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Umgang mit Unwörtern:Wer spricht?

Auf der Frankfurter Buchmesse diskutierten Übersetzer über die Frage, wie man - etwa bei Mark Twain - das "N"-Wort aus dem Amerikanischen ins Deutsche überträgt. Darf man die Sprache von einst verändern?

Es ging um ganze zwei Wörter. Von denen eines nicht gesagt werden sollte, sondern ersetzt wurde durch "N-Wort". Das andere war das englische Wort "race". Trotzdem wurde da offenbar kein abseitiges Problem besprochen: Ein großes Publikum sammelte sich auf der Messe zu einer Diskussion darüber, wie man in der Literatur mit solchen Begriffen umgeht: "Wie politisch korrekt sind Übersetzungen?"

Die Antwort: Das ist eine Frage des Kontextes. Je unterschiedlicher die kulturellen Zusammenhänge werden, in denen Texte stehen, desto schwerer kommt man auf einen Nenner. Die Bemerkung der Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal, die neben drei bedeutenden Übersetzern auf dem Podium saß, Sprache wandle sich, und gerade das sei ihr Reiz, bezeichnete der Übersetzer Ingo Herzke als wenig praxistauglich. Damit hat sich Miriam Mandelkow bei ihrer Übersetzung von James Baldwins "The Fire Next Time" beschäftigt. Für das Wort "negro" sei die deutsche Entsprechung nicht tauglich gewesen. Die Geschichte der Gewalt gegen Schwarze und des Widerstandes dagegen schwingen im Deutschen nicht mit: "Auf Englisch ist es eine Selbstbezeichnung, auf Deutsch war es immer nur die Fremdbeschreibung." Wie im mündlichen Gespräch sei auch hier die Frage: Wer spricht? Ausschlaggebend sei, wie Baldwin selbst sich in den Sechzigerjahren genannt hätte. Sie habe schließlich das Wort "Schwarzer" benutzt.

Am Originalzusammenhang hielt der Übersetzer Andreas Nohl noch stärker fest. In seiner Übertragung von Mark Twains "Huckleberry Finn" gibt es die Figur Nigger Jim noch unter diesem Namen, der heute als verletzend empfunden wird. Das Buch sei schon bei seinem Erscheinen politisch äußerst inkorrekt gewesen. Es habe dokumentarischen Charakter, im Beinamen von Huck Finns Freund lagere sich das Unrecht gegen die schwarzen Sklaven ab. Gerechtigkeit lasse er aber Figuren widerfahren, deren Marginalisierung sich in früheren Übersetzungen in einer fehlerhaften Sprache niedergeschlagen habe: "Das ist die Chance von Neuübersetzungen: Auf dem Papier den Leuten die Würde zurückgeben zu können, damit sie sprechen wie Menschen."

Natürlich sei es illusorisch, "die richtige Sprache" verwenden zu wollen, sagte Sanyal dazu, aber man könne sie eben doch verändern. Nicht rückwirkend, entgegnete Nohl: "Wenn wir uns nur auf die Seite der Guten und Gerechten stellen und das, was davor lag, sprachlich nicht ernst nehmen, machen wir uns gefühlsärmer, empfindungsärmer und gedankenärmer." In deutscher Literatur komme das N-Wort selten vor, bei Schiller und Kleist etwa, und werde dort nicht in einem rassistischen Sinn gebraucht. Dass das möglich sei, wollte Mithu Sanyal aber nicht gelten lassen.

Im Grunde war man sich zwar einig auf diesem Podium: Größtmögliche Rücksicht muss sein. Nur wie man sie walten lässt, dazu gibt es widerstreitende Haltungen. Die historisch-positivistische will die Dinge so, wie sie waren, stehen lassen, sie nicht im Sinne der Nachwelt interpretieren. Dagegen steht die idealistische Vorstellung, dass Menschen sich immer weiter verbessern und verfeinern und deshalb auch an alte Texte neue Maßstäbe anlegen dürfen.

© SZ vom 18.10.2019

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