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"Ultraworld" an der Berliner Volksbühne:Digitale Wüstenspiele

Volksbühne Berlin

„Ultraworld“ ist ein Theaterabend wie eine Ayahuasca-Zeremonie.

(Foto: Julian Röder)

Lassen sich Themen wie künstliche Intelligenz und virtuelle Realität auf einer Theaterbühne verhandeln? Die Regisseurin Susanne Kennedy versucht es mit ihrem Stück "Ultraworld".

Mit Susanne Kennedys Theaterstücken ist es wie mit einer Ayahuasca-Zeremonie. Entweder man mag es, einer Sonne beim Sprechen und einer Mauer beim Zerfließen zuzusehen, oder man mag es nicht. Dazu Flashbacks wie nach einem psychedelischen Drogentrip und fragwürdige Lebensweisheiten. Allein das Auftaktvideo, das eine von Ambient-Klängen untermalte Wasseroberfläche zeigt, scheidet die Gemüter. Für die einen ist es die perfekte Einstimmung auf ein fast zweistündiges Gesamtkunstwerk, für die anderen der Vorbote einer elitären New-Age-Fantasie.

"Ultraworld" ist nach "Coming Society" Kennedys zweite Arbeit an der Berliner Volksbühne, die sie zusammen mit dem Künstler Markus Selg konzipiert hat. Auch dieses Mal setzen sich die beiden mit der Zukunft auseinander, dystopisch, rätselhaft, technikverliebt. Getreu dem Motto "form follows function" haben sie die virtuelle Welt vom Bildschirm auf die Bühne gebracht. Die Kulisse wirkt wie ein immersives Computerspiel, bunte Grafiken flimmern über die Wände, in der Mitte befindet sich ein gekacheltes Zimmer, dahinter abwechselnd ein animierter Wald, eine Wüste und ein Sonnenuntergang.

Auf dem Boden liegt Frank, der keinen blassen Schimmer hat, wie er in diese Simulation hineingeraten ist. Eine Art bewusstseinserweiterndes Spiel, mit dem eine künstliche Intelligenz ihren Akteuren zu innerem Wachstum verhelfen will. Dies erreichen sie aber nicht durch die Überwindung von äußeren Hindernissen, sondern durch die intensive Auseinandersetzung mit sich selbst. In diesem Versuchsaufbau muss Frank einen Test durchlaufen. Wieder und wieder durchlebt er, wie seine virtuelle Familie verdurstet, ohne dass er etwas dagegen tun kann. Die Tortur endet erst, als er den unaufhaltbaren Lauf der Dinge akzeptiert. "Wenn all deine Sinne von einem Computer kontrolliert würden, könntest du dann noch zwischen Realität und Fiktion unterscheiden?", wird Frank zu Beginn des Stückes gefragt und antwortet: "Möglicherweise nicht." Kommt auf den Stand der Technik an, hätte man auch antworten können, die im realen Leben gar nicht mehr so weit von der "Matrix"entfernt ist. Allerdings scheint sie auf der Bühne ebenfalls noch nicht am Höhepunkt angelangt zu sein, sonst würde Frank aufgrund mangelnden Bewusstseins nicht dauernd darum betteln, freigelassen zu werden.

Die neonfarbenen Sporthemden und kakifarbenen Designerkopftücher sehen so aus, als kämen sie direkt von der Fashion Week

Wer nun der Meinung ist, dass sich das alles ziemlich spaßbefreit und esoterisch anhört, der liegt richtig. Natürlich kann man Kennedy zugutehalten, dass sie eine von wenigen Theatermacherinnen ist, die sich an komplexe Themenbereiche wie künstliche Intelligenz und virtuelle Realität herantraut. Und eigentlich ist es doch auch schön, es ausnahmsweise mal nicht mit einer handlungsgetriebenen Entwicklungsgeschichte zu tun zu haben, sondern mit einer apokalyptischen Zustandsbeschreibung. Es ist auch Nietzsches Lehre von der "Ewigen Wiederkunft", die aus diesem Abend spricht. Doch einen solchen philosophischen Grundsatz zu einer der tragenden Säulen der eigenen Kunst zu machen, wie Kennedy es schon seit Längerem tut, wirkt langsam redundant.

Da helfen auch die vielen aufwendigen Spezialeffekte nichts und auch nicht die schauspielerische Leistung der Darsteller. Es ist zwar immer noch beeindruckend, wie Kennedy sie durch das Verbot von natürlicher Körperlichkeit und Sprache zu Wesen transformiert, die einem Roboter ähnlicher sind als einem Menschen. Trotzdem gerät auch die unverwechselbarste Handschrift ohne eine neue Stoßrichtung irgendwann zum Selbstzweck.

"Ultraworld" gefällt sich zu sehr darin, sämtliche Schlagworte unterzubringen, die in der Debatte gerade im Umlauf sind. Die von Lotte Goos ausgewählten Kostüme sollen das Weltuntergangsszenario unterstreichen, das Frank durchlebt. Aber die neonfarbenen Sporthemden, futuristischen Trekking-Sandalen und kakifarbenen Designerkopftücher sehen vielmehr so aus, als kämen sie frisch von der Berlin Fashion Week. In Kennedys Theatersprache schwingt auch etwas Überhebliches mit. Während sie die Existenz von "echten" Protagonisten verneint, ist sie die allmächtige Strippenzieherin im Hintergrund.

Die blutleeren, floskelhaften Dialoge zeugen von einer seltsamen Abneigung für die Mannigfaltigkeit der menschlichen Existenz. Dies ist vor allem deshalb so verstörend, weil Kennedy die Überwindung des Menschen letztlich auch immer als etwas Positives beschreibt. Doch viel mehr als ein megalomanes spirituelles Geraune kommt an diesem Abend nicht heraus. Dafür sind Kennedy und Selg zu sehr damit beschäftigt, für die aktuelle Gemengelage ein optisch ansprechendes Äquivalent zu finden, so wie ein geschmackssicherer Neo-Hippie auf Instagram.

© SZ vom 21.01.2020
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