Black Tie". Und natürlich war das ausgerechnet vom Gastgeber für sich selbst als "schlichter schwarzer Schlips" interpretiert worden, sodass alle, die weisungsgemäß im Smoking angetanzt waren, neben ihm aussahen wie die Kellner. Die alte, kleine, fiese Machtgeste des Downdressing.

Und alle hatten antanzen müssen. Wenn dieses Festzelt zwischen kalter Vorsuppe und Hauptgang von einem der in Kalifornien ja nun immer irgendwie drohenden Erdbeben verschluckt worden wäre, dann hätte es nicht nur in Los Angeles eine Menge freie Ateliers, Galerien und Museumsdirektorenposten gegeben, sondern, was viel entscheidender ist, auch in New York. Ab sofort müssen nämlich nicht nur die Kunstbetriebsnudeln von der Westküste alle paar Wochen an die Ostküste, um auf dem Laufenden zu bleiben, sondern auch umgekehrt. Das wird hier mit großer Befriedigung zur Kenntnis genommen und den Gästen stolz erzählt.

Jordan Wolfson

"Das Tageslicht ist das Aufregendste an Los Angeles. Vielleicht weil die Nächte ein bisschen langweiliger sind als in New York. Man kriegt hier mehr zustande. Man ist weniger abgelenkt."

Der einzige New Yorker, bei dem die sonst so eisern allem entgegenlächelnden Kalifornier stur die Köpfe wegdrehen, ist der Kunsthändler Jeffrey Deitch. Und selbst der kam noch mal eingeflogen, obwohl er vom allmächtigen Eli Broad hier erst zum Direktor des Museum of Contemporary Art gemacht und drei Jahre später wieder entfernt wurde. Nun haben im Moment alle größeren Museen in der Stadt Direktoren, die aus New York kommen, aber der Trick ist, die Häuser dann auch so zu führen, als stünden sie in Wahrheit am Central Park - bis hin zu der New Yorker Mode des Fundraisings durch extrateure Neubaupläne. Deitch hingegen hatte sich bei den Kulturati von Los Angeles dadurch unbeliebt gemacht, dass er ihnen in ihrem Museum mit exakt den Dingen kam, vor denen sie hier eigentlich in die Museen fliehen: Dennis Hopper, James Franco, Hollywood. Kann sein, dass sich in dem massiven Unmut damals das eher noch nicht so besonders gefestigte Selbstbewusstsein einer Stadt ausgedrückt hat, die für ihre Unterhaltungsindustrie berühmt ist, aber gern ins ernstere Fach wechseln würde.

Verehrung gilt deshalb hier nicht künstlerisch ambitionierten Schauspielern, sondern "artist's artists" wie dem allerdings auch nicht gerade unheiteren John Baldessari, dem Frank Gehry übrigens gerade ein neues Haus im Stil seines Frühwerkes, also mit vielen Treppen und Dachterrassen, baut. Die Pläne sind aktuell in der großen Gehry-Retrospektive im Los Angeles County Museum of Art zu sehen. Baldessari ist jetzt 84, immerhin zwei Jahre jünger als sein Architekt, und man erzählt, er schwärme mit geradezu kindlicher Vorfreude von seinem zukünftigen Heim. Denn Kalifornien hält, wie man so sagt, frisch, während an der Ostküste manche schon bedrückend früh gravitätisch werden.

In Los Angeles sei die Kunst freier als in New York, wo die Last der Traditionen und Institutionen an ihr zerre, sagt einer, der selber vor drei Jahren herüberkam, jetzt hier Sammler berät und anonym bleiben will. Und Winona Bechtle - auf ihrer Visitenkarte steht "Art Professional" - sagt, dass es absolut typisch für Los Angeles sei, jemanden wie den Baldessari-Schüler Mark Bradford innerhalb einer Woche sowohl mit einer offiziösen Schau im renommierten Hammer Museum zu erleben als auch in seinem eigenen sogenannten Off-Space sowie bei drei bis vier Vorträgen bei befreundeten Galerien und Non-profit-Projekten.

