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Über Lebenskunst:Einsame Hochebene

Welches Buch bietet Trost, welcher Film beruhigt die Nerven, welches Kunstwerk weitet den Blick? Empfehlungen des Feuilletons.

(Foto: SZ)

Von Johann Sebastian Bach sind 200 Kantaten erhalten. Sie sind zwar den meisten Hörern kaum bekannt, markieren aber den Höhepunkt seines Könnens.

Von Gottfried Knapp

Gerade im Beethoven-Jahr, das einem klarmacht, wie viele Werke Beethovens man bestens kennt, wird einem bewusst, wie viele Werke von Johann Sebastian Bach man fast gar nicht kennt, obwohl sie fraglos zum Besten gehören, was auf ihrem Gebiet geschaffen wurde. In diesen vom Konzertbetrieb weitgehend vernachlässigten Teil von Bachs Werk kann sich am besten einarbeiten, wer das Glück hat, rechtzeitig vor der Corona-Krise den mächtigen Kasten mit der Aufschrift "Bach 333" erworben zu haben. Dieser Koloss enthält neben drei Büchern, die fundiert in Bachs Werk und Leben einführen, das Gesamtwerk des Meisters auf 220 CDs, musiziert von Virtuosen der historischen Aufführungspraxis und ergänzt um berühmte Bach-Aufnahmen der Geschichte und einige waghalsige interpretatorische Experimente der letzten Jahre.

Diese vom Bach-Archiv Leipzig zusammengestellte Schatztruhe funktioniert als Einführung in das Werk deshalb so gut, weil hier die Werkkomplexe erstmals in der Reihenfolge ihrer Entstehung präsentiert und charakterisiert werden. Folgt man bei den Orgel- oder bei den Klavierkompositionen der ausgelegten Fährte, kann man fast physisch direkt nacherleben, wie der in allen gängigen Stilen experimentierende junge Meister die vorgefundenen Formmodelle sprengt, wie er bekannte Floskeln mit Leben erfüllt und mit den gängigen musikalischen Bausteinen Architekturen von überwältigender Größe und Schönheit errichtet.

Allein aus dem Jahr 1723 haben sich 27 der damals aufgeführten Kantaten erhalten

Völlig überwältigt ist man schließlich von dem musikalischen Reichtum, der sich auftut, wenn man sich in die dichte Abfolge der Kantaten hineinwagt und begreift, in welch katastrophal beengtem Zeitraum diese extrem anspruchsvollen Chor- und Orchesterwerke nicht nur erfunden, nieder- und abgeschrieben, sondern auch einstudiert und uraufgeführt worden sind. Als Bach nach einem demütigend langen musikalischen und theologischen Prüfungsverfahren 1723 endlich als Thomaskantor nach Leipzig berufen wurde, war es seine Pflicht, nicht nur an fast 50 Sonntagen, sondern zudem auch noch an den drei Weihnachts-, den drei Oster-, drei Pfingst- und drei Marienfesttagen sowie am Tag des Ratswechsels, an den Johannis-, Michaelis- und Reformationsfesten passende Kantaten und am Karfreitag auch noch eine Passion aufzuführen. Da er aus Weimar und Köthen, wo er als Hofmusiker und Instrumentalist tätig gewesen war, nur wenige geistliche Kantaten mitgebracht hatte, musste er, als er Ende Mai 1723 mit seiner großen Familie im Thomasschulhaus einzog, praktisch alle Kantaten, die an den kommenden Sonn- und Feiertagen fällig waren, nach Texten, die sich in ihrem Bilderschwulst teilweise selber in die Parade fuhren, neu komponieren.

Was dabei in dichtester Folge entstanden ist, lässt sich auf den CDs der Edition "Bach 333" als musikalisches Abenteuer der obersten Kategorie nacherleben. Allein aus dem Jahr 1723, das schon fast zur Hälfte vergangen war, als Bach in Leipzig anfing, haben sich 27 der damals aufgeführten Kantaten erhalten. Zwischen einigen Aufführungen waren dem Komponisten, der sich jedes Mal in neue Extreme der protestantischen Theologie versenken musste, den gehetzten Kopisten der Noten und den Chor-und Orchestermusikern nur wenige Tage geblieben, um etwas gänzlich Neues zu schaffen.

