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TV: Schleichwerbeskandal reloaded:Fragen Sie Ihren Apotheker

Wie eng die Agentur Kultur+Werbung an der Drehbuchentwicklung bei Saxonia und für die ARD beteiligt war, zeigt eine Notiz, die kurz vor Weihnachten 2002 im Agenturprotokoll erscheint, das ebenfalls von epd aufgetan wurde: "Drehbuch muss von SF bis 20.12.2002 bearbeitet werden, damit es in der zweiten Drehbuchfassung integriert ist." Um ein Medikament kundengerecht zu integrieren, sollte sich eine Agentur-Mitarbeiterin ("SF") offenbar als Redakteurin betätigen. Auch die Pharmamanagerin eines anderen Herstellers durfte augenscheinlich selbst an einem Drehbuch mitstricken. Dem epd sagte sie 2005, seit sie wisse, was man im Fernsehen alles kaufen könne, glaube sie "denen" nichts mehr.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk erlitt damals einen Verlust an Glaubwürdigkeit, selbst bei den Nutznießern der verbotenen Werbung. Der Rat für Public Relations, Selbstkontrollorgan der PR-Branche, betonte nun, dass die meisten der beschuldigten und gerügten Pharmafirmen ihr Fehlverhalten inzwischen eingesehen und Besserung gelobt hätten.

Und nun? Nun haben sich Redakteure beim MDR an die alten Folgen gesetzt und unter "viel Aufwand", so die MDR-Pressesprecherin Birthe Gogarten, die Produktnamen ausgetauscht. Außerdem sind inzwischen Köpfe gerollt, unter anderem musste 2005 der damalige Bavaria-Geschäftsführer Thilo Kleine gehen. Aber ist es damit nun getan?

Ein teurer Vorgang

Verführt der Patient in Folge 85, der so vehement nach diesem einen, neu entwickelten Produkt fragt, das seine Beschwerden als Einziges lindern könne, und deren Wirkungsweise langatmig erklärt wird, reale Patienten mit derselben Erkrankung nicht dazu, bei ihrem Hausarzt nach ebendiesem Produkt nachzufragen?

"Nein, ich sehe das nicht", sagt Pressesprecher Martin Gartzke vom NDR. "Dadurch, dass das alles ausgetauscht wurde, lässt sich ja kein Zusammenhang mehr herstellen", betont auch die Pressesprecherin des MDR: "Alle Folgen wurden von der MDR-Redaktion gesichtet und bearbeitet." Das sei ein "arbeitsintensiver, teurer Vorgang" gewesen. Nach der Bearbeitung seien alle Folgen noch einmal von der Revision geprüft worden. "Es gab keinerlei Beanstandung mehr, so dass nichts gegen eine Wiederholungsausstrahlung einzuwenden war." Durch die Ersetzung der Produktnamen lasse sich "kein Bezug mehr zu irgendeinem Medikament oder Forschungsfeld" herstellen, so die Pressesprecherin.

Rechtlich scheint der Fall damit erledigt zu sein. Moralisch aber, und darum ging es ja schließlich im Schleichwerbeskandal der ARD von Anfang an, bleiben wohl einige Fragen offen, die Ihnen vielleicht Ihr Arzt oder Apotheker erklären kann.

In Pharma- und Medienblogs jedenfalls ist inzwischen von "Schleichwerbe-Recycling" die Rede. Genüsslich wird dort zu der Sendung verlinkt, in der tatsächlich verdächtig auffällig ein bestimmtes, neuartiges Medikament im Mittelpunkt steht.

Klar ist: Nachdem deutlich geworden war, wie stark "In aller Freundschaft" durch Schleichwerbung infiziert war, hätte das Öffentlich-Rechtliche wohl besser daran getan, dem Patienten gestrenge Bettruhe zu verordnen.