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Umriss der Vernunft:Drei Morgen Land, eine Kuh

Gilbert K. Chesterton: Der Umriss der Vernunft. Aus dem Englischen, mit Anmerkungen von Julian Voth. Matthes&Seitz, Berlin 2020. 256 S., 24 Euro.

Für Gilbert K. Chesterton ist der Mensch zum Leben auf dem Land bestimmt.

Was ist Kapitalismus? "Kapitalismus ist (...) ein äußerst unangenehmes Wort. Es ist auch eine äußerst unangenehme Sache." Und warum? Er ist "ein Wirtschaftssystem, in dem eine schwierig festzumachende und relativ kleine Gruppe von Kapitalisten eine derart große Menge von Kapital auf sich konzentriert, dass die große Mehrheit der Bürger gezwungen ist, diesen Kapitalisten für Lohn zu dienen."

Gilbert K. Chesterton schreibt das 1927 in seinem Essayband "Der Umriss der Vernunft", und man versteht gleich, warum der Autor ein so hochgeschätzter Essayist ist (auch wenn er seinen anhaltenden Ruhm mehr noch den Father-Brown-Erzählungen verdankt): Es verfügt über eine zupackende, schlichte, aber dabei raffinierte Sprache, seine Stilmittel sind von jener Einfachheit, die ans Klassische grenzt und sich im Gebrauch nicht leicht abnutzt.

Die Zwischenkriegszeit war für England kaum weniger strapaziös als für Deutschland. Wohl zählte man zu den Siegern des Weltkriegs, aber dass die einzigartige Stellung der Nation in der Welt dahin war, deutete sich an. Der Aufstieg der USA wurde hier stärker wahrgenommen als auf dem Kontinent und auch der Aufstieg des amerikanisch geprägten Kapitalismus. Und so ist Chestertons "Umriss der Vernunft" auch ein Dokument des Krisenbewusstseins der bürgerlich-kapitalistischen Welt, allerdings ein gut gelauntes.

Von zeitkritischen Büchern wird regelmäßig und meist zu Recht festgestellt, sie seien als Analyse der Schwierigkeiten interessant, der Versuch einer Lösung aber bleibe blass. Hier liegt es umgekehrt. Die Kritik, die Chesterton dem Kapitalismus angedeihen lässt, ist nicht besonders eindringend. Dass er von Wirtschaft viel versteht, mag man nicht glauben, nicht von der Theorie und nicht von der Praxis. Und wenn er mit der sozialen Wirklichkeit im Kapitalismus vertraut sein sollte, so lässt er seine Leser kaum daran teilhaben.

Der Autor fertigt den Sozialismus zugleich mit dem Kapitalismus ab

Chestertons Thema ist die Schauseite des Kapitalismus, seine Selbstdarstellung in der öffentlichen Meinung, das Reklamewesen, und dies alles attackiert er mit Lust.

Ähnliches gilt vom Sozialismus, über dessen Theorien er gleichfalls nicht viel zu wissen scheint. Dabei wird der Sozialismus zugleich mit dem Kapitalismus abgefertigt. Beide Erscheinungen hält Chesterton für Geschwister, beide bringen Industriegesellschaften mit lohnabhängigen Massen hervor und konservieren sie, beide begreifen sie die Menschen als Kollektiv, das der Führung bedarf. Individuelles Eigentum, das den einzelnen befähigt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und aus der Lohnarbeit auszuscheren, sehen sie nicht vor.

Aber eben darum geht es Chesterton, und das Mittel zu diesem Ziel heißt Distributismus. Der Distributismus will das Eigentum an Produktionsmitteln neu verteilen, sodass möglichst jede Familie damit ihren Lebensunterhalt eigenständig erwirtschaften kann. Chesterton sieht für ein solch freies, wenn auch hartes Leben die besten Voraussetzungen auf dem Land, darauf zielt sein Buch. Das Ideal ist die Gemeinschaft selbständiger Familien und vorzugsweise selbständiger Bauern. Drei Morgen Land, eine Kuh - und ein Bauer mit seiner Familie, die hart arbeiten müssen, aber dazu nicht kommandiert werden, die eine Arbeit verrichten, deren Sinn offenkundig ist. Das ist die Lebensform, die der Autor mit Liebe und Sorgsamkeit ausmalt.

Ob es für ein solches Leben überhaupt noch Anwärter gebe? Davon ist er überzeugt, man müsse nur hören, wie Engländer von ihrem Garten sprechen, mit welcher Liebe sie sich ihren Tieren widmen. Mit Hingabe erzählt er von den Slums in Limehouse (London). Der Bevölkerung waren neue, moderne Wohnungen angeboten worden, aber sie weigerte sich umzuziehen. Denn die angestammten Quartiere hatten bei allem Elend doch Hinterhöfe, in denen die Bewohner Kaninchen oder Geflügel halten konnten, davon wollten sie sich nicht trennen. Müssten solche Leute sich nicht auf dem Land ansiedeln lassen? Eine neue, die Massen ergreifende Kolonisierung ist das große Projekt, doch nicht in Übersee, sondern im eigenen Land.

Der Mensch ist zum Leben auf dem Land bestimmt, glaubt Chesterton, es bedeutet Kraft und Gesundheit im Unterschied zum städtischen Betrieb ("bin vollkommen einverstanden, wenn Schakale und Aasgeier in den Ruinen von Albert Hall ihre Jungen großziehen").

Der Originaltitel "The Outline of Sanity", "Grundriss geistiger Gesundheit", für die deutsche Ausgabe zu "Umriss der Vernunft" abgemildert, zeigt es. Es gibt für Chesterton unverrückbare Grundsätze richtigen Lebens, Fortschritt hält er für Bluff. Historisches Denken, wonach Lebensformen und Gefühlswelten ihre Zeiten haben, Aufstiege und Untergänge kennen, ist ihm gleichgültig.

Und so beschäftigt ihn auch nicht, ob die bäuerlichen Existenzen, die er mit solcher Zuneigung uns vor Augen stellt, überhaupt noch möglich sind. Was lässt sich mit drei Morgen Land (wohl 3 Acres, circa 1,2 Hektar) für eine Familie der 1920er-Jahren erwirtschaften?

Chestertons "Revolution" - der Autor verwendet das Wort in seinem ursprünglichen Sinn als Rückwälzung -, die Freilegung einer verschütteten Quelle menschlicher Kraft, war eine der großen Tendenzen dieser Jahre. Was bald in Deutschland "Blut und Boden" heißen wird, hat eine internationale Vor- und Begleitgeschichte, die man Mensch und Erde nennen könnte. Der Glaube, im Umgang mit der Natur ein Korrektiv der Zivilisationsschäden finden zu können, war weit verbreitet, so im frühen Zionismus und auch in den USA zur Zeit des New Deal; F. D. Roosevelt und Henry Ford gehörten zu seinen Verfechtern. Und Chesterton eben auch.

Die Unbefangenheit, mit der er dabei zu Werke geht, belebt sein Buch, der Leser gibt dem Autor gerne Kredit. Aber so sympathisch es ist, alles neu denken zu wollen, es läuft auf eine Vitalität hinaus, die mit einem Mangel an Bewusstsein einherspringt, einem Mangel an Verständnis für die Komplexität der Gegenwart und die Beschränkungen, denen wir nun mal unterliegen.

© SZ vom 30.03.2020

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