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"Urwaldgäste" von Roman Ehrlich:Geschickt gestalteter Verwirrkosmos

"Die Intelligenz der Pflanzen" ist eine von zehn Erzählungen in "Urwaldgäste".

"Die Intelligenz der Pflanzen", heißt die längste und beste Geschichte in Roman Ehrlichs erzählerischem Bukett.

(Foto: Susana Vera/Reuters)

Falltüren zwischen Fernsehquiz und Arbeitsplatz: Roman Ehrlich schickt in seinem Erzählband "Urwaldgäste" die Figuren ins Spiegelkabinett des alltäglichen Wahnsinns. Die Episoden sind nicht alle gelungen, aber handeln alle von Sehnsüchten in einer kalten Welt.

Am Abend nach Dienstschluss sitzt Arne Heym, von Beruf sogenannter Fleurateur, Experte für künstliche Pflanzenarrangements, in seiner Wohnung und löscht überflüssige E-Mails aus seinem Postfach, als am rechten Rand seines Bildschirms ein Kasten aufpoppt: "Lassen Sie sich täuschen!", steht dort, darunter das Halbprofil eines Mannes, der in eine dunkle Gasse hineinblickt und der Werbeschriftzug "Agentur Lateralis - Alternative Realitäten."

Genau dort, im Grenzgebiet zwischen dem fassbaren Dasein und den unfassbaren Möglichkeiten, die sich dahinter verbergen, sind die zehn Texte in Roman Ehrlichs Erzählungsband angesiedelt. Wo sonst könnte sich ein Gegenentwurf zur viel zitierten Alternativlosigkeit entwickeln lassen, wenn nicht in den unendlich vielen Alternativen, die die Kunst anbietet? Hier darf man es sich erlauben, unklar zu bleiben, nicht alles zu wissen und zu kennen, noch nicht einmal die Handlungsmotive und Denkstrukturen der Figuren, von denen erzählt wird.

Selbstinszenierung als Ausgangspunkt

Roman Ehrlich, der im vergangenen Herbst den hervorragenden Debütroman "Das kalte Jahr" vorgelegt hat, ist ein raffinierter und reflektierter Autor. Er weiß, was er tut, hin und wieder beschleicht einen angesichts dieser Erzählungen der Verdacht, dass er es allzu gut weiß, so technisch abgeklärt und manchmal gar steril wirken die Versuchsanordnungen seiner Erzählungen, in denen Menschen wie durch eine dünne Membran hindurch aus der Realität heraus- und in ein Zwischenreich aus unendlichen Spiegelungen eintreten. Der Ausgangspunkt ist, und auch das ist ein schlüssiger Ansatz, nicht selten die Unterhaltungsbranche oder die moderne Arbeitswelt, in der etwas hergestellt wird oder auch nicht, in der aber zumindest eines gewahrt bleiben muss: die glatte Selbstinszenierung.

Die irritierendsten Effekte erzielt Roman Ehrlich immer dann, wenn seine Figuren aus den erwartbaren Gesprächsmustern heraustreten und vermeintlich vollkommenen Unsinn erzählen, der in Wahrheit erhellend, wenn nicht gar umstürzlerisch ist. Da ist Frau S. aus P., die in einer Fernsehquizshow als Kandidatin auftritt. Der übliche Smalltalk zwischen Moderator und Kandidatin artet aus. Nein, präzise gesagt, artet er nicht aus, sondern er nimmt eine Richtung, die das Sprechen, das Miteinandersprechen, urplötzlich ernst nimmt.

Und damit kann niemand rechnen, der Fernsehen schaut. Von Berufsunfähigkeit ist die Rede, von einem Traum, der wiederkehrt, von einer Angststörung, von einem Haus in Wales, das Frau S. aus P. zu kaufen gedenkt, schließlich von einer neuen Gesellschaft. Die Produktionsassistentin wedelt hilflos mit den Armen, der Moderator fragt interessiert nach und hört zu. Im Nichtfunktionieren sind für einen Augenblick die Gesetze des Mediensmalltalks aufgehoben.

Augenblicke dieser Art inszeniert Roman Ehrlich immer wieder, sei es in Gestalt eines IT-Spezialisten, der sich allabendlich Pornofilme in einer Videothek ausleiht, anstatt sie im Internet anzuschauen, nur um in einen kurzen Kontakt mit der Frau an der Ausleihe zu kommen; sei es in Form eines Mannes, der während eines Vorstellungsgespräches beginnt, von einem Schulfreund in der fünften Klasse zu erzählen. In den stärkeren Erzählungen hat Ehrlich seine Figuren fest im Griff, bleibt aber auf Distanz, lässt ihnen ihre Fremdheit, ohne zu raunen.

Auswege in einer Welt der Entfremdung

Das gilt vor allem für die beste und mit knapp 90 Seiten auch umfangreichste Episode des Bandes, "Die Intelligenz der Pflanzen", eben jene, in denen der Fleurateur Arne Heym in einen geschickt gestalteten Verwirrkosmos hineingerät, in ein Szenario, das ebenso gut von der Agentur für alternative Realitäten, der Heym einen Auftrag welcher Art auch immer erteilt, gestaltet worden sein könnte wie auch von den schmerzhaften Verkettungen des tatsächlichen Lebens. Aber auch das ist schon wieder eine Falle, denn genau darum geht es, um die Nachbildung der Welt als bewusstseinskonsistente Attrappe, "ein Material, das ein anderes verkörpert", oder auch "die Fälschung der Fälschung".

Es sind sehr heutige, sehr gegenwärtige Schauplätze, in die Ehrlich sein Personal hineinsetzt, um es herausfallen, herauskippen zu lassen, aber nicht immer gelingt das gleich gut. Die Erzählungen in "Urwaldgäste" sind von durchaus unterschiedlicher Qualität; manche wirken sprachlich etwas roh, andere sind möglicherweise eine Spur zu explizit. Auch die Atmosphäre, die hier herrscht, legt den Gedanken nahe, dass "Urwaldgäste" ein Nebenprodukt von "Das kalte Jahr" ist. Auf vertrackte Weise sind beide Werke von Roman Ehrlich Sehnsuchtsbücher. In einer kühlen Welt der Entfremdung suchen sie nach Auswegen. Und finden, das ist nicht das Schlechteste, die Auswege in den vielfältigen Verzweigungen der Literatur selbst: "Lassen Sie sich täuschen!"

© SZ vom 02.12.2014/danl

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