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Ungarische Erzählungen:Luft holen im trügerischen Frieden

Die filigrane Sinnlichkeit der Erzählerin Zsófia Bán in den neunzehn Geschichten ihres Bandes "Weiter atmen".

Von Meike Feßmann

Wunderbar verdreht, leicht und zart, aber auch robust, biegsam in ihrer Syntax, membranartig in ihren Bildwelten wirken diese Erzählungen. Sie erzählen von Amphibien, die über die Haut atmen, von Löwen in Badewannen, von Vögeln, die Engeln gleichen oder womöglich doch welche sind. Sie erzählen von einer Frau, die ihre sterbenskranke Freundin im Krankenhaus besucht, von einer syrischen Flüchtlingsfamilie, die es von Aleppo bis an die ungarische Grenze geschafft hat, von Flugpionieren und Abenteurern.

Manchmal sind Gemälde der Anlass, etwa "Mann badet Löwen" von Attila Szücs, oder gleich eine ganze Ausstellung wie Marianne Csákys "Böreim" (Meine Häute). Auch eine sogenannte "Textverpflanzung" gibt es, nämlich aus Péter Esterházys "Die Hilfsverben des Herzens". Alles kann hier mit allem zusammengebracht werden, mal verwandelt und verschmolzen, mal sichtbar montiert.

Wie in ihrem 2012 auf Deutsch erschienenen Debütroman "Abendschule. Fibel für Erwachsene" arbeitet Zsófia Bán auch in diesem Band mit 19 Erzählungen oft mit dem Mittel der Montage, mit Abbildungen und Fotos im Geist eines W. G. Sebald. Das wirkt völlig unangestrengt. Es liegt eine halkyonische Leichtigkeit über diesem schmalen Buch, das der Leserin und gewiss auch dem Leser Heiterkeit beschert. Während man erkunden will, wie das gemacht ist, provozieren die Geschichten dazu, sich fallen zu lassen, um sich ihrem Spielgeist hinzugeben.

Zsofia Ban, ungarische Autorin

Zsófia Bán lebt in Budapest. Ihre Bücher werden seit 2012 von Terézia Mora ins Deutsche übersetzt.

(Foto: Ekko von Schwichow/schwichow.de)

Der Esprit der Erzählerin sammelt sich in den scheinbar ephemeren Details, flüchtig wie ein Geruch, aber genauso invasiv. Bei aller Zartheit regiert die Haptik, das Anfassen und Einverleiben, auch wenn Gestus und Vorsatz oft in der Schwebe bleiben. Etwa beim Besuch der Freundin im Krankenhaus. "Wie die Bäume" rollt die Lebensgeschichten zweier Frauen auf, die sich die Männer ausgespannt haben und nicht zuletzt deshalb eng verbunden sind, weil sie in der jeweils anderen "eine perfekte Zeugin herangezüchtet haben".

Auf der Bruchlinie zwischen Bedrohung und Rettung balancieren diese Geschichten

Die 1957 in Rio de Janeiro geborene Zsófia Bán erzählt in originellen Bildern. Beispielsweise eines von zotteligem Understatement (oder "Anderstäitment", wie Terézia Mora kongenial an anderer Stelle übersetzt): "dass wir seit vierzig Jahren über die rissigen Pfade der Eifersucht trotten, die ausgedienten Tretmühlenpferde, die wir sind." Am Ende ihres Besuchs hat die Erzählerin Hunger. "Isst du das noch?", fragt sie und zeigt auf den "unberührten Spinat" auf dem Nachttisch der Kranken. Es bleibt offen, ob sie das Krankenhausessen zu sich nehmen wird. Seine Andersartigkeit, diese Mischung aus Profanität, Intimität und einer Spur von Ekel, die es bei Besuchern erregt - wird durch die Formulierung verstärkt, es sei mit einer "erstarrten Oberfläche wie grüner Marmor" überzogen. Ein Firnis der Unberührbarkeit.