Frau Bechtles Job ist es nämlich, im Auftrag einer Sammlerin den Überblick über die Gesamtheit des Kunstgeschehens in Los Angeles zu behalten, was nur mit viel Geduld im Straßenverkehr zu bewerkstelligen ist, denn all diese Orte liegen zum Teil recht weit auseinander und oft in sehr verschiedenen Sphären. Wenn man den Routen folgt, die Bechtle regelmäßig, nach Brennpunkten geordnet, abfährt, landet man am Ende in Downtown oder noch weiter südöstlich, in Gegenden, die von betuchten Kunstkäufern lange so ängstlich gemieden wurden wie früher Brooklyn von denen in New York.

Natürlich ist inzwischen schon das Gestöhne derer zu vernehmen, die lieber nicht das neue New York sein würden, denn darin steckt natürlich immer auch eine Drohung, und die Zuzüge von dort bringen oft genug mit, wovor sie flohen: Die Begeisterung über die günstigeren Immobilienpreise ist unter den New Yorker Künstlern zum Teil so groß, dass viele nicht nur mieten, sondern kräftig kaufen. Die Preise steigen seit einiger Zeit auch in Los Angeles merklich, und die Stadt hat inzwischen sogar einen historischen Wohnungsmangel. Noch ein paar Jahre und die Unterschiede dampfen wirklich auf das Wetter zusammen.

Neu in L.A.: Jordan Wolfson.

(Foto: Getty)

Trotzdem würde der anonyme Kunstberater die Stadt im Augenblick eher mit Berlin vergleichen, das ja bisher die Aufgabe hatte, das neue New York sein zu sollen. Die Parallele sieht er nicht zuletzt in dem Umstand, dass hier Kunst zwar jetzt massenhaft produziert, aber nicht genauso massenhaft auch gekauft wird. Der Kunstmarkt von Los Angeles gilt als entwicklungsbedürftig. Aber die Ausnahmen, die es von so einer Regel natürlich dann auch immer wieder gibt, scheinen dafür auf einem deutlich glamouröseren Niveau zu liegen als in Berlin.

Immerhin erzählt er einem das nämlich, während wir eine Sammlervilla am Meer besichtigen. Der Bau sieht aus wie ein Museum und ist auch entsprechend gefüllt: Maximal große Arbeiten von maximal teuren Künstlern. Der Architekt sagt, er wolle nur schnell ein paar Leute herumführen, man sei wieder weg, "bevor es crazy wird". Kein Problem, wird ihm geantwortet, es sei ja noch einen Augenblick Zeit, bis am Mittag der hohe Besuch erwartet werde: Museumsdirektoren, Großgaleristen, bekannte Künstlerfürsten, die meisten aus New York. Aus dem kalifornischen Lächelenglisch ins Deutsche übersetzt, heißt das zwar: Unpassender geht es gar nicht, raus hier bitte! Aber man kann die Leute ja trotzdem mal für einen Moment beim Wortlaut nehmen, sonst verpasst man Sehenswertes.

Eine Armee von Bediensteten trägt mannshohe Blumenbouquets in Richtung Pool. Und der Hausmeister parkt noch mal den Maybach um, versucht dabei, einer eben angelieferten Skulptur auszuweichen, knietscht dabei allerdings mit den Reifen gegen eine Kante aus dem blendend weißen Beton. "Oh", sagt er, als er die schwarzen Striemen sieht. "Not good!" Denn in diesem Moment sieht man vom Eingang des Anwesens her den Porsche der Hausherrin heranrollen. Zwei mexikanische Handlanger werden herangepfiffen. Grell gleißt nun die Morgensonne im Wasser der Putzeimerchen . . .

Weiter weg von Berlin kann man sich gar nicht fühlen. Und näher dran an Hollywood.