Reflexion Angeln, ohne einen  Fisch zu fangen

Die Schriftstellerin Ulrike Draesner.

(Foto: oh)

Keine Angst vor dem Hausgespenst: Ulrike Draesners gelassen-selbstbewusster Erfahrungsbericht "Eine Frau wird älter"

Von Frauke Meyer-Gosau

Bangemachen gilt nicht, aber Schönreden ist auch keine Lösung. Älter zu werden ist für Frauen ungefähr ab Mitte 40 kein Spaß. Und so wirkt es allenfalls auf den ersten Blick lustig, wenn eine Frau nachts in ihrer Wohnung auf dem Trainingsfahrrad strampelt und sich fragt, ob sie vielleicht zum Hamster mutiert sei - aufs Rad hat sie natürlich nicht ein blödsinniger Übermut getrieben, sondern die alterstypische Schlafstörung. In ihrem immer nah an den eigenen Erfahrungen bleibenden Buch "Eine Frau wird älter" zählt Ulrike Draesner auf, was sonst noch zu den lästigen Wechseljahrsbeschwerden zählt: Wut, Bluthochdruck, Herzrasen, Vergesslichkeit - "Synapsenblockaden durch Hormondefizite".

Das Thema könnte gut und gern zum Jammern einladen, denn welche Frau empfindet sich auf Partys schon gern als "sprechendes Möbelstück", nur weil ihre äußere Attraktivität nachgelassen hat und die Reaktion ihrer Gesprächspartner inzwischen strikt textbezogen bleibt? Doch ist das Jammern Draesners Sache ebenso wenig wie etwa zwanghafte Heiterkeit oder ein über alle Tatsachen hinwegwischendes "Ist doch alles nicht so schlimm". Ihr kommt es vielmehr auf eine entschiedene Gegenbewegung zur Kläglichkeit an - es geht darum, den Blick auf sich selbst zu ändern.

Dabei ist die Erinnerung an frühere Wechselphasen des Lebens ebenso hilfreich wie die Vergegenwärtigung der weiblichen Generationsfolge, in der man steht, durch Gespräche mit gleichaltrigen Freundinnen oder die Beobachtung der pubertierenden Tochter. Wer sich von der Vorstellung verabschiedet, die weibliche Entwicklung verlaufe nach einer Art Berg-Modell und ab Mitte 40 erfolge der unaufhaltsame Abstieg, kann auch die Selbstwahrnehmung ändern. "Die entscheidende Frage heißt", schreibt Draesner: "Wie verstehe ich mich in der Entfaltung der Zeit, die ich noch haben mag, wenn es nicht um ein Abwärts nach einem Aufstieg geht?"

Allein die Sprache signalisiert, dass wir es hier nicht mit einem Ratgeber zu tun haben, sondern mit einer Selbsterkundung, mit der die Leserin ihre eigenen Ängste und Erfahrungen verbinden kann. So wie Draesner daran arbeitet, ihren Blick auf die eigene Geschichte und ihre Aussichten in den kommenden Jahrzehnten zu verändern, rechnet sie mit einer gedanklich ähnlich selbständig agierenden Leserin. Das Buch ist ein Angebot, in ein imaginäres Gespräch mit Draesners Sichtweisen und Schlussfolgerungen einzutreten.

Da kommen dann Ehebruch und Trennung in der Lebensmitte zur Sprache, Fehlgeburten und ihre seelischen Folgen, Schönheits-OPs und Intimrasuren. Aber auch der erste Tampon und das pubertär schwärmerische Entflammen für einen südländischen Kellner werden erinnert oder das fabelhafte Lebensziel des Kindes, aufgrund kühler Beobachtung seiner Umgebung "Witwe" werden zu wollen: "Männer starben, Frauen lebten weiter."

An Komik fehlt es diesen Lebensszenen also durchaus nicht, und wenn eine Freundin in ihrem Tweet zum neuen Jahr schreibt, "sie habe am Morgen endlich ihr Hausgespenst gesehen. Im Spiegel im Bad", dann werde ältere Leserinnen wissen, wovon die Rede ist.

Wie steht es mit der Solidarität unter den alternden Frauen selbst (nicht besonders gut), wie sieht es auf Dating-Seiten aus (eher gruselig), wie mit dem Verhältnis der älteren Frau zum jüngeren Mann (spontan ängstlich und vermeidend), und wie ist es möglich, dem Kreuzfeuer der fremden Blicke und eigenen Projektionen standzuhalten, ohne zu verzweifeln, zu verbittern oder sich einfach nur zu entziehen? Ulrike Draesner, die nun im eigenen Gesicht auch den Zügen von Mutter und Tanten begegnet, stellt sich mit ihren familiären Vorgängerinnen bewusst in eine Reihe.

Sie lernt die Demenz der Großmutter als späten Durchbruch zur Eigenständigkeit zu lesen, wenn die, in früheren Jahren immer angepasst und übervorsichtig, mit Schwung ihren Kaffee aus dem Fenster schüttet, weil ihr gerade danach ist. Und wenn die im Alter immer noch schöne Tante Ille ihrem Mann mittels eines Zettels auf dem Küchentisch mitteilt, sie gehe angeln, und dann für den gesamten Tag verschwindet, ohne je einen Fisch zu fangen, begreift sie das als Akt der Selbstbestimmung.

Das sind kleine, alltägliche, nicht sehr spektakuläre Dinge. Und doch zeigen sie an, dass Altwerden für Frauen nicht zwangsläufig bedeutet, sich dem stillschweigend vorausgesetzten Common Sense zu beugen. Vielmehr kann im Alter auch das Vergnügen an der bewussten Regelverletzung zunehmen und es ist "weder eine natur- oder menschheitsgeschichtlich gegebene Funktion der älteren Frau, sich mit oder ohne Enkel zur 'Oma' zu machen (machen zu lassen) oder sich so zu fühlen".

Ulrike Draesner tauft die Wechseljahre in "Wechselzeit" um, sie will dieser Phase die von Leiden, Einbuße und Verzicht gezeichnete düstere Aura nehmen. Nach vielfältigen Beobachtungen, Begegnungen, Gesprächen, Vergleichen, Erinnerungen und Lektüren gelangt sie zu dem Schluss, "gut aufgehoben zu sein. In einer Frauenkette, quer durch die Zeit" - versöhnt also mit der eigenen Herkunft und Geschichte.

Dies dürfte nicht jeder ihrer Leserinnen ohne Weiteres leicht fallen. Die in die Zukunft gerichtete Aufforderung, das Alter auch als ein Geschenk zu sehen, als das Geschenk, "als Mensch als (sein eigenes) Bild vollständig zu erscheinen", legt die Hürde noch einmal höher. Um darüber springen zu können, muss die Leserin all ihre Erfahrungen, ihr Wissen und ihre Wahrnehmungen zusammennehmen und ernsthaft prüfen. Insofern ist dies Buch schließlich auch eine freundliche Provokation dazu, selbst aktiv zu werden und das ganz persönliche Bild des eigenen Alters zu entwickeln. Rezepte dafür gibt es nicht, wohl aber erfolgversprechende Wege dorthin. "Eine Frau wird älter" schlägt einige davon vor.

Ulrike Draesner: Eine Frau wird älter. Ein Aufbruch. Penguin Verlag, München 2018. 208 Seiten, 20 Euro.