Auf der Bruchlinie zwischen Bedrohung und Rettung balancieren viele Geschichten, einmal fällt der Ausdruck, "harmonisch bedrohlich", was die Sache ziemlich gut trifft. In "Weiter atmen!", der Titel-Geschichte, kommt die Mutter eines (vermutlich autistischen) Roma-Jungen auf die Idee, ihrem Sohn jeden Tag ein neues Stück weißer Babyseife in die Hand zu geben, das er befühlen und zerfurchen kann. Das beruhigt ihn tatsächlich, bringt sie nur leider in die Lage, sieben Stück Seife pro Woche kaufen zu müssen. Bei einer Moped-Fahrt nach deren Erwerb haben Mutter und Sohn einen Unfall. Sie kommen ins Krankenhaus und müssen geröntgt werden. "Du darfst wieder atmen!", sagt die Assistentin, als der Junge es überstanden hat. "Mutter und Sohn atmeten gleichzeitig aus und fingen gleichzeitig zu lachen an. Robika hielt es länger durch, Robika jauchzte und bohrte seine Fingernägel glücklich in die frisch ergatterte Babyseife. Natürlich, Robika, sagte Mama, jetzt darfst du weiter atmen, und sie sogen beide den zarten Seifenduft ein."

Zsófia Bán: Weiter atmen. Erzählungen. Aus dem Ungarischen von Terézia Mora. Suhrkamp, Berlin 2020. 173 Seiten, 22 Euro.

Zsófia Bán wuchs als Tochter von Holocaust-Überlebenden zunächst in Brasilien, später in Ungarn auf. Sie war Ausstellungskuratorin, hat in Filmstudios gearbeitet, zeitweilig in den USA gelebt und lehrt Amerikanistik in Budapest. Als Gast des DAAD war sie 2015 in Berlin. Antisemitismus, Euthanasie und Fremdenfeindlichkeit sind in ihren Geschichten wie ein Hintergrundrauschen vernehmbar.

"Die Angst vergrößert die Dinge ebenso wie die Freude", heißt es an einer Stelle

Der Atem ist die verletzliche Universalmetapher dieser neuen Erzählungen. Wo Atem ist, ist Leben, wer zusammen atmet, tauscht mit der Luft auch sein Inneres aus, findet womöglich einen gemeinsamen Rhythmus und Trost. Jemandem den Atem abzuwürgen, bedeutet äußerste Grausamkeit. Man denkt an die Erstickungstode in Konzentrationslagern. Aber auch an George Floyds verzweifelten Hilferuf, "I can't breathe". In Friedenszeiten, "jener trügerischen Übergangszeit zwischen zwei Kriegen", könnte man geschützte Räume bereitstellen, um "das gemeinsame Ausgeliefertsein" zu trainieren, überlegt die Erzählerin in "Wege, sich einzuschmiegen". Jeden Morgen könnte sich die Bevölkerung dorthin begeben, "um den Puls, den Herzschlag wiederherzustellen, den Atemrhythmus aufeinander einzustimmen, einatmen, ausatmen, langsam, gleichmäßig, so lange bis das Volk des Schutzraums synchron nach Luft schnappt, was endlich Körper und Seele entspannt."

"Hôtel de l'Univers", die letzte und längste Geschichte, verbindet Details der Rimbaud-Forschung mit dem erotischen Erweckungserlebnis einer ungarischen Rimbaud-Spezialistin: Wie sie am Strand des Balatons vom Duft einer fremden Frau, die im Bikini an ihr vorbeistreift, magisch angezogen wird und hinter ihr hergeht, bis sie gemeinsam in einer Umkleidekabine landen. Elegant verschlingt Bán die Szenerie weiblichen Begehrens mit der abenteuerlichen Lebensgeschichte Arthur Rimbauds. Zeiten und Erinnerungsebenen werden ineinandergefältelt wie Schmetterlingsflügel.

Literatur kann wie ein "Beatmungsgerät" sein, heißt es in einer Geschichte über die magische Wirkung von Gabriel García Márquez. Das beglaubigt "Weiter atmen" in nahezu jeder Erzählung. Vom Ozean wegzuziehen, dessen Rauschen man gewohnt ist, löst Schlafstörungen aus, erfahren wir. Dieses Rauschen scheint in die Geschichten eingegangen zu sein. Man vernimmt es auch im durchlässigen Deutsch, das die zweisprachige Schriftstellerin Terézia Mora für ihre Kollegin gefunden hat. Vielleicht liegt es an der Mischung zwischen ungarischer Erzähltradition und der körperlichen Erfahrung Brasiliens, dass diese Geschichten so eigenständig sind: realistisch und surreal gleichermaßen, trocken, witzig, warm, von einer filigranen Sinnlichkeit, die wie ein Wahrnehmungsfilter funktioniert. "Die Angst vergrößert die Dinge ebenso wie die Freude", heißt es einmal. Die Heiterkeit, die "Weiter atmen" durchweht, ist ein Verkleinerungsmedium.

© SZ vom 29.07.2020
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