Ende August 1723 mussten Bach und seine Musiker sogar an zwei Tagen hintereinander je ein großes neues Werk aus der Taufe heben. Am 29. August konfrontierten sie die Kirchenbesucher im Frühgottesdienst mit einem fast wollüstigen Sündenbekenntnis, das musikalisch kühn durch alle möglichen Gefühlsregionen mäandriert (BWV 25). Am nächsten Morgen mussten sie die Neuwahl des Stadtrats mit einer wort- und bilderrreichen halbstündigen Jubelkantate feiern. Bach hat für diesen weltlichen Anlass alles an barocken Wirkungsmitteln aufgeboten, was ihm zur Verfügung stand. Zu Chor und Streichorchester gesellen sich vier Trompeten, zwei Pauken, zwei Blockflöten und drei Oboen, die in schönem Wechsel ihre spezifischen Farben ausspielen können (BWV 119). Auch unter dem monströsen Zeitdruck jener Tage hat Bach also in Serie Chor- und Orchesterwerke komponiert, die sich auf der einsamen Hochebene der bekannten Passionen und Oratorien bewegen, ja manche der heute so beliebten weltlichen Werke aus Köthen an Ausdrucksvielfalt und Originalität sogar übertreffen.

Deutlich komplexer wird es, wenn vor den lärmenden Schrecken des Endgerichts gewarnt werden soll

Wer den Versuch macht, die Fülle der überwältigenden Eindrücke allein aus den Kantaten des Jahres 1723 in wenige Sätze zusammenzupressen, kann eigentlich nur verzweifeln. Um eine Ahnung von der Vielfalt der kompositorischen Ansätze zu geben, kann man sich auf den Einsatz der zur Verfügung stehenden Instrumente konzentrieren. In den Wochen, von denen wir reden, muss Bach einen vorzüglichen Trompeter zur Verfügung gehabt haben. Ihm mutet er Ausdrucksgesten zu, die dem Instrument alles abfordern. Schmetternder Jubel und Triumphfanfaren sind noch die einfachsten Übungen. Deutlich komplexer wird es, wenn quälende Gefühle beschworen, böse Drohungen ausgesprochen, Blitz und Donner in den Raum geschleudert werden oder vor den lärmenden Schrecken des Endgerichts gewarnt werden soll. Zu einem Arientext, der die Unvollkommenheit des Menschen geißeln will, hat Bach eine bizarr gezackte, mit einem Barockinstrument kaum spielbare Trompeten-Partie geschrieben, die den beauftragten Musiker seinerzeit wahrscheinlich verzweifeln ließ, ihn also offen in die vom Text verkündete Unvollkommenheit hineintrieb (BWV 77). Heute machen Alte-Musik-Spezialisten, wie die der English Baroque Soloists unter John Eliot Gardiner, gerade aus solchen provozierenden Stücken aufregend lebendige, tief bewegende Musik.

Am meisten zu bewundern ist wohl, dass Bach beim Dauerkomponieren nie in Routine verfallen ist. Auch wenn er Texte vertonen musste, die sich monoton in Katastrophengedanken vertiefen und keine Hoffnung lassen, hat er Wunder an musikalischer Vielfalt vollbracht, die dem Hörer Trost spenden, ja ihm eine Ahnung von Glück geben können. Zu dem todessüchtigen Text "Ach schlage doch bald, selge Stunde, den allerletzten Glockenschlag" ist ihm geradezu Überirdisches eingefallen. Alle tiefen Stimmen schweigen. Die Geiger zupfen ihre Instrumente in einem gleichmäßigen Rhythmus und erinnern so sanft pochend an den Glockenschlag im Text. Über diesem zarten Klangteppich winden sich die Melodien der beiden Oboen so sehnsüchtig in die Höhe, dass ihnen von oben Engel mit einem Echo zu antworten scheinen (BWV 95). Geiger können dem Ohr aber auch schmerzhafte Stiche zufügen. In der Arie "Wie zweifelhaft ist mein Hoffen" müssen sie spitz nach oben schießende Schleifer, die wie Messerstiche wirken, fast gewalttätig wiederholen (BWV 109).

Fazit: Auch wer sich tagelang intensiv mit dem Riesenwerk von Bachs Kantaten beschäftigt hat, ist über Anfänge nicht hinausgekommen. Aber er beginnt zu ahnen, welche Fülle an außerordentlichen musikalischen Erlebnissen noch auf ihn wartet.

© SZ vom 11.04.2020

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